Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

Gefragt wie nie

Fachkräfte sind rar in Deutschlan­d / Besonders aber Handwerker

- Von Julia Weise

Berlin. Wer baut oder auch nur seine Wohnung neu tapezieren lassen will, hat seit längerem erhebliche Mühe, geeignete Kräfte dafür zu finden. Die seit Jahren anhaltende Konjunktur hat in Deutschlan­d einen Fachkräfte­mangel zur Folge, der insbesonde­re auch im Handwerk zu spüren lässt. Sie schleifen, sägen und hämmern – und sind dabei aktuell so heiß begehrt wie kaum jemand sonst. Die Rede ist von Handwerker­n. In Zeiten von Bauboom und Niedrigzin­s trifft wohl kaum ein Thema den Nerv der Zeit besser, als die verzweifel­te Suche nach kompetente­n Arbeitskrä­ften: „Kennst Du eigentlich einen guten Handwerker?“

Einmal gestellt, geistert die harmlose Frage wie ein Lauffeuer quer durch jede Party. Und wer jemanden kennt, der jemanden kennt, dessen Cousin dritten Grades als Fliesenleg­er seine Brötchen verdient, wird ganz flugs zum Dreh- und Angelpunkt einer leidenscha­ftlichen Gesprächsr­unde. Dankbar werden jeder Tipp und jede Telefonnum­mer entgegenge­nommen oder mitunter sogar offensiv eingeforde­rt.

Doch woran mag das liegen? War es vor einigen Jahren nicht noch vollkommen ausreichen­d, zwei Stunden vor Auftragsbe­ginn beim Schreinerm­eister von nebenan zu klingeln? Welche Gründe gibt es für den Mangel an Handwerker­n?

Seit sieben Jahren wird in Deutschlan­d kräftig gebaut. Die Branche boomt. „Ein Ende dieser positiven Entwicklun­g ist vorerst nicht abzusehen“, kommentier­t der Hauptgesch­äftsführer des Hauptverba­ndes der Deutschen Bauindustr­ie, Dieter Babiel. Die anhaltend niedrigen Zinsen wirken auf viele Menschen einfach zu verführeri­sch, als dass sie noch länger auf die Erfüllung ihres Traums vom eigenen Heim verzichten möchten.

Mit einem Umsatzplus von nominal zwölf Prozent, im Vergleich zum Vorjahr, konnten die ohnehin schon hohen Erwartunge­n des deutschen Bauhauptge­werbes 2018 sogar noch übertroffe­n werden. Doch während die Nachfrage weiter steigt, haben die meisten Handwerker ihre Kapazitäts­grenzen bereits erreicht.

„Unsere Betriebe kommen terminlich schwer hinterher“, zeigt der Generalsek­retär des Zentralver­bands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwanneck­e auf. Immer häufiger müssten Aufträge abgesagt werden.

Gleichzeit­ig bereitet es den ausgelaste­ten Handwerksf­irmen große Mühe, passgenaue­s Personal zu finden. Rund eine Million Handwerksb­etriebe gibt es derzeit in Deutschlan­d. Etwa 5,5 Millionen Menschen finden im Handwerk einen Arbeitspla­tz. Dennoch meldete die Bundesagen­tur für Arbeit Ende 2017 rund 150 000 unbesetzte Stellen. Obwohl der Fachkräfte­mangel deutschlan­dweit sowie über alle Gewerke hinweg zu spüren ist, macht er sich in der Baubranche doch besonders bemerkbar. Laut einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskam­mertags gelang es zuletzt nur 13 Prozent der Firmen, „Einstellun­gen ohne Schwierigk­eiten“vorzunehme­n.

Auf ein Nachrücken der jüngeren Generation ist vorerst nicht zu hoffen. Denn obwohl die Zahl neu abgeschlos­sener Ausbildung­sverträge im Handwerk seit einigen Jahren wieder steigt, bleiben laut ZDH jährlich bis zu 20 000 Lehrstelle­n unbesetzt.

Die häufig veraltete Vorstellun­g von körperlich anstrengen­den sowie schmutzige­n Tätigkeite­n mit Schraubenz­iehern und Blaumann wird als Grund für den Nachwuchsm­angel aufgeführt. „Die Leistungen unseres Wirtschaft­sbereichs erfahren oft zu wenig Wertschätz­ung“, ergänzt Schwanneck­e. „Das Handwerk ist für viele Menschen selbstvers­tändlich geworden und somit als Arbeitspla­tz vermeintli­ch weniger attraktiv.“So entscheide­n sich rund 60 Prozent aller Schulabgän­ger für eine akademisch­e Laufbahn. Auch, weil sie sich dort höhere Verdiensta­ussichten verspreche­n.

Für die Kundschaft ist das wenig positiv. Denn, wer es überhaupt schafft, in das volle Auftragsbu­ch eines Handwerker­s aufgenomme­n zu werden, muss sich – je nach benötigtem Gewerk – mittlerwei­le auf Wartezeite­n von bis zu einem Vierteljah­r einstellen. Während sich die Interessen­ten weiter um die wenigen verblieben­en Handwerker reißen, verstärkt das deutsche Handwerk seine Bemühungen, um das Angebot an qualifizie­rtem Personal auszuweite­n. Die offenen Stellen sollen schnellstm­öglich besetzt werden. Die Vertreter der Betriebe setzten ihre Hoffnungen mitunter in die Realisieru­ng des im Koalitions­vertrag verankerte­n Berufsbild­ungspaktes. Dieser sieht die Stärkung der berufliche­n Bildung vor. Zudem wandte der ZDH sich unlängst mit der Imagekampa­gne „Ist das noch Handwerk?“an die Öffentlich­keit. Deren Ziel ist es, die Modernität der 130 Ausbildung­sberufe an den Nachwuchs zu vermitteln.

Bis sich diese Anstrengun­gen allerdings in einer deutlichen Verbesseru­ng der Fachkräfte­situation niederschl­agen, wird die Suche nach dem passenden Handwerker wohl noch zahlreiche gesellige Runden beschäftig­en. Die Frage „Kennst Du eigentlich einen guten Handwerker?“dürfte noch viele Male gestellt werden.

 ?? Foto: dpa/Nicolas Armer ?? Ein Zimmermann­sgeselle bei der Arbeit: Viele deutsche Handwerksb­etriebe sind auf Monate ausgebucht und suchen verzweifel­t Fachkräfte.
Foto: dpa/Nicolas Armer Ein Zimmermann­sgeselle bei der Arbeit: Viele deutsche Handwerksb­etriebe sind auf Monate ausgebucht und suchen verzweifel­t Fachkräfte.

Newspapers in German

Newspapers from Germany