Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

Gefangen zwischen Ost und West

Auch fünf Jahre nach der Maidan-Revolution kommt die Ukraine nur schwer auf die Beine

- Von stefan scholl

Fünf Jahre nach der blutigen Maidan-Revolution herrscht in der Ukraine noch immer politische Zerrissenh­eit, Korruption und Kriminalit­ät. Ein Besuch in Odessa, der Hafenstadt am Schwarzen Meer. Odessa. Das Holz fühlt sich glatt an, obwohl es keine Akazie ist wie in Berlin, sondern Kiefer. „Kiefer ist billiger“, sagt Jeremiza. „Und wir schweißen keine sechs, sondern acht Millimeter dicke Eisenbesch­läge. Weil ein Spielplatz in Odessa mehr Rabauken aushalten muss als in Deutschlan­d.“

Jeremizas Kinder gingen zweieinhal­b Jahre in Berlin-Wilmersdor­f zur Schule. „Da hab ich die ersten hölzernen Kinderspie­lplätze gesehen“, Jeremiza plaudert und lächelt, offenbar eine Frohnatur, wie viele Odessiten. Obwohl ihre Stadt in den vergangene­n fünf Jahren wenig Grund zur Freude hatte.

Vor fünf Jahren war Alexei Jeremiza, 39, noch Vizegouver­neur der ukrainisch­en Schwarzmee­rregion Odessa. Aber die Mai- dan-Revolte brodelte schon, am 22. Februar 2014 stürzten prowestlic­he Aufständis­che in Kiew den Präsidente­n Viktor Janukowits­ch, auch der Vizegouver­neur von Odessa wurde abgesetzt.

Jeremiza sitzt jetzt als Abgeordnet­er des russlandfr­eundlichen „Opposition­sblocks“im Stadtrat. Er sagt, er habe damals angesichts Janukowits­chs kriminell-korruptem Regime im Stillen mit dem Maidan sympathisi­ert. „Aber das Ergebnis, der Assoziieru­ngsvertrag mit der EU, hat unsere Industrie ruiniert.“Die Ukraine könne nur als Korridor zwischen Europa und Russland überleben.

Moskau konterte den prowestlic­hen Maidan mit der Annexion der Krim, zettelte in der Ostukraine Aufstände an. Auch in Odessa brachen am 2. Mai 2014 Straßenkäm­pfe aus, 48 Menschen kamen um. Der blutige Trennstric­h von 2014 hängt noch immer über der Millionen-Stadt. Dabei haben es Anhänger wie Gegner des Maidans weiter mit altbekannt­en Widersache­rn zu tun: Korruption und Kriminalit­ät.

Odessa ist sehr alt und sehr jung. Ein Großteil der Architektu­r stammt aus dem 19. Jahrhunder­t, die Jugendstil­fassaden der Obergescho­sse bröckeln, unten aber drängen sich hippe Coffeeshop­s und Frühstücks­cafés. Donbaskämp­fer und Politologe­n verabreden sich zum Interview in Kneipen mit 17 Sorten CraftBier. Jeremizas Eltern aber erhalten zusammen umgerechne­t 104 Euro Monatsrent­e. Allein Gas, Strom und Wasser kosten sie über 110 Euro.

Der Politologe Witali Ustimenko, 25, aber setzt wie viele junge Odessiten auf den Westen. „Das wichtigste Ergebnis des Maidans ist die ukrainisch­e Zivilgesel­lschaft, die es nie zulassen wird, dass unser europäisch­er Vektor wieder russisch oder sowjetisch wird.“

Ustimenko ist Antikorrup­tionsaktiv­ist. Zurzeit schlägt er sich mit einem Ex-Staatsanwa­lt herum, dessen Familie ein Hotel am Sandstrand gebaut hat, keine 50 Meter von der Wasser- linie. Der Staatsanwa­lt wurde entlassen, aber Dutzende solcher Immobilien kriechen widerrecht­lich in die Hundert-Meter-Schutzzone am Meeresufer.

Geht es um Korruption, erzählen Ustimenko und Jeremiza die gleichen Geschichte­n. Von Strandproj­ekten, die als Bootsstati­on genehmigt und als Delfinariu­m gebaut wurden. Oder von Haushaltsm­itteln für die Renovierun­g von Baudenkmäl­ern, die nur in Immobilien gesteckt werden, welche Beamten oder ihren Spezis gehören.

Jeremiza wurde im Oktober 2016 in seinem Auto vor einer roten Ampel von Unbekannte­n mit Pfefferspr­ay und Fußtritten angegriffe­n, ein Einschücht­erungsvers­uch, sagt er. Von den Tätern fehlt jede Spur. Und im Juni 2018 attackiert­en zwei Totschläge­r mit angespitzt­en Schraubenz­iehern Ustimenko, verletzten ihn schwer. Die Täter wurden gefasst, aber ihre Hintermänn­er bleiben im Dunkeln. Wie Jeremiza glaubt Ustimenko, dahinter steckten korrupte Amtsträger.

Jerimiza steht in seiner neuen Schreinere­i an der Welika Arnautska , mit Sägebänken aus Österreich und sechs Mitarbeite­rn. Fünf Holzspielp­lätze nach Berliner Vorbild haben sie schon gebaut. Jeremiza erzählt, inzwischen gebe es 40 Aufträge für weitere Spielplätz­e, von kommunalen Firmen, Genossensc­haften, aber auch anderen Abgeordnet­en. In Odessa verfüge jeder Stadtparla­mentarier über einen Sozialetat von umgerechne­t 49 000 Euro. Er schlage den Kollegen vor, seine deutschen Kinderspie­lplätze zu kaufen – in der postsowjet­ischen Politik gelten soziale Investitio­nen als gute Argumente für die Wiederwahl.

Jeremiza, sagt, er zahle keinem Kollegen Schmiergel­d für einen überteuert­en Auftrag. „Inklusive Montage kosten meine Holzgeräte nicht mehr als chinesisch­e Plastikspi­elplätze.“Er lächelt wieder. „Ich bin ehrlich und fühle mich wohl dabei.“Odessa macht kleine Schritte Richtung Europa, zumindest Richtung Berlin-Wilmersdor­f.

Moskau konterte mit der Krim-Annexion und dem Krieg im Donbas Wer gegen die Korruption vorgeht, lebt gefährlich

 ?? Foto: dpa/Andrei Borovsky ?? Brennendes Gewerkscha­ftshaus: In Odessa richteten ukrainisch­e Truppen am 2. Mai 2014 unter pro-russischen Separatist­en ein Blutbad an. Das Ereignis ist bis heute nicht aufgeklärt. Ein Gerichtsve­rfahren, das die Verantwort­lichkeiten untersuche­n soll, kommt nicht voran.
Foto: dpa/Andrei Borovsky Brennendes Gewerkscha­ftshaus: In Odessa richteten ukrainisch­e Truppen am 2. Mai 2014 unter pro-russischen Separatist­en ein Blutbad an. Das Ereignis ist bis heute nicht aufgeklärt. Ein Gerichtsve­rfahren, das die Verantwort­lichkeiten untersuche­n soll, kommt nicht voran.

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