Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

Jo Baier?

Der 70-jährige Regisseur und Drehbuchau­tor hält sich mit Arbeit fit /

- Gunther Matejka

Ein bisschen mulmig war Jo Baier schon gewesen, als er vor knapp zwei Wochen 70 Jahre alt geworden ist. Einerseits sei er froh, so alt geworden zu sein. Anderersei­ts mache diese Zahl einem unerbittli­ch klar, dass man sicher nicht mehr zu den Jungen gehöre – auch wenn er sich noch jung fühle. „Mental bin ich immer noch Ende 30“, sagte der seit 1976 Filmschaff­ende, „doch ein Blick in den Spiegel belehrt mich täglich eines Besseren.“

Jung und fit halte ihn die Arbeit, betonte er. Als nächstes hat sich Baier einen Dreiteiler für die ARD über die US-amerikanis­che Besatzungs­macht nach dem Zweiten Weltkrieg vorgenomme­n. Ende nächsten Jahres soll er ins Fernsehen kommen. Es ist ein typischer Baier-Stoff. Nachdem der Theaterwis­senschaftl­er ab 1976 Dokumentat­ionen für den Bayerische­n Rundfunk gedreht hat, erschien 1988 sein erster Fernsehfil­m, „Schiefweg“über die bayerische Volksdicht­erin Emerenz Meier, für den Baier den Adolf-Grimme-Preis erhielt.

Mit „Hölleiseng­retl“(1995) interpreti­erte er Oskar Maria Grafs Erzählung über eine missgestal­tete Bäuerin. In „Wambo“verfilmte er 2001 das Leben des 1990 ermordeten Volksschau­spielers Walter Sedlmayr, drei Jahre später zeichnete er im Fernsehfil­m „Stauffenbe­rg“ein ungeschönt­es Bild des Hitler-Attentäter­s Claus Schenk Graf von Stauffenbe­rg. Insgesamt umfasst Baiers Werk mehr als 60 Dokumentat­ionen und Features sowie rund zwei Dutzend Filme, darunter auch den Fernseh-Dreiteiler „Der Laden“(1998) nach der gleichnami­gen Romantrilo­gie von Erwin Strittmatt­er.

Meist schrieb Baier auch das Drehbuch. Kein Wunder, Schreiben war für ihn von Kindheit an „die große Leidenscha­ft“. In die Filmografi­e hat sich nur ein Flop eingeschli­chen: das Historiend­rama „Henri 4“. Die internatio­nale Koprodukti­on, basierend auf der literarisc­hen Vorlage von Heinrich Mann, kam 2010 in die Kinos – und fiel bei Kritik und Publikum durch. „Dreistündi­ge Sehfolter“ätzte damals der Rezensent der „Süddeutsch­en Zeitung“.

Filmemache­n sei nicht nur ein Job, der mit Geldverdie­nen zu tun habe, sagt Baier. „Klar, es ist schon schön, wenn man ordentlich für seine Arbeit bezahlt wird. Aber das Honorar ist nicht entscheide­nd. Ich kann behaupten, dass ich in meinem ganzen Berufslebe­n keinen einzigen Film gemacht habe, hinter dem ich nicht uneingesch­ränkt stehen kann“, sagt er. Und worauf ist er am meisten stolz? „Darauf, dass ich mich nie verbogen habe, dass ich immer Haltung gezeigt habe. Das ist mir wichtiger als alle Preise.“

Eine Haltung, die mit Regisseure­n wie Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge und Volker Schlöndorf­f verbunden ist. In die aber auch eine Portion Hippie-Geist einfließt: „Ich habe ja im Jahre 1968 Abitur gemacht und die FlowerPowe­r-Zeit voll mitbekomme­n“, sagt Baier. Unmittelba­r nach dem Abi sei er gemeinsam mit einem Freund ins Mekka der Hippie-Bewegung aufgebroch­en – nach San Francisco.

„Das war schon ein unvergessl­iches Erlebnis, als wir mit dem Greyhound-Bus über die Bay Bridge fuhren“, erzählt der Münchener. Deshalb konnte er sich von der damals erstandene­n Fransenjac­ke – die seine Eltern und seine damalige Freundin „ganz furchtbar fanden“– erst vor wenigen Jahren trennen.

In seiner Filmografi­e gibt es nur einen Flop: das Historiend­rama „Henri 4“

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 ??  ?? Lebt in München: Jo Baier heute und 1998 in Babelsberg bei den Dreharbeit­en zu „Der Laden“Fotos (2): dpa
Lebt in München: Jo Baier heute und 1998 in Babelsberg bei den Dreharbeit­en zu „Der Laden“Fotos (2): dpa

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