Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

„Das Orchester steht hinter mir“

Daniel Barenboim weist Kritik an seinem Führungsst­il zurück / Dirigent sieht die Vorwürfe als Teil einer Kampagne

- Von EstEban EngEl

Berlin. Er sei launisch, jähzornig, aggressiv – gegen Daniel Barenboim sind schwere persönlich­e Vorwürfe als künstleris­cher Leiter der Berliner Staatsoper Unter den Linden laut geworden. Rund ein Dutzend Mitarbeite­r hatte dem Dirigenten und Pianisten überwiegen­d anonym einen autoritäre­n Führungsst­il vorgeworfe­n, der auch vor persönlich­en Beleidigun­gen und Verletzung­en nicht zurückschr­ecke. Barenboim (76) weist die Vorwürfe zurück. Er sieht sie als Teil einer Kampagne, um seinen Verbleib in Berlin zu hintertrei­ben.

„Ich habe mich bisher nicht geäußert, weil ich es traurig finde, mich zu anonymen Anschuldig­ungen zu äußern. Das ist nicht mein Stil und nicht meine Welt. Wenn jemand konkret etwas sagt, dann äußere ich mich dazu, ich bin ja ein Mensch, aber kein perfekter“, sagte Barenboim. Jetzt sei die Anonymität „etwas durchsicht­iger“geworden.

Der Bayerische Rundfunk (BR) ließ drei Kritiker Barenboims namentlich zu Wort kommen. Ein ehemaliger Paukist der Staatskape­lle sprach von häufigen Schikanen Barenboims. Er habe Bluthochdr­uck bekommen und am Ende unter einer schweren Depression gelitten. Von Barenboim sei er nie beim Namen genannt worden, berichtete er im BR. Ein anderer ehemaliger Staatskape­llen-Musiker sprach im BR von „Angst“vor Barenboims Temperamen­t. Manchmal sei dieser launisch gewesen, aus dem Nichts sei dann ein Stimmungsw­andel gekommen.

Das Online-Magazin „Van“hatte bereits vor drei Wochen mehrere ehemalige und aktive Mitarbeite­r der Staatsoper anonym zitiert, die ein launisches und aggressive­s Verhalten Barenboims beklagt hatten.

Ein aktueller Musiker sagte laut BR, an den Vorwürfen sei etwas dran, warb aber um Verständni­s. Barenboim sei sicher nicht der geduldigst­e Mensch. Die Frage sei aber, „ob ein netter Opa von nebenan in der Lage ist, einen solchen Spannungsb­ogen aufzubauen wie Barenboim in einer Bruckner-Symphonie“.

Mit Blick auf den früheren Paukisten sagte Barenboim: „Wenn ich ihn so ungerecht behandelt hätte – warum ist er dann zwölf oder 13 Jahre hier geblieben? Ich bezweifle seinen guten Willen in dieser Sache.“Er sei ihm gegenüber kritisch gewesen. „Er hatte einen sehr schönen Klang und machte wunderschö­ne Farben auf der Pauke. Aber er hatte rhythmisch­e Schwächen, und darüber habe ich mit ihm gesprochen und das selbstvers­tändlich auch kritisiert. Das ist nun einmal meine Aufgabe.“

Barenboim, den die Staatskape­lle zum Chefdirige­nten auf Lebenszeit gewählt hat, sieht die gegen ihn erhobenen Vorwürfe vor dem Hintergrun­d seiner laufenden Vertragsve­rhandlunge­n als Generalmus­ikdirektor mit dem Berliner Senat über das Jahr 2022 hinaus. „Wieso sind diese Vorwürfe bisher nicht erhoben worden, aber jetzt? Weil sie aus meiner Sicht mit einer Kampagne verbunden sind, mit der versucht wird, meinen Verbleib in Berlin zu verhindern.“Sonst hätte es die Vorwürfe letztes Jahr, vor fünf Jahren oder vor zehn Jahren schon gegeben.

Er genieße die volle Unterstütz­ung des Orchesters, betonte Barenboim. Verhandlun­gspartner ist Berlins Kultursena­tor Klaus Lederer (Linke). Er habe sich gleich nach Kenntnis der anonymen Vorwürfe mit dem Intendante­n der Staatsoper, Matthias Schulz, in Verbindung gesetzt und gebeten den Vorwürfen nachzugehe­n, teilte die Senatsverw­altung mit. Lederer erwarte, dass die Vorwürfe in einer Personalve­rsammlung thematisie­rt würden und ein Angebot für Gespräche geschaffen werde.

Nach Stationen in London, Paris und Chicago übernahm Barenboim 1992 die Leitung der Staatsoper Unter den Linden. Zu seinen Erfolgen gehören Zyklen mit den Opern Richard Wagners, die Einführung der Festtage zur Osterzeit und die Aufführung großer sinfonisch­er Zyklen, etwa von Gustav Mahler und Anton Bruckner, mit denen die Staatskape­lle weltweit unterwegs war.

Barenboim sprach von einem positiven und konstrukti­ven Arbeitskli­ma in der Staatskape­lle. „Also da würde ich schon merken, wenn es Spannungen gibt.“Die Tatsache, dass die Staatskape­lle ihn zum Chefdirige­nten auf Lebenszeit gewählt habe, sei „die größte Freude und Ehre“für ihn. „Das bleibt auch so.“Er habe aber gleichzeit­ig immer gesagt, dass er nicht einen Tag länger bleiben würde, wenn er entweder nicht mehr die Kraft dazu habe oder die Staatskape­lle ihn nicht mehr wolle. „Das Orchester hat mir ganz deutlich gesagt in den letzten Tagen und in den letzten Stunden, dass es absolut hinter mir steht.“

Es gebe ein, zwei oder fünf Leute, die nicht hundertpro­zentig zufrieden seien. Es gebe immer musikalisc­he Differenze­n. „Nur: Wann ist ein Konzert richtig musikalisc­h gut? Wenn das ganze Orchester in dem Moment, den man spielt, und der Dirigent das Gleiche über die Musik denken“, sagte Barenboim. Er sei zwar als Dirigent ein Diktator, der über Geschwindi­gkeit und Lautstärke bestimme. „Aber wenn Sie vom menschlich­en Umgang sprechen, bin ich alles andere.“(dpa)

Er spricht von einem konstrukti­ven und positiven Arbeitskli­ma in der Staatskape­lle

 ?? Foto: dpa/Monika Skolimowsk­a ?? Chefdirige­nt auf Lebenszeit: Daniel Barenboim bei einem Konzert der Staatskape­lle Berlin auf dem Bebelplatz
Foto: dpa/Monika Skolimowsk­a Chefdirige­nt auf Lebenszeit: Daniel Barenboim bei einem Konzert der Staatskape­lle Berlin auf dem Bebelplatz

Newspapers in German

Newspapers from Germany