Kla­re Li­nie ge­gen­über der Uni­on

Neu­es Spd-spit­zen­duo dringt auf In­ves­ti­tio­nen und Kli­ma­schutz.

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - VORDERSEIT­E - Dpa

Ber­lin.

Die SPD will zu ho­he Hür­den für ei­ne Fort­set­zung der Ko­ali­ti­on ver­mei­den. So soll­ten in ei­nem An­trag für den Par­tei­tag kei­ne For­de­run­gen wie ei­ne so­for­ti­ge Auf­ga­be der „Schwar­zen Null“auf­ge­nom­men wer­den. In ei­nem vor­läu­fi­gen Ent­wurf heißt es le­dig­lich, ste­ti­ge In­ves­ti­tio­nen dürf­ten nicht „an dog­ma­ti­schen Po­si­tio­nen“wie ei­ner schwar­zen Null schei­tern.

Die Ar­beit am Groko-an­trag für den am Frei­tag be­gin­nen­den Kon­vent war nach der mit Span­nung er­war­te­ten Prä­si­di­ums­sit­zung noch nicht ab­ge­schlos­sen. In dem Ent­wurf heißt es: „We­der der Ver­bleib in ei­ner Ko­ali­ti­on noch der Aus­tritt aus ihr sind ein Selbst­zweck.“Ent­schei­dend sei, „ob wir jetzt mit CDU und CSU die Wei­chen rich­tig stel­len kön­nen – oder eben nicht“. Ge­for­dert wer­den hö­he­re Mil­li­ar­den­in­ves­ti­tio­nen et­wa in Ki­tas, so­zia­len Woh­nungs­bau und kom­mu­na­le In­fra­struk­tur. Au­ßer­dem sieht der Ent­wurf die For­de­run­gen nach ei­nem hö­he­ren Co2-preis für den Kli­ma­schutz so­wie ei­nem hö­he­ren Min­dest­lohn vor – al­ler­dings oh­ne Zah­len zu nen­nen.

Der an­ge­hen­de Par­tei­vor­sit­zen­de Nor­bert Wal­ter-bor­jans sag­te der Spd-zei­tung „Vor­wärts“: „Wir wol­len nicht Hals über Kopf aus der gro­ßen Ko­ali­ti­on raus.“Die de­si­gnier­te Co-vor­sit­zen­de Sas­kia Es­ken er­klär­te: „Wir wol­len, dass die The­men wirk­lich an­ge­gan­gen wer­den.“Als Bei­spie­le nann­ten bei­de das Kli­ma­schutz­pa­ket, die Di­gi­ta­li­sie­rung und In­ves­ti­tio­nen in die In­fra­struk­tur.

Die über­ra­schen­de No­mi­nie­rung von Sas­kia Es­ken und Nor­bert Wal­ter-bor­jans für den Spd-vor­sitz hat die Re­pu­blik er­schüt­tert. Seit dem ver­gan­ge­nen Sams­tag ha­ben sich un­zäh­li­ge Po­li­ti­ker zu der Fra­ge ge­äu­ßert, was denn nun ge­sche­hen wird. Die meis­ten Ant­wor­ten sind vor al­lem von tak­ti­schen Über­le­gun­gen ge­prägt. Ein kur­zer Über­blick der zen­tra­len Aus­sa­gen – und was sie wirk­lich be­deu­ten.

„Im Ko­ali­ti­ons­ver­trag ist die Neu­be­wer­tung zur Halb­zeit doch ver­ein­bart“/ „Ei­ne Neu­ver­hand­lung des Ko­ali­ti­ons­ver­trags ist aus­ge­schlos­sen.“

