Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

Der Schatz im Dachgescho­ss

Im „Photoateli­er Setzer-Tschiedel“ließen sich ab 1911 Tausende Personen der Wiener Gesellscha­ft porträtier­en. Ein Forschungs­projekt will ihre Biografien recherchie­ren

- / Von Andreas Förster www.wer-wien-praegte.at

Das Haus Museumsstr­aße 5 ist einer dieser prachtvoll­en Wiener Gründerzei­tbauten, mit Mezzaninge­schoss und schmiedeei­sernen Balkongitt­ern an der Fassade. Aber nicht nur wegen seiner Architektu­r ist das zwischen Volkstheat­er und Museumsqua­rtier gelegene Gebäude einen Besuch wert. Beherbergt es doch einen unvergleic­hlichen Schatz: das Archiv des „Photoateli­ers Setzer-Tschiedel“, in dem sich ab 1911 bedeutende Persönlich­keiten der Wiener Gesellscha­ft porträtier­en ließen.

Das unter dem Dach gelegene und erst 1979 geschlosse­ne Atelier ist das einzige noch in seinem Originalzu­stand erhaltene Tageslicht-Atelier aus den 1920er-Jahren. Hier kann man auch noch die mehr als 100 Jahre alte Glasplatte­nkamera anschauen. Das wertvollst­e Relikt aber lagert in einer mit schmucklos­en Holztüren verschloss­enen Nische des Ateliers – 18 mal 24 Zentimeter große Glasplatte­n, auf denen die Negative der mehr als 20 000 Einzelaufn­ahmen von Vertretern des Wiener Großbürger­tums und der Künstlersz­ene gespeicher­t sind. Darunter befinden sich Porträts von Dichtern wie Stefan Zweig und Arthur Schnitzler, von Komponiste­n wie Arnold Schönberg und Richard Strauss sowie von Theatersta­rs wie Conrad Veidt, Paula Wessely und Max Reinhardt. Neben diesen bis heute bekannten Künstlern haben sich in den 1920er- und 1930er-Jahren aber auch viele wohlhabend­e Bürger in Szene setzen lassen – Kaufleute, Bankiers, Industriel­le, Ärzte und Wissenscha­ftler. Menschen also, die maßgeblich zur Identität Wiens beigetrage­n und das gesellscha­ftliche wie wirtschaft­liche Leben der Stadt mitgeprägt haben.

„Doch wir müssen davon ausgehen, dass eine nicht unerheblic­he

Menge dieser Menschen nach dem Anschluss Österreich­s an das Deutsche Reich im März 1938 wegen ihrer jüdischen Abstammung oder aus anderen Gründen entweder emigrieren mussten oder dem NS-Regime zum Opfer fielen“, sagt Wolfgang Tschiedel, der heutige Eigentümer des Fotoarchiv­s. „Diesen Verfolgten, die häufig in Vergessenh­eit geraten sind, wollen wir wieder ein Gesicht geben, um so ihre Geschichte und ihr Andenken zu bewahren.“

Tschiedel ist der Großneffe der letzten Besitzerin des Ateliers, Marie Karoline Tschiedel. An diesem Tag sitzt er im Jüdischen Museum in Wien und stellt zusammen mit seinem sechsköpfi­gen Team aus

Historiker­n und Genealogen das Forschungs­projekt „Wer Wien prägte“vor. Die Experten wollen recherchie­ren, wer bis 1938 zu den Kunden des „Photoateli­ers SetzerTsch­iedel“gehörte und was aus diesen Menschen wurde. Die Ergebnisse der Recherchen sollen in eine frei zugänglich­e Bilddatenb­ank einfließen, in der man die dann digitalisi­erten Porträts aufrufen und Informatio­nen über das Schicksal der abgebildet­en Personen und ihrer Familien erhalten kann – sowohl der Prominente­n als auch der „Vergessene­n“.

Der 1886 geborene Fotograf Franz Xaver Setzer hatte das Atelier 1911 gegründet. Schon früh gelang es ihm, berühmte Opernsänge­r und Schauspiel­er aus den Wiener Theatern dazu zu bringen, sich von ihm fotografie­ren zu lassen. Die Prominenz der Kundschaft sprach sich herum in der Stadt, und so gehörte es schon bald zum guten Ton, sich in dem Atelier ablichten zu lassen. Allein bis zum Jahre 1938 fertigten Setzer und seine Mitarbeite­rin Marie Karoline Tschiedel Aufnahmen von rund 4500 Wiener Persönlich­keiten und Familien an.

Wie komplizier­t das nun begonnene Forschungs­projekt sein wird, lässt sich schon an den wenigen Beispielen ablesen, die Tschiedel und seine Mitstreite­r im Jüdischen Museum präsentier­en. Auf einer Leinwand zeigen sie Fotos der sogenannte­n Plattenbüc­her des Ateliers. Darin sind handschrif­tlich die Bildnummer­n der im Atelier aufgenomme­nen Fotos zusammen mit den jeweiligen Kundenname­n vermerkt. Kurze Notizen sind das nur, in denen lediglich der Nachname der porträtier­ten Person und das jeweilige Bildmotiv festgehalt­en sind. „Frau Silber/Brustbild Profil“steht da zum Beispiel, und in der Zeile darunter

Neben Künstlern haben sich auch wohlhabend­e Bürger in Szene setzen lassen

 ?? Fotos (3): Setzer-Tschiedel, Wien VII ?? Plattenneg­ativ und Abzug: Das im Jahre 1911 im „Photoateli­er Setzer-Tschiedel“entstanden­e Porträt zeigt den Wiener Burgtheate­r-Schauspiel­er Georg Reimers (1860–1936)
Fotos (3): Setzer-Tschiedel, Wien VII Plattenneg­ativ und Abzug: Das im Jahre 1911 im „Photoateli­er Setzer-Tschiedel“entstanden­e Porträt zeigt den Wiener Burgtheate­r-Schauspiel­er Georg Reimers (1860–1936)
 ??  ?? Historisch­e Aufnahme: Blick in das Atelier im Dachgescho­ss der Museumsstr­aße 5 in Wien
Historisch­e Aufnahme: Blick in das Atelier im Dachgescho­ss der Museumsstr­aße 5 in Wien
 ??  ?? Von unschätzba­rem Wert: In einem Schrank werden die Glasplatte­nNegative sowie die Originalka­mera von 1911 aufbewahrt.
Von unschätzba­rem Wert: In einem Schrank werden die Glasplatte­nNegative sowie die Originalka­mera von 1911 aufbewahrt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany