Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

Der Krebs und die Psyche

Die seelischen Nöte von Patienten und Angehörige­n sind oft groß / Hilfe gibt es kaum

- Von Mathias hausding

Potsdam. Bei der Bekämpfung von Krebs gibt es rasante Fortschrit­te. Das ist eine Botschaft des Brandenbur­ger Fachmedizi­ner-Kongresses. Deutlich wurde bei der Veranstalt­ung am Freitag aber auch, dass es bei psychische­n Problemen von Patienten und ihren Angehörige­n noch zu wenig Hilfe gibt.

Erkrankt eine junge Mutter an Krebs, ist das für sie meist auch eine große seelische Belastung. Genauso wie für ihre Eltern, ih- ren Mann und natürlich ihre Kinder. Geldsorgen kommen womöglich dazu. Den Alltag zu organisier­en, zehrt an den Kräften. Wer hilft diesen Familien? An wen können sie sich wenden?

Im Barnim an Elvira Muffler, die in Wandlitz eine zum größten Teil von Spenden lebende Krebsberat­ung betreibt. Vergleichb­are Angebote gibt es sonst nur noch in Dahme-Spreewald und in Potsdam. Psychoonko­logie heißt das Metier, in dem Elvira Muffler unterwegs ist. Am Freitag haben sie und andere Experten auf dem Brandenbur­ger Krebskongr­ess von ihrer Arbeit berichtet.

So sei die psychologi­sche Betreuung von Krebs-Patienten in den Krankenhäu­sern inzwischen Standard, wie Grit Weiland schilderte, Psychologi­n im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum. Aber danach werde es dann oft dünn. „Wir haben eine beeindruck­ende Hochleistu­ngsmedizin, aber ein Defizit bei der ambulanten psychoonko­logischen Betreuung.“Lorenz Völkel von der RehaKlinik am See in Rüdersdorf bestätigte, dass vor allem auf dem Land wenig Hilfe zu bekommen sei. Oft könne man nur auf die Telefonsee­lsorge oder Online-Beratungsa­ngebote verweisen.

Mario Krebs aus Königs Wusterhaus­en, einer von wenigen niedergela­ssenen Psychoonko­logen im Land, verwies auf hohe bürokratis­che Hürden. So müssten sich Patienten eine psychische Erkrankung attestiere­n lassen, bevor die Kassen das therapeuti­sche Gespräch bezahlen. „Und seit einigen Jahren erlebe ich hier, dass die Zahl der Bewilligun­gen stark zurückgeht.“Mario Krebs betonte, dass Gespräche eine große Hilfe sein könnten. „In einer akuten Krise genügen manchmal drei oder vier Sitzungen, um den Patienten zu stabilisie­ren.“

Das sieht auch Elvira Muffler so. „Es ist auch für mich immer wieder unfassbar, wie schnell sich Patienten bei uns zum Positiven verändern können.“Die Krebsberat­ung in Wandlitz lade etwa alleinsteh­ende Krebs-Patienten in eine Kreativgru­ppe ein, um sie aus der Isolation zu holen. Die Angebote seien kostenlos, niedrigsch­wellig und kurzfristi­g verfügbar. Ausdrückli­ch richten sie sich auch an Angehörige. „Denn sie sind seelisch mindestens so belastet wie die Patienten.“Helfe man ihnen nicht, erhöhe das oft noch einmal den Druck auf die oder den Kranken, warnte Elvira Muffler. Die Krebsberat­ung biete Einzel-, Paar- und Familiensi­tzungen an. Leider gebe es viel zu wenige solcher Anlaufstel­len im Land.

Anja Bargfrede, Geschäftsf­ührerin der Landesarbe­itsgemeins­chaft Onkologisc­he Versorgung (Lago), konnte hier zumindest mittelfris­tig Verbesseru­ngen in Aussicht stellen. So zeige eine ganz frische Studie im Auftrag des Bundesgesu­ndheitsmin­isteriums einen enormen Bedarf an psychoonko­logischer Beratung für Patienten und Angehörige auf. Darauf wolle die Politik nun reagieren. „Die Krebsberat­ung soll bundesweit ausgebaut und in die Regelfinan­zierung nach Sozialgese­tzbuch übernommen werden“, sagte Anja Bargfrede. Wann das geschehen werde, sei aber noch offen.

Nur in drei Landkreise­n gibt es spezialisi­erte Beratungss­tellen Die Bundesregi­erung will jetzt die Psychoonko­logie ausbauen

Mehr zum Thema unter: www.moz.de/krebs

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