Nach der SPD-WAHL ge­rät die Groko ins Wan­ken

Uni­on blockt For­de­rung nach Nach­ver­hand­lun­gen des Ko­ali­ti­ons­ver­trags ab. Bran­den­bur­ger So­zi­al­de­mo­kra­ten zei­gen sich ent­täuscht.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - VORDERSEIT­E - Von Ma­thi­as Pud­dig

Nach der Wahl des neu­en Spd-füh­rungs­du­os Sas­kia Es­ken und Nor­bert Wal­ter-bor­jans droht der gro­ßen Ko­ali­ti­on die Zer­reiß­pro­be. Schon bis zum Par­tei­tag En­de der Wo­che in Ber­lin wol­len die Groko-kri­ti­ker Es­ken und Wal­ter-bor­jans mit der Par­tei­füh­rung fest­le­gen, zu wel­chen Be­din­gun­gen die SPD dem Bünd­nis treu blei­ben will. CDU und CSU schlos­sen ein Nach­ver­han­deln des Ko­ali­ti­ons­ver­trags aus und mach­ten deut­lich, dass sie die Re­gie­rung fort­set­zen wol­len.

Die Uni­on warn­te die SPD vor ei­nem har­ten Schwenk nach links und for­der­te Ko­ali­ti­ons­treue. „Wir ste­hen zu die­ser Ko­ali­ti­on auf der Grund­la­ge, die ver­han­delt ist“, sag­te Par­tei­che­fin An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er am Sonn­tag. Das sei für die CDU die Ge­schäfts­grund­la­ge. „Die SPD wä­re gut be­ra­ten, jetzt nicht fah­nen­flüch­tig zu wer­den“, sag­te Bran­den­burgs Cdu-vor­sit­zen­der Micha­el St­üb­gen. „Die Bür­ger wol­len von der Re­gie­rung se­hen, dass sie un­ser Land vor­an bringt. Die Uni­on ist da­zu be­reit und der

Ko­ali­ti­ons­ver­trag ist die rich­ti­ge Ba­sis da­für“, so St­üb­gen wei­ter.

Auch die SPD zeig­te sich nach der Wahl des neu­en Füh­rungs­du­os ge­spal­ten. Das Netz­werk Ber­lin, ein Zu­sam­men­schluss von Spd-bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten, be­kann­te sich aus­drück­lich zur Fort­set­zung der Groko. Dem­ge­gen­über er­mun­ter­te der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Karl Lau­ter­bach zu ei­ner har­ten Li­nie in der Groko-fra­ge. Ent­täuscht äu­ßer­te sich der Ge­ne­ral­se­kre­tär der Bran­den­bur­ger SPD, Erik Stohn, über die

Nie­der­la­ge von Kla­ra Gey­witz. „Kla­ra Gey­witz wä­re die ers­te Ost­deut­sche an der Spit­ze der Par­tei ge­we­sen, ich hät­te mir ein sol­ches Si­gnal ge­wünscht.“Die Pots­da­me­rin hat­te im Team mit Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter und Wahl-pots­da­mer Olaf Scholz ge­gen Es­ken und Wal­ter-bor­jans ver­lo­ren. Das Er­geb­nis ist für Gey­witz ein neu­er Rück­schlag: Bei der Land­tags­wahl ver­lor sie ihr Di­rekt­man­dat an Grü­nen-po­li­ti­ke­rin Ma­rie Sch­äf­fer. dpa/afp

