Ei­ne Fra­ge der Rich­tung

Die Rechts­au­ßen­par­tei wählt am Wo­che­n­en­de ei­nen neu­en Vor­stand. Der „Flü­gel“mel­det An­spruch an. Gau­land will nicht wie­der kan­di­die­ren. Um die Füh­rung wird hef­tig ge­kämpft.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - THEMEN DES TAGES/POLITIK - Von Do­ro­thee To­reb­ko

Ei­gent­lich war al­les ab­ge­macht. 2016 in Hannover. Jörg Meu­then soll­te zu­sam­men mit Ge­org Paz­der­ski künf­tig die AFD füh­ren. Bei­de eher ge­mä­ßigt, bei­de mit tem­pe­rier­ter Spra­che. Sie soll­ten die AFD in ih­re nächs­te Pha­se füh­ren. Doch dann kam al­les ganz an­ders. Rechts­au­ßen Björn Hö­cke schlug die ul­tra­rech­te Do­ris von Sayn-witt­gen­stein vor. Zwi­schen der Schles­wig-hol­stei­ne­rin und dem Ber­li­ner Paz­der­ski ent­wi­ckel­te sich ein Kopf-an-kopf-ren­nen, denn Sayn-witt­gen­stein leg­te ei­ne fu­rio­se Re­de hin. Am En­de stand ein Patt. Kei­ner woll­te wei­chen. Al­so sprang der Par­tei-pa­tri­arch Alex­an­der Gau­land in die Bre­sche. Er wur­de Co-chef ne­ben Meu­then und dräng­te den Vor­marsch der Rech­ten ein. Hannover – da sind sich vie­le De­le­gier­te ei­nig – darf nicht wie­der pas­sie­ren. Doch genau das könn­te es.

Am Wo­che­n­en­de wählt die AFD in Braun­schweig wie­der ei­nen neu­en Vor­stand. Wie­der gilt der Ba­den-würt­tem­ber­ger Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te Meu­then als ge­setzt. Doch wer wird an sei­ner Sei­te ste­hen? Gau­land hat an­ge­kün­digt, nicht wie­der für den Par­tei­vor­sitz zu kan­di­die­ren. Der 78-Jäh­ri­ge will sich aus Al­ters­grün­den zu­rück­zie­hen und Eh­ren­vor­sit­zen­der wer­den. Sei­nen Nach­fol­ger zu fin­den, ist je­doch ein zä­hes Rin­gen. Denn wie­der mel­det die ex­tre­me Rech­te in der AFD ih­ren An­spruch an. Hö­cke be­an­sprucht mit­samt sei­nem rechts­ra­di­ka­len Flü­gel im­mer mehr Macht. Auf Face­book sprach er kürz­lich von ei­ner kla­ren „Un­ter­re­prä­sen­ta­ti­on“sei­ner Grup­pie­rung im Bun­des­vor­stand. Wie­der in die Mit­te oder wei­ter nach rechts? Auf dem Par­tei­tag geht es um nicht we­ni­ger als das Schick­sal der AFD und ih­re künf­ti­ge Aus­rich­tung.

Ei­gent­lich stan­den die Zei­chen auf Ver­söh­nung der bei­den La­ger. Um ei­ne Es­ka­la­ti­on des Kon­flikts zwi­schen Rechts­kon­ser­va­ti­ven und Ra­di­ka­len zu ver­mei­den, hat­ten sich die La­ger auf ei­nen Kom­pro­miss ge­ei­nigt. Ti­no Ch­ru­pal­la, Ma­ler­meis­ter aus Sach­sen, soll­te an die Sei­te von Meu­then ge­stellt wer­den. Zwar ist Ch­ru­pal­la kein „Flü­gel“-mit­glied, doch er

