Hei­de­ma­rie Päch saß nach ei­nem Flucht­ver­such jah­re­lang im Ddr-frau­en­gefäng­nis Ho­hen­eck ein.

Hei­de­ma­rie Päch wur­de bei der Flucht ge­fasst und lan­de­te spä­ter im Ddr-frau­en­gefäng­nis Ho­hen­eck. Dort leb­te sie mit Schwerst­kri­mi­nel­len auf engs­ten Raum.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - FRANKFURTE­R STADTBOTE - Von Jan-hen­rik Hn­i­da

Los, auf­ste­hen!“Mit­ten in der Nacht geht das glei­ßend hel­le Licht an, die Wär­ter schla­gen mit ih­ren Schlüs­seln klir­rend ge­gen die Git­ter­stä­be. Drei Jah­re und zwei Mo­na­te muss­te Hei­de­ma­rie Päch das un­sanf­te We­cken über sich er­ge­hen las­sen. So lan­ge saß sie hin­ter den di­cken Ge­fäng­nis­mau­ern in Ho­hen­eck. Schi­ka­ne und Ein­schüch­te­run­gen wa­ren an der Ta­ges­ord­nung in Ho­hen­eck, er­zählt die 62-jäh­ri­ge Frank­fur­te­rin.

Nach der Ge­richts­ver­hand­lung im De­zem­ber 1980 wur­de sie An­fang Ja­nu­ar in den „Frau­en­knast“ver­legt. Ih­re an­fäng­li­che Hoff­nung auf mil­dern­de Um­stän­de wa­ren ver­ge­bens. Ob­wohl ihr Mann sich den Plan zur Flucht aus der DDR aus­ge­dacht hat­te, weil er sich in der Ge­gend aus­kann­te, und sie ei­gent­lich nur ei­ne „Mit­läu­fe­rin“war, wie sagt, muss­ten bei­de die glei­che Zeit in Haft ver­brin­gen. Er in Chem­nitz und sie in Ho­hen­eck. Als po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne stand sie bei den Wär­tern in der Rang­ord­nung noch un­ter den zwei Kriegs­ver­bre­che­rin­nen. Die bei­den ver­büß­ten noch An­fang der 80er in Ho­hen­eck ih­re Stra­fen. „So­gar Kin­des­mör­der wa­ren bes­ser als wir Po­li­ti­schen ge­stellt“, er­in­nert sich die Se­nio­rin. Wie kam Päch dort­hin?

1977 ging es für die Frank­fur­te­rin der Lie­be we­gen ins säch­si­sche Rie­sa. Ar­beit hat­te sie in der dor­ti­gen Lan­des­pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaft (LPG). „Wie mei­ne Oma im­mer sag­te: Egal, wo die Lie­be hin­fällt. Und wenn sie auf dem Mist­hau­fen ist“, er­zählt sie über ih­re ers­te und ih­re zwei­te Ehe. Im Fe­bru­ar 1980 be­kam Päch ih­ren ers­ten Jun­gen. „Ich ha­be ihn nach der Ent­bin­dung nur noch ein­mal se­hen dür­fen, zum Stil­len“, er­zählt die Rent­ne­rin. We­gen ih­rer „Le­bens­um­stän­de“nahm das Ju­gend­amt sich ih­res Kin­des an. „Al­ko­hol war bei mei­nen ers­ten Part­nern das Pro­blem“, be­rich­tet sie – und griff dann schnell selbst zur Fla­sche. Seit­dem war sie im Vi­sier der Staats­si­cher­heit, so mut­maßt sie.

Mit ih­rem zwei­ten Ehe­mann be­ging sie „Re­pu­blik-flucht“. Die­ser wuchs di­rekt im Sperr­ge­biet, im thü­rin­gi­schen Meiningen auf. „Fünf­zig Me­ter, dann wä­ren wir im Wes­ten ge­we­sen“, er­in­nert sich Hei­de­ma­rie Päch an den miss­glück­ten Flucht­ver­such im Spät­som­mer 1980. Denn im Un­ter­holz stol­per­te sie, schlug mit dem Knie auf ei­nen St­ein und schrie vor Schmer­zen. Grenz­pos­ten ka­men an­ge­lau­fen. „Sie hät­ten mei­nen Mann nicht er­wischt, wenn er sich an un­se­re Ab­ma­chung ge­hal­ten hät­te.“

