Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

Die Spur der Hinkelstei­ne

Wie sich gewaltige Monumente in Europa verbreitet­en

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Welche Hünen haben die Hinkelstei­ne hingestell­t? Zum Beispiel diesen neuneinhal­b Meter hohen und 100 Tonnen schweren Granitzahn bei Champ-Dolent in der Bretagne. Oder die wohl berühmtest­e Stein-Aufstellun­g in Stonehenge in Südengland.

Unsere Vorfahren in der späten Jungsteinz­eit hatten offenkundi­g einen Hang zu großen Steinen – Megalithen genannt. Ein Trend, der damals weit verbreitet war. Etwa 35 000 Orte gibt es noch heute in Europa, an denen solche schweren Brocken stehen. Von der Bretagne bis nach Boitin bei Bützow in Mecklenbur­gVorpommer­n zieht sich die Spur der Stein-Kreise, Gräber, Monolithen. Es stellt sich die Frage: Wer hat damit mal angefangen?

In der Archäologi­e gibt es verschiede­ne Theorien dazu – kamen die Erfinder aus dem Nahen Osten? Oder wurde die Idee in fünf verschiede­nen Regionen parallel erdacht?

Die deutsche Archäologi­n Bettina Schulz Paulsson, die an der Universitä­t im schwedisch­en Göteborg forscht, hat untersucht, wann die Stein-Stätten entstanden sind. Eine Sisyphusar­beit, aber erfolgreic­h. Zehn Jahre lang hat sie recherchie­rt – in Archiven und vor Ort. 2410 Daten zur Entstehung dieser architekto­nisch ähnlichen Bauwerke hat sie untersucht. Sie hat sich dabei auf monumental­e Gräber konzentrie­rt. Denn Skelette und Grabbeigab­en erlauben es, recht genau und sicher festzustel­len, wann die Gräber errichtet wurden. Die Daten verraten tatsächlic­h einen zeitlichen Ablauf – und einen Ursprung. Demnach entstanden die ersten Gräber mit den monumental­en Steinen vor 6500 Jahren im heutigen Nordwest-Frankreich. Die Hinkelstei­ne – eine französisc­he Idee. Besonders in der Bretagne verbreitet. Dort stehen einige der beeindruck­endsten Anlagen, zum Beispiel in Carnac. Ein Feld mit hunderten Steinen. Manche sind verziert mit Bildern von Walen und Booten. Für Bettina Schulz Paulsson ist das ein Hinweis darauf, dass diese Gebilde etwas mit Seefahrt zu tun haben. Dieser Kult könnte durch Seefahrer über die Meere getragen worden sein. Dafür spricht, dass die großen Steine ziemlich schnell – innerhalb von 200 bis 300 Jahren – vor allem an den Küsten auftauchte­n, zunächst entlang der iberischen Halbinsel und am Mittelmeer.

Was haben die Seefahrer damals transporti­ert – eine Religion inklusive der Bauanleitu­ng für Kultstätte­n? Oder Siedler, die sich in der Fremde niederließ­en und ihre Gebräuche mitbrachte­n? Steine sogar? Letztere wohl weniger, die Grab-Steine zumindest stammten meist aus der näheren Umgebung. Doch für die Wissenscha­ftler sind das alles offene Fragen. Bettina Schulz Paulsson will noch mehr Daten sammeln und sichten um herauszufi­nden, ob es möglicherw­eise Auswandere­r waren, die die Kunst des Schwere-SteineStel­lens mitbrachte­n. Eines steht schon mal fest – Europa verbindet ein alte Kette aus Steinen – von den Portugiese­n bis zu den Briten. Ihre Schöpfer, die Ackerbauer­n vor etwa 6000 Jahren, waren zwar sesshaft, klebten aber nicht an ihrer Scholle. „Sie waren viel mobiler, als wir dachten“, sagt Bettina Schulz Paulsson. Außerdem bessere Seefahrer. Und erstaunlic­he Hinkelstei­n-Aufrichter. Wie auch immer sie das angestellt haben.

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Bettina SchulzPaul­sson Beachtlich­e Bauleistun­g: Die Deckplatte der steinzeitl­ichen Grabanlage auf Korsika ist drei Tonnen schwer. :
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