gilt als Sym­pa­thi­sant der vom Ver­fas­sungs­schutz als Ver­dachts­fall ein­ge­stuf­ten Grup­pie­rung. Hö­cke hat­te kurz vor dem Par­tei­tag auf Face­book ge­pos­tet: „Ei­ner der bei­den Bun­des­spre­cher soll­te ein Kan­di­dat des Os­tens sein.“Da­mit wird er Ch­ru­pal­la ge­meint ha­ben. Zwar galt der Sach­se ei­ni­gen Ge­mä­ßig­ten als po­li­tisch zu un­er­fah­ren – zu­letzt sorg­te er et­wa mit ob­sku­ren Äu­ße­run­gen zu den ge­sund­heit­li­chen Ri­si­ken der 5-G-tech­no­lo­gie für Kopf­schüt­teln bei den ei­ge­nen Par­tei­mit­glie­dern –, den­noch wä­re sei­ne Kan­di­da­tur ein Zu­ge­ständ­nis an den Flü­gel ge­we­sen. Er könn­te ei­ne Brü­cke schla­gen zwi­schen Os­ten und Wes­ten – und er könn­te Hö­cke be­sänf­ti­gen.

Doch so ein­fach dürf­te es nicht wer­den. In den ver­gan­ge­nen Ta­gen

er­klär­ten im­mer mehr Mit­glie­der ih­re Am­bi­tio­nen, in die Par­tei­spit­ze auf­zu­rü­cken. Die rhein­land-pfäl­zi­sche Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Ni­co­le Höchst et­wa, die mit dem Flü­gel sym­pa­thi­siert und Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel jüngst mit Adolf Hit­ler ver­glich. Ihr wer­den, weil sie kaum in Er­schei­nung ge­tre­ten ist, eher Au­ßen­sei­ter­chan­cen zu­ge­rech­net. Den­noch könn­te sie Meu­then die ei­ne oder an­de­re Stim­me ab­luch­sen und da­mit den Macht­an­spruch des Flü­gels be­kräf­ti­gen. Auch Da­na Guth, die den Lan­des­ver­band in Nie­der­sach­sen wie­der auf Vor­der­mann ge­bracht hat und zu den rechts­kon­ser­va­ti­ven Kräf­ten zählt, warf ih­ren Hut in den Ring. Sie wird wahr­schein­lich für den Gau­land-pos­ten und da­mit ge­gen Ch­ru­pal­la an­tre­ten. Ihr wer­den gu­te Chan­cen zu­ge­rech­net. Zu­letzt hat­te dann noch der ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Wolf­gang Ge­de­on, ge­gen den ein Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren we­gen an­ti­se­mi­ti­scher Äu­ße­run­gen läuft, sei­ne Kan­di­da­tur be­kannt ge­ge­ben.

Am ge­fähr­lichs­ten könn­te Ch­ru­pal­la je­doch der Phy­si­ker und Mu­si­ker Gott­fried Cu­rio wer­den. Der Ber­li­ner Ab­ge­ord­ne­te ist für sei­ne schar­fen Re­den be­kannt. Er nutzt da­rin Wor­te wie „Ge­bur­ten-dschi­had“oder „Mas­sen­ein­wan­de­rung ist Mes­se­r­ein­wan­de­rung“. Er spricht sich da­für aus, Voll­ver­schleie­rung im öf­fent­li­chen Raum zu ver­bie­ten und nennt Frau­en, die so ver­hüllt sind, „ei­nen Sack, der spricht“. Bei der In­ter­net­ge­mein­de ern­tet er da­für Ap­plaus, sei­ne Vi­de­os wer­den tau­send­fach ge­klickt. Bei ei­ni­gen Par­tei­mit­glie­dern gilt er da­ge­gen als Ein­zel­gän­ger. Auch an sei­nen po­li­ti­schen Fä­hig­kei­ten wird ge­zwei­felt. Kei­ne Klei­ne An­fra­ge ha­be der in­nen­po­li­ti­sche Spre­cher der Afd-bun­des­tags­frak­ti­on bis­her ge­stellt, sein Ar­beits­kreis sei schlecht or­ga­ni­siert und zwi­schen 2014 und 2016 ha­be er ei­ne Lü­cke im Le­bens­lauf, wor­über er selbst die Par­tei im Dun­keln ge­las­sen hat. Cu­ri­os An­kün­di­gung reich­te, dass Gau­land am Frei­tag an­kün­dig­te, im Fal­le ei­nes Patts doch noch an­tre­ten zu wol­len.

