Mer­kel ge­gen Nach­ver­hand­lun­gen

Ko­ali­ti­on CDU hält an der Groko fest, die SPD de­bat­tiert über Aus­stieg.

Märkische Oderzeitung Fürstenwalde - - VORDERSEIT­E - afp

Ber­lin. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) hat dem Wunsch des künf­ti­gen SPD-Füh­rungs­du­os nach Än­de­run­gen am Ko­ali­ti­ons­ver­trag ei­ne Ab­sa­ge er­teilt. „Ei­ne Neu­ver­hand­lung des Ko­ali­ti­ons­ver­trags steht nicht an“, sag­te ihr Spre­cher Stef­fen Sei­bert. Mer­kel sei aber grund­sätz­lich zum Ge­spräch mit Sas­kia Es­ken und Nor­bert Wal­ter-Bor­jans be­reit. Neu­en Vor­ha­ben kön­ne sich die Ko­ali­ti­on nur ge­mein­sam zu­wen­den. Die SPD de­bat­tier­te der­weil über den Ver­bleib in der Ko­ali­ti­on.

Es­ken und Wal­ter-Bor­jans hat­ten bei vie­len SPD-Mit­glie­der die Hoff­nung auf ei­nen bal­di­gen Aus­stieg aus der gro­ßen Ko­ali­ti­on ge­weckt. Nach ih­rem Sieg beim SPD-Mit­glie­der­ent­scheid wol­len sie den be­vor­ste­hen­den Par­tei­tag über Be­din­gun­gen für den Fort­be­stand der Ko­ali­ti­on ab­stim­men las­sen.

Wort­mel­dun­gen von Ko­ali­ti­ons­an­hän­gern in der SPD mach­ten am Mon­tag deut­lich, dass die künf­ti­ge Par­tei­füh­rung mit Wi­der­stand bei ei­nem har­ten An­ti-Groko-Kurs rech­nen müss­te. Nie­der­sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) warn­te. Ob ein Aus­stieg „für das Land und für die SPD gut wä­re, wa­ge ich zu be­zwei­feln“, sag­te er dem „Han­dels­blatt“. Die Bran­den­bur­ge­rin Kla­ra Gey­witz hat nach ih­rer Nie­der­la­ge beim Mit­glie­der­ent­scheid ih­re Kan­di­da­tur als stell­ver­tre­ten­de Par­tei­vor­sit­zen­de an­ge­kün­digt. Sie wol­le sich be­son­ders für Gleich­stel­lung und die Be­lan­ge der Ost­deut­schen ein­set­zen.

Nor­bert Wal­ter-Bor­jans (67) muss jetzt erst ein­mal Kis­ten pa­cken. Vier Jahr­zehn­te hat er in Köln ge­lebt, zu­letzt hat­te der Ru­he­ständ­ler Zeit fürs Bü­cher­schrei­ben, für Bild­haue­rei, für Fahr­rad­tou­ren. Doch da­mit ist jetzt Schluss. Noch in die­ser Wo­che wird Wal­ter-Bor­jans zu­sam­men mit Sas­kia Es­ken (58) den Vorsitz der SPD über­neh­men. „Das, was wir für ei­ne Rie­sen-Och­sen­tour ge­hal­ten ha­ben, das war erst der An­fang“, sag­te er nach sei­nem Wahl­sieg am Sams­tag­abend. Und spä­ter, als er es sich für ein Interview am Büh­nen­rand ge­müt­lich ge­macht hat­te, plau­der­te er: „Ich wer­de jetzt in Ber­lin le­ben. Weil man das nicht ne­ben­bei mal von Köln aus ma­chen kann.“

Die­ses „Nicht-ne­ben­bei-mal“ist gna­den­los un­ter­trie­ben. Denn ge­mein­sam mit Sas­kia Es­ken steht Wal­ter-Bor­jans vor ei­ner der schwie­rigs­ten Auf­ga­ben, die die Po­li­tik im Mo­ment zu bie­ten hat: Die bei­den wer­den SPD-Chefs. Die Ba­sis hat sie mit 53 Pro­zent ge­wählt – und sich da­mit auf ei­nen Weg mit un­kla­rem Ziel ge­macht. Im Mo­ment ist je­den­falls nicht ein­mal ab­seh­bar, wie die Par­tei am En­de die­ser Wo­che da­ste­hen wird.

Die künf­ti­gen Vor­sit­zen­den sind an­ge­tre­ten, um die SPD zu ret­ten. Sie wol­len schaf­fen, woran zu­letzt po­li­ti­sche Schwer­ge­wich­te wie Sig­mar Ga­b­ri­el, Mar­tin Schulz, Andrea Nah­les und Olaf Scholz ge­schei­tert sind – al­les Ge­nos­sen, die durch jah­re­lan­ge Ar­beit in der Spit­zen­po­li­tik ei­gent­lich hät­ten ge­stählt sein müs­sen. Es­ken und Wal­ter-Bor­jans brin­gen die­se Er­fah­rung nicht mit. Im Ge­gen­teil: Noch vor we­ni­gen Wo­chen wa­ren die bei­den so gut wie un­be­kannt. Als im Sep­tem­ber in der Saar­brü­cker Con­gress­hal­le die Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen star­te­ten, konn­te sich Es­ken un­ter ih­re Par­tei­freun­de mi­schen, oh­ne dass ir­gend­je­mand No­tiz von ihr nahm. Trotz­dem be­haup­tet sie, es bes­ser zu kön­nen als ih­re vie­len Vor­gän­ger.

