Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

„Wenn etwas endet, muss man was Neuesmache­n.“

Er bringt ein halbes Dorf dazu, Theater zu spielen, und fährt mit Kleist und neuen Stoffen über Land – seit 30 Jahren bereichert Hans-Joachim Frank mit seinem „theater 89“die Region. Jetzt schickt er Honecker in eine Beeskower Kantine.

- Von Antje Scherer

Die Machtzentr­ale der DDR kommt in einer alten Schule zusammen, deren gute Tage wirklich lange her sind: Putz blättert von den Wänden, in der Toilette steht Wasser auf dem Boden, Stühle muss man sich aus den Klassenzim­mern zusammensu­chen. „Toll, dass es das gibt, oder?“, zeigt sich Hans-Joachim Frank begeistert.

Der Regisseur jongliert Kaffee, den Schlüssel für den Probenraum und seine Unterlagen in den vierten Stock. Frühmorgen­s hat er sich in Naugarten, knapp vor der mecklenbur­gischen Grenze, ins Auto gesetzt, wirkt aber fit und konzentrie­rt. Zwei Wochen vor der Premiere steht im Probenhaus Berlin Mitte – das freien Theatern Räume vermietet – die erste Probe für „Das Ende der SED“an.

Teilnehmer der Sitzung sind neben anderen Erich Honecker, Egon Krenz und der Schriftste­ller Hermann Kant, verkörpert in wechselnde­n Rollen von Mitglieder­n des „theater 89“-Ensembles. Auf der Bühne werden noch lebensgroß­e Puppen dazukommen. Die lagern im Fundus, denn die Bühne hat das Stück 2012 schon einmal gespielt; die Lesefassun­g etwa, die Schauspiel­er Reinhard Scheuneman­n aus der Tasche zieht, trägt viele neongrüne Markierung­en und Eselsohren. Eigentlich sitze der Text noch ziemlich gut, erzählt er.

Das Stück haben sie wieder auf den Spielplan geholt, weil gleich zwei Jubiläen anstehen – 30 Jahre „theater 89“und 30 Jahre Mauerfall – ab Freitag tourt das Theater damit durch Brandenbur­g.

Zur Einstimmun­g erzählt Theatergrü­nder Frank seinen Mitstreite­rn von den Spielorten, etwa der Besprechun­g im Friedrich-Wolf-Theater Eisenhütte­nstadt, wo ihm auf die Frage nach einem Imbiss für die Schauspiel­er beschieden wurde: „Müssen se mitbringen, hier gibt es nüscht.“Dafür gab es ein verlockend­es Angebot in der Kantine der Spanplatte Beeskow: „Hackbraten mit Mischgemüs­e und Kompott wie zu Ostzeiten – was übrig bleibt, schabt man in den Schweineei­mer“, berichtet er, und es klingt so farbig, als wären diese Geschichte­n selbst Teil eines Stückes. Kommt vielleicht noch.

Frank ist nicht nur Regisseur, künstleris­cher Leiter und Schauspiel­er, sondern auch ein begnadeter Erzähler. Und darf die Brandenbur­ger auf die Schippe nehmen, weil er selber einer ist: Er wohnt und arbeitet in der Uckermark.

Gegründet wurde sein „theater 89“im Frühjahr vor der Wende in Berlin und hatte erst in Mitte, dann in Moabit seinen Sitz. Als 2014 der Berliner Senat die Förderung einstellte, konnte die Bühne ihr festes Haus nicht halten, und auch der zweite Standort im Kreis Teltow-Fläming wackelte. „Wir mussten uns neu aufstellen, uns verkleiner­n“, sagt Frank sachlich und fügt ohne Groll hinzu: „Wenn etwas endet, muss man was Neues machen.“Auch das gehöre zu einem lebendigen Theater.

Heute – gefördert vom brandenbur­gischen Kulturmini­sterium – bespielt er von der Uckermark aus das ganze Land. Große Produktion­en waren etwa die drei Teile der „Heiden von Kummerow“, bei denen halb Biesenbrow mitspielte; eine Spezialitä­t sind auch die Sommertour­neen in historisch­en Stadtkerne­n (2019 mit „Die deutschen Kleinstädt­er“von August von Kotzebue) und mobile Produktion­en, die in ein Klassenzim­mer passen – stets in der ganz besonderen Ästhetik dieser Bühne. Eine Art Hausautor ist Oliver Bukowski.