Bei­de Ar­gu­men­te wer­den der­zeit mit In­brunst vor­ge­tra­gen – und bei­de stim­men, al­ler­dings je­weils nur zur Hälf­te. Rich­tig ist, dass ab Zei­le 8329 des Ko­ali­ti­ons­ver­trags fest­ge­hal­ten wur­de, zur Mit­te der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode ei­ne „Be­stands­auf­nah­me“vor­zu­neh­men, um zu se­hen, ob „auf­grund ak­tu­el­ler Ent­wick­lun­gen neue Vor­ha­ben ver­ein­bart wer­den müs­sen“. Raum für Ve­rän­de­run­gen gibt der Ko­ali­ti­ons­ver­trag al­so her, zu­mal sich mit der ein­trü­ben­den Kon­junk­tur durch­aus ei­ne „ak­tu­el­le Ent­wick­lung“fin­den lie­ße. Ein mög­li­ches Maß­nah­men­bün­del müss­te aber ge­mein­sam ver­ein­bart wer­den, als Auf­fang­be­cken für Wün­sche des Teams Es­ken/wal­ter-bor­jans eig­net es sich al­so nicht. Für Grund­ren­te, Schwar­ze Null und Co dürf­te wei­ter­hin der Ko­ali­ti­ons­ver­trag maß­geb­lich sein.

„Die Re­gie­rung muss hal­ten, sonst geht die deut­sche Eu-rats­prä­si­dent­schaft im zwei­ten Halb­jahr 2020 schief.“

Das Ar­gu­ment wird von den Groko-sta­bi­li­täts­fans gna­den­los über­trie­ben. Zwei­er­lei ist näm­lich zu be­ach­ten: Zum ei­nen gibt es in der EU längst ei­ne Ak­zent­ver­schie­bung weg von der ro­tie­ren­den Rats­prä­si­dent­schaft hin zu Kom­mis­si­on und Par­la­ment. Zum an­de­ren sind für de­ren ge­schmei­di­gen Ablauf vor al­lem kom­pe­ten­te Be­am­te und gu­te Or­ga­ni­sa­ti­on ent­schei­dend. „Der Ap­pa­rat schnurrt, selbst wenn die Re­gie­rung tau­melt“, so fasst es ei­ner zu­sam­men, der sich aus­kennt. In Hel­sin­ki trat am Di­ens­tag üb­ri­gens Re­gie­rungs­chef Ant­ti Rin­ne zu­rück, ob­wohl Finn­land noch bis Jah­res­en­de den Vor­sitz un­ter den Eu-staa­ten führt. Und Ru­mä­ni­en – so­wohl in­tern als auch mit Brüs­sel zer­strit­ten – leg­te An­fang die­ses Jah­res ei­ne nicht ge­ra­de glanz­vol­le, aber halb­wegs so­li­de Rats­prä­si­dent­schaft hin.

Das deut­sche Eu-halb­jahr lässt zu­dem oh­ne­hin we­nig Gestal­tungs­spiel­raum: Am An­fang durch die Som­mer-, am En­de durch die Weih­nachts­pau­se ver­kürzt wird es wohl vor al­lem durch das Ge­zer­re um den ei­ne-bil­li­on-eu­ro-haus­halts­rah­men ge­prägt wer­den. Deutsch­land ist dann eher als Ver­mitt­ler denn als Gestal­ter ge­fragt. Trotz al­lem liegt Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel viel an die­ser Rats­prä­si­dent­schaft, mit der sie auch ein Ge­gen­ge­wicht zum Us-vor­sitz in der G7 und zum sau­di-ara­bi­schen

Vor­sitz der G20 set­zen kann. Glän­zen will sie vor al­lem als Gast­ge­be­rin des ers­ten Gip­fels al­ler Eu-staa­ten mit Chi­na, der in ih­rer al­ten Uni-stadt Leip­zig statt­fin­den soll. Das geht aber durch­aus auch als Che­fin ei­ner Min­der­heits­re­gie­rung.