Die­se be­sag­te, dass der an­de­re im Not­fall wei­ter­läuft und „drü­ben“Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­rung be­an­tragt. Doch ihr Part­ner blieb bei ihr. „Ich ha­be laut­hals ge­flucht“, war Päch au­ßer sich. Nach ei­ner Nacht in Go­tha wur­de sie nach Wei­mar und von da aus nach Dres­den ge­bracht. Dort ver­hör­ten sie Sta­si-mit­ar­bei­ter. „Mein Mann ver­lor drei Zäh­ne bei den ‚Be­fra­gun­gen‘“, sagt Päch. Auch sie sei ge­schla­gen wor­den. Nur nicht so ex­trem, wie die männ­li­chen Ge­fan­ge­nen.

Am An­fang muss­te sich Päch ih­re Zel­le, den „Ver­wahr­raum“, mit 13 an­de­ren Per­so­nen tei­len. Ge­schla­fen wur­de in Dop­pel­stock­bet­ten. Als dann noch die „Aso­zia­len“– Ddr-rechts­be­griff für Men­schen, die sich „... aus Ar­beits­scheu ei­ner ge­re­gel­ten Ar­beit hart­nä­ckig ent­zo­gen ...“– ein­ge­ker­kert wur­den, teil­ten sich 28 Men­schen ei­ne Zel­le. Dies­mal mit drei Bet­ten über­ein­an­der. „Sich nicht un­ter­krie­gen zu las­sen, war das wich­tigs­te“, sagt die Frank­fur­te­rin. An­dern­falls sei man dau­ernd von an­de­ren Zel­len­ge­nos­sen trak­tiert wor­den. „Mir hat­ten sie ja kurz vor­her mei­nen Jun­gen weg­ge­nom­men. Und dann steck­ten sie mich zu ei­ner Kin­des­mör­de­rin in die Zel­le“, sagt sie. Die­se ha­be ihr ihr in al­len Ein­zel­hei­ten er­zählt, wie sie ih­re ei­ge­nen Kin­der um­brach­te. „Da bin ich aus­ge­ras­tet“, er­zählt Päch. Sie nahm ei­nen Ho­cker und schlug ihn der Drei­fach-mör­de­rin auf den Kopf.

Das hat­te für Letz­te­re drei Mo­na­te Kran­ken­stu­be zur Fol­ge. Päch be­kam drei Mo­na­te Ein­zelar­rest in ei­ner dunk­len, nass­kal­ten Zel­le auf­ge­brummt. Im­mer­hin gab es ge­nug zu Es­sen: Früh­stück, Mit­tag- und Abend­es­sen – mit Brot, But­ter und „an­stän­di­ge Wurst“. Im Ar­rest be­kam sie das fer­ti­ge Es­sen durch die

Klap­pe ge­scho­ben. Ma­xi­mal ein Plas­tik­mes­ser lag auf dem Ta­blett. An­sons­ten nichts spit­zes, wo­mit man sich ver­let­zen oder gar um­brin­gen hät­te kön­nen. „Mich selbst tö­ten? Nie­mals. Die­se Ge­nug­tu­ung woll­te ich de­nen nicht ge­ben“, er­in­nert sich Päch.

Der nor­ma­le All­tag im Ge­fäng­nis war strikt ge­tak­tet, denn die In­sas­sen wur­den zur Ar­beit ver­pflich­tet; nach Leis­tung und in Schich­ten. Um vier Uhr ging das Licht an, Wär­ter schlu­gen ge­gen die Tür – fer­tig ma­chen zum Zähl­ap­pell. Dann wu­schen sich die 28 Frau­en an drei Wasch­be­cken, ver­rich­te­ten ihr Ge­schäft auf zwei Toi­let­ten. „Wir näh­ten täg­lich acht St­un­den Bett­wä­sche für den Wes­ten“, er­zählt Päch. Als Ddr-bür­ger ha­be man von den wert­vol­len Stof­fen, den Far­ben und Mus­tern nur träu­men kön­nen. An­de­re Häft­lin­ge wur­den nach Thal­heim zu den Es­da Strumpf­wer­ken ge­fah­ren, um dort Strumpf­ho­sen zu nä­hen. Eben­falls für den Wes­ten.

Täg­lich gab es ei­ne St­un­de Frei­gang, in der die Frau­en im Ge­fäng­nis­hof rum­lau­fen durf­ten oder sich von ih­rem Ta­schen­geld et­was im Kon­sum kauf­ten. „Rauch­wa­re, Par­füm oder Haar­sham­poo

gab es dort“, er­zählt die Se­nio­rin.