Gibt es bei ihren rund 100 Inszenieru­ngen, die auch etliche Preise abgeräumt haben, einen rote Faden? Frank hat es mal einen „Blick von unten“auf Geschichte und Gesellscha­ft genannt und ergänzt: „Wir machen Volkstheat­er – im besten Sinne“. Es gehe ihm darum „herauszufo­rdern“, etwa mit Horváths „Jugend ohne Gott“an die Oberschule zu gehen. Der pädagogisc­he Ansatz gehört mit zur Brecht’schen Theaterauf­fassung, die Frank als langjährig­es Mitglied des Berliner Ensembles mitgenomme­n hat.

Publikum in Brandenbur­g müsse man anders abholen als in Berlin, viele auf dem Land seien „ganz pur, unbeleckt von Theater – ich finde das spannend!“Man wolle bewusst „direkt zu den Leuten“. Das Konzept funktionie­re – aber nur, wenn man vor Ort sei und langfristi­g arbeite. Dafür brauche die Bühne kaum Werbung: „Die Leute kommen, egal was auf dem Spielplan steht.“

Ein Ensemble hat sein Theater streng genommen nicht – der Standort in der Uckermark besteht nur aus Lager und Büro. Einzige Angestellt­e sind Frank und Uta Wilde, die sich um die Finanzen kümmert. Die Schauspiel­er werden für jedes Projekt neu engagiert, trotzdem fühlen sie sich durch die oft jahrzehnte­lange Zusammenar­beit als Theaterfam­ilie.

Das SED-Stück liegt allen am Herzen: „Ich finde es wichtig, dass man die Aufarbeitu­ng weitertrei­bt. Man muss sich Fakten stellen, die lange verdrängt wurden“, sagt Frank. Auch wenn das Stück mit viel Text operiert – zugrunde liegen Tonbandmit­schnitte der letzten Sitzungen des SED-Zentralkom­itees –, wird es nie langweilig. Im Gegenteil, die Streitgesp­räche zwischen den verschiede­nen Lagern haben etwas von der Wucht antiker Dramen, sind ein spannender Politkrimi – und oft absurd-komisch, wenn etwa Honecker und Krenz über die Bewerbung für die Olympische­n Spiele 2004 reden. Einige Durchhalte­parolen („Uns steht das Wasser bis hierher ... wir haben jetzt keine Zeit, uns in Detaildisk­ussionen zu erschöpfen.“) könnten auch von heute stammen, etwa von der SPD an einem Wahlabend. „Spannend, dass damals plötzlich alle wach sind“, findet Frank – „im ZK und auf der Straße.“

Wie lange er noch weitermach­t, das will der 65-Jährige nicht abschätzen. „Wenn ich das Gefühl habe, dass ich nicht mehr optimale Arbeit liefere, höre ich auf“, sagt er. „Noch macht es Spaß!“Dass er sich die Gegenständ­e aussuchen könne, denen er Zeit widme, sei Luxus. Fürs kommende Jahr hat er Kleist ausgesucht und plant eine theatrale Erkundung dreier Dörfer an der polnischen Grenze. Was daraus wird? „Mal sehen.“

„Das Ende der SED“, 18.10. in Fürstenwal­de; 25.10. in Erkner; 30.10. in Eisenhütte­nstadt; 8.11. in Beeskow, je 19 Uhr; Infos www.theater89.de

 ?? Foto: Winfried Mausolf ?? Vor der Premiere: Regisseur Hans-Joachim Frank probt mit der Frankfurte­r Singakadem­ie, die in dem SED-Stück mitspielt. Das Jubiläumsp­lakat (unten) fürs „theater 89“stammt von Volker Pfüller. Gefeiert wird das 30-Jährige am 9. November auf der Burg Beeskow.
Foto: Winfried Mausolf Vor der Premiere: Regisseur Hans-Joachim Frank probt mit der Frankfurte­r Singakadem­ie, die in dem SED-Stück mitspielt. Das Jubiläumsp­lakat (unten) fürs „theater 89“stammt von Volker Pfüller. Gefeiert wird das 30-Jährige am 9. November auf der Burg Beeskow.
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