Viel grö­ßer hät­te der Un­ter­schied kaum sein kön­nen. Als Ma­lu Drey­er am Sonn­abend­abend im Wil­ly-brand­thaus ver­kün­det, dass 114 995 Spd-mit­glie­der für Sas­kia Es­ken und Nor­bert Wal­ter-bor­jans ge­stimmt ha­ben, steht rechts der Büh­ne ei­ne Ge­nos­sin, grinst breit und flüs­tert: „Sehr geil!“Ganz an­ders links der Büh­ne: Dort steht Olaf Scholz mit ver­stei­ner­ter Mie­ne. Er weiß schon seit ein paar Mi­nu­ten, dass Kla­ra Gey­witz und er die Stich­wahl um den Par­tei­vor­sitz ver­lo­ren ha­ben. Der Schreck ist ihm im­mer noch an­zu­se­hen. Und er wird nicht ge­ra­de klei­ner, als Drey­er sagt, dass 53,06 Pro­zent für Es­ken/wal­ter-bor­jans ge­stimmt ha­ben und mi­nu­ten­lan­ger Ju­bel das Atri­um der Par­tei­zen­tra­le er­füllt.

Für die SPD ist am Sonn­abend ei­ne neue Zeit an­ge­bro­chen. Denn mit dem Sieg von Es­ken und Wal­ter-bor­jans steht nicht ein­fach nur fest, wer die Par­tei sehr wahr­schein­lich künf­tig führt. Das Er­geb­nis ist ei­ne Klat­sche für Scholz, ver­mut­lich so­gar der Be­ginn sei­nes Kar­rie­re­en­des. Und es ist ei­ne Nie­der­la­ge für das Par­tei-esta­blish­ment. Schließ­lich hat­ten fast al­le Spd-mi­nis­ter, fast das kom­plet­te Par­tei-prä­si­di­um und fast die ge­sam­te Bun­des­tags­frak­ti­on für Vi­ze­kanz­ler Scholz und sei­ne Ko-kan­di­da­tin Kla­ra Gey­witz ge­wor­ben. Am En­de oh­ne Er­folg.

Über­rascht sind von dem Er­geb­nis aber auch die Sie­ger selbst. Als sie end­lich auf die Büh­ne dür­fen, wir­ken Es­ken und Wal­ter-bor­jans zu­nächst so gar nicht er­freut. Ernst und mit durch­ge­drück­tem Rü­cken ste­hen sie da und ha­ben nicht nur das Pu­bli­kum im Blick, son­dern auch die rie­si­ge Wil­ly-brandt-sta­tue da­hin­ter. „Uns ist sehr be­wusst, dass das hier kei­ne Fra­ge von Sieg oder Nie­der­la­ge ist, son­dern ei­ne Fra­ge ist, die­se ei­ne groß­ar­ti­ge so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei zu­sam­men­zu­hal­ten“, sagt Wal­ter-bor­jans mit leicht zitt­ri­ger Stim­me. Erst spä­ter wer­den sie sich vor den Fo­to­gra­fen zu ei­ner Ju­bel­ges­te durch­rin­gen kön­nen.

Der Ex-fi­nanz­mi­nis­ter von Nord­rhein-west­fa­len und die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te aus Ba­den-würt­tem­berg ste­hen in der Tat vor gro­ßen Fra­gen und noch grö­ße­ren Auf­ga­ben. Ei­ne Schon­frist gibt es nicht. Ent­schei­dend wer­den schon die kom­men­den Ta­ge sein. Am Mitt­woch wol­len Prä­si­di­um und Par­tei­vor­stand den Kurs für den Par­tei­tag fest­le­gen, der schon zwei Ta­ge spä­ter in Ber­lin be­ginnt.

Zu­nächst geht es dar­um, die Par­tei zu­sam­men­zu­hal­ten. Denn auch wenn Scholz und Gey­witz ih­nen so­fort ih­re Un­ter­stüt­zung zu­ge­sagt ha­ben, muss das kei­nes­wegs für die gan­ze Par­tei gel­ten. Aus der Bun­des­tags­frak­ti­on hat­te es zu­letzt ät­zen­de Kri­tik an Es­ken ge­ge­ben. Nicht we­ni­ge So­zi­al­de­mo­kra­ten fürch­ten, dass ei­ni­ge Ge­nos­sen so weit auf den Bäu­men sind, dass es un­mög­lich wird, sie wie­der her­un­ter­zu­ho­len. „Es ist un­se­re wich­tigs­te Auf­ga­be, jetzt die Par­tei zu­sam­men­zu­füh­ren“, sagt Es­ken. „Wir wol­len un­se­re bei­den Hän­de rei­chen.“Ge­lin­gen kann das aber nur, wenn auch die Un­ter­le­ge­nen in die neue Par­tei­füh­rung ein­ge­bun­den wer­den.