Am ner­ven­auf­rei­bends­ten sei­en die letz­ten drei Mo­na­te ge­we­sen. „Weil ich da je­de Mi­nu­te bis zur Frei­las­sung ge­zählt ha­be“. Ein nor­ma­les Le­ben war nach der Haft­ent­las­sung so ein­fach nicht mög­lich. „Man stand un­ter ab­so­lu­ter Kon­trol­le“. Je­des Wort muss­te mit Be­dacht aus­ge­spro­chen wer­den, Ar­beits­kol­le­gen oder der Fuß­gän­ger auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te – al­le hät­ten

Spit­zel sein kön­nen. Den „größ­ten Spit­zel“hat­te Päch in der ei­ge­nen Fa­mi­lie. „Mei­ne Halb-schwes­ter war Ober­leut­nant der Staats­si­cher­heit“, er­zählt sie. Trotz kei­nes Ster­bens­wört­chens mach­te die Sta­si die­se auf Grund Pächs Flucht aus­fin­dig. Und be­kam ei­ne Ver­war­nung, wie sie Jah­re spä­ter Päch mit­teil­te. „Die war mäch­tig sau­er.“Kon­takt hat Päch schon lan­ge nicht mehr. Ih­re Halb-schwes­ter wohnt heu­te in Leipzig.

Neu­an­fang beim Brü­cken­platz

Nach ih­rer Ent­las­sung 1984 sei sie vom Staat zur Ar­beit in ei­ne Gärt­ne­rei „ver­don­nert“wor­den – lie­ber hät­te sie in ei­ner Wä­sche­rei ge­ar­bei­tet. Nach ih­rem zwei­ten Kind blieb sie schließ­lich als Haus­frau da­heim. „Beim Mau­er­fall ha­be ich wie­der ge­ar­bei­tet.“Als sie die Nach­richt im Ra­dio hör­te, glaub­te sie an ei­ne Lü­ge. „Wir freu­ten uns, aber eu­pho­risch wa­ren wir nicht“. Denn es kam „die Ar­beits­lo­sig­keit“. Seit Ja­nu­ar 1990 ist Päch oh­ne Job, wur­de früh-ver­ren­tet. Nach er­folg­lo­ser Su­che kam die Flucht in die Al­ko­hol­sucht. „Ver­kehr­ter Um­gang war wie­der Schuld“, meint Päch.

We­gen ih­rem jün­ge­ren Bru­der kam Hei­de­ma­rie Päch schließ­lich nach Frankfurt (Oder) zu­rück, zog vor sie­ben Jah­ren wie­der in ih­re Ge­burts­stadt. Als „Mäd­chen für al­les“ist sie seit 2016 am Brü­cken­platz tä­tig. In Fol­ge ei­ner Be­wäh­rungs­maß­nah­me leis­te­te sie vor drei Jah­ren bei Micha­el Kurz­wel­ly ih­re So­zi­al­stun­den ab. Sie ist bis heu­te dort ge­blie­ben, öff­net ein­mal pro Wo­che eh­ren­amt­lich den „Free-shop“, wo Kun­den ge­gen ei­ne Spen­de Klei­dung und ge­brauch­te Sa­chen mit­neh­men kön­nen. Oft sei­en das Men­schen, die eben­falls ihr Päck­chen zu tra­gen ha­ben. Wie Hei­de­ma­rie Päch selbst – als ehe­ma­li­ger „Flücht­ling“und „Ex-in­sas­sin“.

Fünf­zig Me­ter fehl­ten noch, dann wä­ren sie und ihr da­ma­li­ger Mann im Wes­ten ge­we­sen.

Foto: Hen­drik Schmidt/dpa

Blick in ei­ne Zel­le der ehe­ma­li­gen Ddr-frau­en­haft­an­stalt Ho­hen­eck im säch­si­schen Stoll­berg. Die heu­ti­ge Ge­denk­stät­te Ho­hen­eck do­ku­men­tiert Ddr-frau­en­haft un­ter un­mensch­li­chen Be­din­gun­gen.

Foto: Jan-hen­rik Hn­i­da

Hei­de­ma­rie Päch war Häft­ling im Ddr-frau­en­gefäng­nis Ho­hen­eck. Heu­te en­ga­giert sie sich auf dem Brü­cken­platz.

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