Ver­häng­nis­vol­le Er­in­ne­rung

„Ein Ju­de als Ex­em­pel“be­ruht auf dem gleich­na­mi­gen Ro­man des Schwei­zer Schrift­stel­lers Jac­ques Ches­sex, der ei­ne wah­re Be­ge­ben­heit auf­ar­bei­tet.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - MEDIEN - Von Christof Bock dpa

Zu den Bil­dern der schreck­li­chen Zeit des Zwei­ten Welt­krie­ges kön­nen die meis­ten heu­te nur noch über al­te Fil­me und Schwar­zweiß-fotos ei­ne Brü­cke her­stel­len. Doch noch im­mer le­ben Men­schen, die als Kind da­bei wa­ren, als Städ­te in Schutt und Asche ver­wan­delt wur­den, die Men­sch­lich­keit ver­lo­ren ging, jü­di­sche Bür­ger ver­folgt und ab­ge­holt wur­den. Man­che der Kriegs­ge­ne­ra­ti­on lässt die Er­in­ne­rung nie los. Wie für die­se Men­schen die al­te und die mo­der­ne Welt bunt ver­schwim­men, zeigt ein­drucks­voll der Schwei­zer Spiel­film „Ein Ju­de als Ex­em­pel“heu­te Abend auf 3sat.

Es ist die dop­pel­bö­di­ge Ver­fil­mung ei­nes Ro­mans des Schrift­stel­lers Jac­ques Ches­sex nach wah­ren Be­ge­ben­hei­ten: In der Schwei­zer Kle­in­stadt Pay­er­ne er­mor­den Na­zi-sym­pa­thi­san­ten 1942 ei­nen Vieh­händ­ler – als „Ge­schenk“zu Hit­lers 53. Ge­burts­tag. Bru­no Ganz spielt das arg­lo­se Op­fer des grau­si­gen Ver­bre­chens in der of­fi­zi­ell neu­tra­len Schweiz. Dann je­doch macht das Dra­ma den Sprung in die Ge­gen­wart. In sei­ner zwei­ten Hälf­te er­fährt der Zu­schau­er, was die Ver­öf­fent­li­chung von Ches­sex’ Kind­heits­er­leb­nis 2009 in der Schwei­zer Öf­fent­lich­keit und ganz kon­kret im Le­ben von Ches­sex an­ge­rich­tet hat.

Der Au­tor kommt in „Ein Ju­de als Ex­em­pel“gleich zwei Mal vor – als acht­jäh­ri­ges Ich (Ma­thi­as Sv­im­ber­s­ky) und als Er­folgs­schrift­stel­ler An­fang 70 (An­dré Wilms). Den­noch gibt es kei­ne Rück­blen­den. Die Zei­ten ver­schwim­men. Plötz­lich ist es der al­te Mann, der den Mord im Stall be­ob­ach­tet.

Der be­dräng­te Vieh­händ­ler Ar­thur Bloch fährt ei­nen mo­der­nen Vol­vo. Die Werk­statt des Na­zi-an­füh­rers Fer­nand Ischi (Au­ré­li­en Pa­touillard) sieht mehr nach 2019 als nach 1942 aus. Die Fa­b­rik, die in­mit­ten der Kriegs­kri­se dicht­ge­macht hat, wird mit Ak­ku­schrau­ber ver­schlos­sen. Po­li­zis­ten in Uni­for­men un­se­rer Zeit er­mit­teln im Fall.

Dem ge­gen­über ste­hen his­to­ri­sche Ko­s­tü­me und das pracht­vol­le Art-dé­co-wohn­zim­mer des Un­ter­neh­mers Bloch, des­sen Ehe­frau ihn vor dem im­mer ju­den­feind­li­che­ren Kli­ma in der Schweiz warnt. Al­les greift in­ein­an­der. Das ist be­ab­sich­tigt und zeigt, dass die Ver­gan­gen­heit nicht stirbt. Aber auch, dass der ent­setz­li­che Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruch je­der­zeit wie­der pas­sie­ren kann.

Mehr als 60 Jah­re lang nagt das Kind­heits­er­leb­nis an Ches­sex. Schließ­lich schreibt der in­zwi­schen preis­ge­krön­te Schrift­stel­ler die Epi­so­de auf. Da­mit macht er sich vie­le Fein­de, vor al­lem in Pay­er­ne. Von nun an gilt er vie­len als Nest­be­schmut­zer. Sein Kopf ziert schließ­lich so­gar ei­nen Kar­ne­vals­wa­gen. Als Ches­sex bei ei­ner öf­fent­li­chen Le­sung 2009 er­neut aufs Gröbs­te be­schimpft wird, hat es fa­ta­le Kon­se­quen­zen.

„Ein Ju­de als Ex­em­pel“, von Ja­cob Ber­ger im Jah­re 2016 mit klei­nem Bud­get ge­dreht, ist ein se­hens­wer­ter Film, aber nichts für Zart­be­sai­te­te.

„Ein Ju­de als Ex­em­pel“,

22.25 Uhr

3sat, heu­te,

Foto: ZDF/SRF/VE­GA Film Ag/dpa

Wird Op­fer ei­nes grau­si­gen Ver­bre­chens: Bru­no Ganz als jü­di­scher Vie­händ­ler Ar­thur Bloch

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