Wie zer­ris­sen die Par­tei ist, zeigt ein An­trag für den Par­tei­tag. Da­rin for­dern ei­ni­ge Mit­glie­der, dass dar­über ent­schie­den wer­den soll, An­hän­ger der „Iden­ti­tä­ren Be­we­gung Deutsch­land“künf­tig in die AFD auf­neh­men zu dür­fen. Bis­her ste­hen sie auf ei­ner Un­ver­ein­bar­keits­lis­te, der Ver­fas­sungs­schutz stuft sie als „ge­si­chert rechts­ex­tre­mis­ti­sche Be­stre­bung“ein. Zu den Un­ter­stüt­zern

ge­hört der ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Ste­fan Räpp­le, der dem Flü­gel zu­ge­rech­net wird und ge­gen den ein Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren läuft. Meu­then ver­ur­teil­te den An­trag be­reits, er ha­be kei­ner­lei Chan­cen auf ei­ne Mehr­heit.

Wie weit nach rechts die Par­tei rückt, hängt aber nicht nur mit den bei­den Spit­zen­leu­ten zu­sam­men. Im Hin­ter­grund zieht der Bran­den­bur­ger Afd-chef Andre­as Kal­bitz die Strip­pen. Der rech­te Netz­wer­ker, der den Flü­gel lenkt, wird er­neut als Bei­sit­zer kan­di­die­ren. In ers­ter Rei­he wird er eher nicht ste­hen, denn sei­ne Ver­bin­dun­gen zu rechts­ex­tre­mis­ti­schen Ver­ei­nen in der Ver­gan­gen­heit sind vie­len Par­tei­mit­glie­dern zu hei­kel.

Ein wei­te­rer In­di­ka­tor, wie wich­tig die Rechts­ra­di­ka­len ge­wor­den sind, ist das Ver­hal­ten der Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den Ali­ce Wei­del, die für ei­nen Vi­ze­vor­stands­pos­ten kan­di­diert. War sie vor ei­ni­gen Jah­ren noch Hö­cke-geg­ne­rin und an ei­nem Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren ge­gen den Thü­rin­ger be­tei­ligt, steht sie nun an sei­ner Sei­te. Im Sep­tem­ber hielt sie ei­ne Re­de bei den Neu­en Rech­ten im sach­sen-an­hal­ti­ni­schen Schnell­ro­da. In den Jah­ren zu­vor wa­ren hier vor al­lem Flü­gel-an­hän­ger ein­ge­la­den.

Doch auch sie hat er­bit­ter­te Geg­ner. Ihr Auf­tritt bei der Ab­wahl des Rechts­aus­schuss­vor­sit­zen­den Ste­phan Brand­ner, bei dem sie Jour­na­lis­ten­fra­gen als „dümm­lich“be­zeich­net hat­te, stieß ei­ni­gen ge­mä­ßig­ten Par­tei­mit­glie­dern sau­er auf. In der Kri­tik steht sie auch we­gen wahr­schein­li­cher Straf­zah­lun­gen im Zu­sam­men­hang mit mög­li­cher­wei­se il­le­ga­len Par­tei­spen­den.

Ei­ner der bei­den Bun­des­spre­cher soll­te ein Kan­di­dat des Os­tens sein.

Björn Hö­cke

Chef des „Flü­gels“

Bran­den­burgs Afd-chef Andre­as Kal­bitz kan­di­diert er­neut als Bei­sit­zer.

Fo­to: John Mac­dou­gall/afp

Sind sich über die wei­te­re Stra­te­gie nicht ei­nig: (von links) Björn Hö­cke, Alex­an­der Gau­land und Jörg Meu­then

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