Ähn­lich schwie­rig dürf­te sich auch noch die Fra­ge nach der gro­ßen Ko­ali­ti­on be­ant­wor­ten las­sen. Im in­ner­par­tei­li­chen Wahl­kampf hat­ten Es­ken und Wal­ter-bor­jans an­ge­kün­digt, Ge­sprä­che mit der Uni­on an­zu­stre­ben, in de­nen sie wei­te­re so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche For­de­run­gen durch­set­zen wol­len. Ei­ne Ver­schär­fung des Kli­ma­pa­kets stand eben­so auf ih­rer Wun­sch­lis­te wie zwölf Eu­ro Min­dest­lohn und ein Hun­der­te Mil­li­ar­den Eu­ro schwe­res In­ves­ti­ti­ons­pa­ket. Wenn die Uni­on da nicht mit­spielt, sol­le Schluss sein, so der Te­nor. Und Cdu-ge­ne­ral­se­kre­tär Paul Zie­mi­ak wie­der­hol­te un­mit­tel­bar nach dem Wah­l­er­geb­nis, dass ein Auf­schnü­ren des Ko­ali­ti­ons­ver­trags nicht in­fra­ge kommt.

Von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel kam da­zu am Wo­che­n­en­de zwar kein Wort. Sie muss sich nun aber mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­zen, ob sie auch oh­ne SPD wei­ter­re­gie­ren kann. Ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung mit all ih­ren Un­wäg­bar­kei­ten ist ei­gent­lich nicht Mer­kels Ge­schmack. An­de­rer­seits: Der Haus­halt ist un­ter Dach und Fach, die Re­gie­rung so ge­se­hen für rund ein Jahr hand­lungs­fä­hig. Par­tei­kol­le­gen wie Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le und Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn wer­ben schon län­ger für die­se Va­ri­an­te. Ein Plan B kann je­den­falls

Uns ist sehr be­wusst, dass das hier kei­ne Fra­ge von Sieg und Nie­der­la­ge ist.

Nor­bert Wal­ter-bor­jans, de­si­gnier­ter Spd-vor­sit­zen­der

Für die De­mo­kra­tie ist die gro­ße Ko­ali­ti­on auch Mist. Sas­kia Es­ken, de­si­gnier­te Spd-vor­sit­zen­de

nicht scha­den. Denn er­press­bar will die Uni­on nicht sein. Der Leip­zi­ger Par­tei­tag hat­te ja ge­zeigt, wie sehr schon die Grund­ren­ten-ei­ni­gung die Ner­ven vie­ler Cdu­ler stra­pa­ziert hat­te.

Dass oh­ne Nach­ver­hand­lun­gen die Ko­ali­ti­on vor ih­rem En­de steht, be­zwei­felt in­des auch in der SPD nie­mand. Zwar sag­te Es­ken spä­ter am Abend in ei­nem Fern­seh­in­ter­view: „Der Par­tei­tag wird über die Groko de­bat­tie­ren und auch ei­nen Weg ent­schei­den, wie es wei­ter­geht.“Ei­nen Fort­be­stand der Groko oh­ne ent­schei­den­de Ver­hand­lungs­er­fol­ge dürf­te sie je­doch kaum ver­mit­teln kön­nen. Und ge­ne­rell fin­det Es­ken: „Für die De­mo­kra­tie ist die gro­ße Ko­ali­ti­on auch Mist.“

Foto: Kay Nietfeld/dpa

Nach an­fäng­li­cher Un­si­cher­heit ju­beln sie doch noch über ihr Er­geb­nis: Nor­bert Wal­ter-bor­jans und Sas­kia Es­ken im Wil­ly-brand­thaus.

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