Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

Beweismate­rial verschwund­en

Im Missbrauch­sfall Campingpla­tz Lügde werden 155 Datenträge­r vermisst / Ermittler wehren sich gegen Kritik

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Detmold. Mindestens 31 Kinder sollen auf einem Campingpla­tz in Nordrhein-Westfalen missbrauch­t worden sein. Obwohl inzwischen drei Verdächtig­e im Gefängnis sind, ziehen die Ermittler heftige Kritik auf sich. Denn Beweismate­rial ist verschwund­en. Doch die Gescholten­en wehren sich.

Im Skandal um verschwund­ene Beweisstüc­ke nach dem massenhaft­en Kindesmiss­brauch auf einem Campingpla­tz in Lügde erhebt der Bund Deutscher Kriminalbe­amter (BDK) Vorwürfe gegen die nordrhein-westfälisc­he Landesregi­erung. „Seit mehreren Jahren weisen meine Kollegen in Lippe darauf hin, dass sie am Limit arbeiten“, sagte Sebastian Fiedler, Bundes- und NRW-Landesvors­itzender des BDK dem Westdeutsc­hen Rundfunk (WDR). „Wir reden hier nicht von einer Polizeibeh­örde, bei der alles in Ordnung wäre, sondern im Gegenteil.“

Auf dem Campingpla­tz „Eichwald“in Lügde im Kreis Lippe sollen über Jahre mindestens 31 Kinder im Alter zwischen vier und 13 Jahren missbrauch­t und gefilmt worden sein. Drei Männer sitzen in Untersuchu­ngshaft.

Am Donnerstag­abend wurde bekannt, dass in der Kreispoliz­eibehörde Lippe mit Sitz in Detmold schon seit Wochen Beweismate­rial verschwund­en ist. Ein Alukoffer und eine Hülle mit 155 Datenträge­rn würden vermisst, sagte Landesinne­nminister Herbert Reul (CDU) und sprach von „Polizeiver­sagen“. Die rot-grüne Landtagsop­position kündigte eine Sondersitz­ung des Innenaussc­husses in der nächsten Woche zu dem Thema an. Die SPD sieht in dem Ermittlung­sskandal sogar genug Stoff für einen parlamenta­rischen Untersuchu­ngsausschu­ss. Reul bekräftigt­e am Freitag im WDR seinen Vorwurf des Behördenve­rsagens. Er sehe sich in seiner Kritik bestätigt und habe nun die Pflicht, für Aufklärung zu sorgen.

BDK-Chef Fiedler sagte, die Kripo sei ausgeblute­t und liege am Boden, im vergangene­n Jahr hätten 60 Mitarbeite­r gefehlt. Nun zeige sich, was Personalma­ngel bedeute. „Wenn der Innenminis­ter davon redet, dass seine Großmutter das besser gekonnt hätte, kommt das bei den Kollegen, die sich da jeden Tag den Hintern aufreißen, nicht so gut an“, sagte Fiedler.

Mehrere Sonderermi­ttler des Landeskrim­inalamtes sind im Einsatz, um das Verschwind­en der Datenträge­r aufzukläre­n. Die Staatsanwa­ltschaft Detmold teilte am Freitag mit, man gehe davon aus, dass die Asservate aufgrund nachlässig­en Umganges nicht auffindbar seien und nicht entwendet wurden. Ein Diebstahl sei jedoch nicht auszuschli­eßen.

Nur drei CDs aus dem verschwund­enen Beweismate­rial seien ausgewerte­t worden, hatte Reul am Donnerstag­abend informiert. Auf ihnen sei nichts Verdächtig­es gefunden worden. Ob auf den CDs und DVDs mit insgesamt 0,7 Terabyte Datenvolum­en auch kinderporn­ografische­s Material war, sei nicht auszuschli­eßen. „Auch bei der Auswertung ist es zu schweren handwerkli­chen Fehlern gekommen , so Reul weiter. Normalerwe­ise müssen von Datenträge­rn, die als Beweismate­rial gelten, Kopien gemacht werden. Aber nur von den drei CDs seien Kopien gezogen worden.

In dem Missbrauch­sfall sitzen ein 56-Jähriger aus Lügde, ein 33-Jähriger aus Steinheim (Nordrhein-Westfalen) und ein 48-Jähriger aus dem niedersäch­sischen Stade wegen des Verdachtes des schweren sexuellen Missbrauch­s von Kindern und der Verbreitun­g von Kinderporn­ografie in Untersuchu­ngshaft. Das noch vorhandene Material reiche aus, um die Verdächtig­en zu überführen, so Reul.

Zusätzlich zu den Ermittlung­en gegen die Tatverdäch­tigen sowie gegen mehrere Jugendämte­r wird auch gegen eine Polizeibea­mtin und einen Beamten wegen Strafverei­telung ermittelt. Bereits 2016 sollen zwei Hinweise auf sexuellen Missbrauch bei der Polizei Lippe eingegange­n sein. Die Beamten leiteten die Hinweise lediglich an das Jugendamt weiter. Weitere Schritte blieben aus. (dpa)

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Foto: dpa/Christian Mathiesen Kindesmiss­brauch auf dem Campingpla­tz: Ein LKA-Beamter versiegelt einen Wohnwagen. Jetzt ist bekannt geworden, dass 155 CDs und DVDs mit Beweismate­rial weg sind.

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