„Das Kli­ma­pa­ket muss nach­ver­han­delt wer­den.“

Die neue Dop­pel­spit­ze ist un­zu­frie­den mit der Kli­ma­po­li­tik der Groko. Es­ken for­dert ei­nen Co2-ein­stiegs­preis von 40 Eu­ro die Ton­ne, von der Re­gie­rung be­schlos­sen sind zehn. Da der Ver­mitt­lungs­aus­schuss zwi­schen Bun­des­tag und Bun­des­rat oh­ne­hin noch ein­mal über das Kli­ma­pa­ket ver­han­delt, kön­ne auch der Co2-preis auf den Tisch, heißt es ger­ne. Doch im Aus­schuss sind nur die Steu­er­ge­set­ze

des Pa­kets ge­lan­det. Der Co2p­reis ist Teil des Emis­si­ons­han­dels­ge­set­zes – und der wur­de vom Bun­des­rat ab­ge­seg­net. Es müss­te al­so ein neu­es Ge­set­zes­vor­ha­ben ge­star­tet wer­den. Ob ei­ne Mehr­heit in der SPD dar­über be­geis­tert wä­re, ist frag­lich. Denn für ei­nen nied­ri­ge­ren Co2-preis hat sich im nächt­li­chen Ver­hand­lungs­ma­ra­thon zum Kli­ma­pa­ket nicht nur die CSU ein­ge­setzt – auch die So­zi­al­de­mo­kra­ten sei­en mit zehn Eu­ro sehr zu­frie­den ge­we­sen, be­rich­ten Teil­neh­mer.

„Die Groko muss so­fort viel mehr in­ves­tie­ren.“

Ei­ne For­de­rung, die so­wohl von der de­si­gnier­ten Spd-che­fin Es­ken als auch vom Bun­des­ver­band der Deut­schen In­dus­trie (BDI) er­ho­ben wird. Tat­säch­lich lei­det die Bun­des­re­pu­blik un­ter ei­nem In­ves­ti­ti­ons­stau, was man an dem feh­len­den Aus­bau des schnel­len In­ter­nets, an den ma­ro­den Au­to­bahn­brü­cken oder den Eng­päs­sen im Schie­nen­ver­kehr se­hen kann. Es han­delt sich da­bei je­doch um ein Pro­blem, das man nicht ein­fach mit Geld zu­schüt­ten kann. Denn schon jetzt und auch oh­ne die ge­for­der­ten zu­sätz­li­chen In­ves­ti­tio­nen fehlt es in den Ver­wal­tun­gen an qua­li­fi­zier­ten Pla­nern und – zum Bei­spiel im Tief­bau – an Fir­men, de­ren Auf­trags­bü­cher nicht bis über den An­schlag hin­aus ge­füllt wä­ren. Zu­dem hö­ren die Ge­mein­sam­kei­ten der In­ves­ti­ti­ons­be­für­wor­ter meist schon nach der Über­schrift auf – wie viel und wor­in in­ves­tiert wer­den soll, geht meist weit aus­ein­an­der.

„Jetzt, wo der Haus­halt 2020 be­schlos­sen ist, kann es auch ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung ge­ben.“

Die­se Ein­schät­zung kommt meist von Cdu-leu­ten, die für das En­de der Ko­ali­ti­on plä­die­ren. Klar ist, dass ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung es sehr schwer hat, ei­nen Haus­halt zu be­schlie­ßen. Klar ist aber auch, dass man nicht un­be­dingt ei­nen Haus­halt zum Re­gie­ren be­nö­tigt. So gab es im Jahr nach der Bun­des­tags­wahl mo­na­te­lang kei­nen gül­ti­gen Haus­halt. Dem Staat und sei­nen Be­hör­den geht des­halb, an­ders als in den USA, das Geld nicht aus. Es wird viel­mehr ein­fach der Etat des Vor­jah­res er­neut an­ge­setzt. Doch auch mit ei­nem be­schlos­se­nen Haus­halt re­giert es sich nicht viel leich­ter. Neue In­ves­ti­tio­nen, Steu­er­sen­kun­gen, Zu­schüs­se für die Ren­te, hö­he­re Schul­den – all das muss in ei­ner Er­gän­zung wie­der vom Bun­des­tag be­schlos­sen wer­den, in Form ei­nes Nach­trags­haus­hal­tes. mit igs/gwb

Fo­to: Kay Niet­feld/dpa

Sas­kia Es­ken und Nor­bert Wal­ter-bor­jans po­sie­ren nach der Be­kannt­ga­be des Er­geb­nis­ses der Ab­stim­mung vor der Sta­tue von Wil­ly Brandt.

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