Hält das ei­gent­lich?

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - THEMEN DES TAGES/POLITIK - Ma­thi­as Pud­dig zum En­de der Stich­wahl um den Spd-vor­sitz leserbrief­[email protected]

An die­sem Sonn­abend en­det der viel­leicht längs­te Ch­ef­fin­dungs­pro­zess der deut­schen Par­tei­en­geschich­te. 181 Ta­ge nach dem Rück­tritt von Andrea Nah­les steht end­lich fest, wer ih­re Nach­fol­ger wer­den. 181 Ta­ge hat sich die SPD dann mit sich selbst be­schäf­tigt. 181 Ta­ge ha­ben die Kan­di­da­ten und ih­re Un­ter­stüt­zer mit­ein­an­der ge­run­gen – an­fangs eher zö­ger­lich, dann aber im­mer hef­ti­ger. Zum Schluss so­gar so hef­tig, dass kurz vor En­de der Stich­wahl nicht nur of­fen ist, ob die Par­tei­en der gro­ßen Ko­ali­ti­on noch zu­sam­men­blei­ben kön­nen. Auch mit Blick auf die SPD selbst stellt sich – egal, wer ge­winnt – im­mer drän­gen­der die Fra­ge: Hält das ei­gent­lich?

So ist schon jetzt klar, dass Sas­kia Es­ken und Nor­bert Wal­ter-bor­jans nach ei­nem Sieg mit nur we­nig Rück­halt vor al­lem aus der Bun­des­tags­frak­ti­on rech­nen könn­ten. Nicht nur Mar­tin Schulz, des­sen Lan­des­ver­band die Kan­di­da­tur der bei­den Gro­ko-geg­ner ei­gent­lich be­für­wor­tet, griff die Un­ter­stüt­zer des Du­os scharf an und ver­glich sie mit ei­ner „Sek­te“. Auch ei­ne gan­ze Rei­he wei­te­rer Par­la­men­ta­ri­er hat sich auf Wal­ter-bor­jans und Es­ken ein­ge­schos­sen. Süf­fi­sant fra­gen sie im­mer mal wie­der, wie ei­nem 67-Jäh­ri­gen ei­gent­lich die Er­neue­rung der Par­tei ge­lin­gen soll. Bei Es­ken wer­den sie so­gar noch deut­li­cher: Mal wird ih­re fach­li­che Eig­nung an­ge­zwei­felt, mal ih­re di­plo­ma­ti­schen Fä­hig­kei­ten, mal so­gar ihr Cha­rak­ter. So hef­tig die So­zi­al­de­mo­kra­ten So­li­da­ri­tät auch ein­for­dern: Die Ba­den-würt­tem­ber­ge­rin, die bis vor Kur­zem noch ein­fa­che Hin­ter­bänk­le­rin war, kann von vie­len ih­rer Frak­ti­ons­kol­le­gen kei­ne Un­ter­stüt­zung er­war­ten. Es ist, als hät­ten man­che in der Frak­ti­on nichts ge­lernt aus der Kei­le­rei ge­gen Andrea Nah­les.

Doch auch Olaf Scholz und Kla­ra Gey­witz wer­den gro­ße Mü­he ha­ben, für Ei­nig­keit zu sor­gen. Die bei­den Gro­ko-be­für­wor­ter wis­sen zwar die Frak­ti­on hin­ter sich. Sie sto­ßen da­für aber im lin­ken Par­tei­flü­gel auf ei­ne Skep­sis, die sie kaum über­win­den kön­nen. Gey­witz hat viel­leicht noch den Charme der Neu­en und kann des­halb mit ei­ner ge­wis­sen Of­fen­heit rech­nen. Für vie­le bleibt Scholz aber der Ver­tre­ter der Agen­da-po­li­tik. Sie neh­men ihm nicht ab, dass er jetzt Fe­mi­nist, Steu­er­sün­der­jä­ger und Kli­ma­schüt­zer sein will. Fast schon trot­zig

Das neue Duo braucht Kraft und Ge­schick. Schei­tert es, muss die SPD mit dem Schlimms­ten rech­nen.

ha­ben sich die Ju­sos so weit links po­si­tio­niert wie seit Jahr­zehn­ten nicht mehr. Selbst wenn es Scholz und den an­de­ren Spd-mi­nis­tern ge­lin­gen wür­de, je­des ein­zel­ne Kom­ma aus dem Wahl­pro­gramm von 2017 ge­gen die Uni­on durch­zu­set­zen – die Gunst der Gro­ko-geg­ner wür­den sie wohl nicht mehr ge­win­nen.

Für die SPD als Gan­zes be­deu­tet das we­nig Gu­tes. Ab Sonn­abend steht zwar fest, wer die Par­tei künf­tig führt, viel mehr aber auch nicht. Wer die Par­tei­spit­ze kom­plet­tiert, wie sich die So­zi­al­de­mo­kra­ten zur Gro­ko ver­hal­ten, ob sich ei­ni­ge viel­leicht so­gar aus der SPD ver­ab­schie­den, das al­les wird erst im An­schluss ent­schie­den. Das neue Duo wird viel Kraft und Ge­schick brau­chen, die­se Pro­zes­se zu mo­de­rie­ren und auch zu len­ken. Ge­lingt ih­nen das nicht, muss die SPD mit dem Schlimms­ten rech­nen.

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