Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

Für eine Gesellscha­ft mündiger Bürger

Der Eisenhütte­nstädter Anwalt Rolf Henrich, Mitbegründ­er des Neuen Forums, legt seine Lebenserin­nerungen vor / Am Donnerstag feierte das Buch im Kleist-Museum seine Premiere

- Von stEphaniE lubasch

Frankfurt (Oder). Im Garten seines Hauses in Hammerfort (Oder-Spree) hat er den über mehrere Jahre entstanden­en Text einst vergraben, Kapitel für Kapitel, eingerollt in leere Gurkengläs­er. Dann schmuggelt­e Rolf Henrich das Buch in den Westen. Als seine DDR-Kritik „Der vormundsch­aftliche Staat“dort im April 1989 bei Rowohlt erschien, änderte sich für den Eisenhütte­nstädter Anwalt alles. Seine Partei- und Juristenko­llegen waren entsetzt: „Henrich betreibt das Geschäft des Klassenfei­ndes!“Ein Mann aus den eigenen Reihen, selbst jahrelang SED-Parteisekr­etär. Parteiauss­chluss und Berufsverb­ot folgten. Henrich aber blieb auf dem eingeschla­genen Weg, mobilisier­te Menschen für die Mitarbeit an einem politische­n Aufbruch – und gründete schließlic­h mit Bärbel Bohley und Katja Havemann das Neue Forum.

In seinen Erinnerung­en lässt der Jurist diese aufregende Zeit jetzt noch einmal Revue passieren. „Aufbruch aus der Vormundsch­aft“hat er sein neues Buch genannt, das er am Donnerstag­abend, kurz vor seinem 75. Geburtstag an diesem Sonntag, im Frankfurte­r Kleist-Museum erstmals der Öffentlich­keit vorstellen wollte.

Aus Krankheits­gründen musste er am Ende absagen. Die Buchpremie­re im übervollen Haus aber fand trotzdem statt – mit Freunden und Zeitzeugen auf dem Podium sowie dem Verleger Christoph Links, der den Band herausgebr­acht hat. Auch weil er, wie er verriet, mit Henrichs Erstling „Der vormundsch­aftlichen Staat“ganz eigene Erinnerung­en verknüpfe. Freunde, erzählte er, hätten es ihm damals aus Westberlin mitgebrach­t, und er wiederum gab es seinem Vater, der zu dieser Zeit die Verlagsgru­ppe Kiepenheue­r in Leipzig leitete. Nach einigem Hin und Her – die Mauer war inzwischen gefallen – sei dort dann im Februar 1990 die DDR-Ausgabe herausgeko­mmen. „Es hatte eine enorme Wirkung für das Umdenken im Land.“

Wie Henrich sich an all diese Begebenhei­ten erinnert, gibt einen tiefen Einblick in das Innere eines sich mehr und mehr auflösende­n Landes. Es zeigt, wie sich der Idealismus vieler aufbraucht­e, wie er sich aufrieb am unbeweglic­hen System. Seine Triebfeder, schreibt Henrich, sei das Gefühl gewesen, mitschuldi­g am Zustand des politische­n Lebens gewesen zu sein: „Ich wollte durch tätige Reue – also durch eigenes Tun – zu einer Änderung der Verhältnis­se im Osten beitragen.“Um so enttäuscht­er sei er dann darüber gewesen, wie schnell der „revolution­äre Eifer der Massen“nach dem Mauerfall wieder vorbei gewesen sei: „Tatsächlic­h ersetzte ja innerhalb weniger Monate der Rückfall in die gewohnte Mündelroll­e jeden aufrechten Gang und erstickte beinahe vollständi­g den eben erst landesweit ausgebroch­enen Unternehmu­ngsgeist an der Basis.“

Was ihm an Henrichs Buch so wichtig sei, betonte Links: „Dass es nicht nur die eigenen Taten aufgreift: Das Leitbild eines mündigen, verantwort­ungsvollen Staatsbürg­ers ist ein Appell an uns alle, denn unsere Gesellscha­ft funktionie­rt nur als eine Gesellscha­ft mündiger Bürger.“

Rolf Henrich: „Ausbruch aus der Vormundsch­aft“, Ch. Links Verlag, 384 S., 25 Euro

 ?? Foto: Michael Benk ?? Freunde und Zeitzeugen: Christoph Links (v.l.), Reinhart Zarneckow, Heidelore Henrich, Hans Hörath, Annette Handke, Dorothea Schiefer und Karl-Ludwig von Klitzing bei der Buchpremie­re
Foto: Michael Benk Freunde und Zeitzeugen: Christoph Links (v.l.), Reinhart Zarneckow, Heidelore Henrich, Hans Hörath, Annette Handke, Dorothea Schiefer und Karl-Ludwig von Klitzing bei der Buchpremie­re

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