Man liegt al­so nicht ver­kehrt, wenn man der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten ei­nen ge­wis­sen Wa­ge­mut un­ter­stellt. Auch die Initia­ti­ve zur ge­mein­sa­men Be­wer­bung ging schließ­lich von ihr aus. Mit­te Au­gust frag­te sie Wal­ter-Bor­jans per SMS, ob sie zu­sam­men kan­di­die­ren wol­len. „Weil er wie kein an­de­rer da­für steht, SPD-Wer­te glaub­haft und stand­haft zu ver­tre­ten – auch wenn ihm der Wind mal scharf ent­ge­gen weht.“Wal­ter-Bor­jans’ Prio­ri­tä­ten la­gen aber zu­nächst wo­an­ders. „Er hat mir ge­ant­wor­tet, wir kön­nen gern re­den, aber er müs­se jetzt erst mal sei­ne Rad­tour zu En­de ma­chen“, be­rich­tet sie. Erst zwei Ta­ge spä­ter ha­ben die bei­den sich ge­trof­fen und mit­ein­an­der ge­spro­chen. Doch auch da muss­te Es­ken noch „ei­nen ge­wis­sen Wi­der­stand“über­win­den, wie sie sagt.

Der „ro­te Robin Hood“ist gar kein Re­bell

Der Grund für Es­kens Be­harr­lich­keit wa­ren die Steu­er-CDs, der bis­lang größ­te Coup im po­li­ti­schen Le­ben von Wal­ter-Bor­jans: Wäh­rend sei­ner Zeit als Fi­nanz­mi­nis­ter von Nord­rhein-West­fa­len ver­ant­wor­te­te er den An­kauf meh­re­rer Steu­er-CDs aus der Schweiz. „Das hat 19 Mil­lio­nen ge­kos­tet und 7,2 Mil­li­ar­den ein­ge­bracht. In­so­fern war das schon ei­ne ganz er­folg­rei­che An­ge­le­gen­heit“, blickt er zu­frie­den zu­rück. Er­folg­reich war die Ak­ti­on aber auch für ihn per­sön­lich. Wal­ter-Bor­jans ge­lang es dank der Steu­er-CDs, die so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Her­zens­the­men Um­ver­tei­lung und Steu­er­ge­rech­tig­keit fass­bar zu ma­chen und mit sei­nem Na­men zu ver­bin­den. Noch heu­te schwär­men Ge­nos­sen von ihm als „ro­tem Robin Hood“. Das muss ei­ner wie er erst ein­mal schaf­fen.

Denn Wal­ter-Bor­jans ist kei­nes­wegs der ver­we­ge­ne Re­bell, den sein Ruf ver­spricht. Er steht schon vom Al­ter her kaum für die Er­neue­rung der SPD. In sei­nen Re­den be­ruft er sich auf Wil­ly Brandt und Jo­han­nes Rau. Er ist sym­pa­thisch, reißt aber nicht wirk­lich mit. Bei den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen hat­te er Mü­he, sich an die Zeit­vor­ga­ben zu hal­ten. All­zu aus­schwei­fend sprach er vom „so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Bus“, der sich in der „neo­li­be­ra­len Pam­pa“ver­irrt ha­be. Und ver­irr­te sich ne­ben­bei selbst – in sei­nen ei­ge­nen Sät­zen.

Auch Wal­ter-Bor­jans’ Bio­gra­fie ist al­les an­de­re als re­bel­lisch. Er ist ein Mann des öf­fent­li­chen Di­ens­tes, war Re­gie­rungs­spre­cher, Staats­se­kre­tär, Wirt­schafts­de­zer­nent, Stadt­käm­me­rer und spä­ter Lan­des­fi­nanz­mi­nis­ter. Nie­mals saß er in ei­nem Par­la­ment, auch in der SPD hat er nicht nach hö­he­ren Äm­tern ge­strebt. Dass das jetzt an­ders ist, er­klär­te Wal­ter-Bor­jans mit der Sor­ge um sei­ne Par­tei. „Es hat mich im­mer wie­der um­ge­trie­ben, dass ein Drit­tel der Men­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie will, aber nicht ein­mal die Hälf­te da­von die SPD wählt“, be­grün­de­te er sei­ne Be­wer­bung. Doch na­tür­lich spiel­te auch die Un­ter­stüt­zung der NRWSPD und vor al­lem der Ju­sos ei­ne Rol­le. Oh­ne den Rück­halt von Ke­vin Küh­nert, dem Chef der Nach­wuchs­or­ga­ni­sa­ti­on, wä­re die Be­wer­bung wohl kaum er­folg­reich ge­we­sen. Nicht we­ni­ge fra­gen sich, was die macht­be­wuss­ten Ju­sos im Ge­gen­zug er­war­ten.

Sas­kia Es­ken lebt – das hört man ih­rem Dia­lekt an – in der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Dia­spo­ra im Nord­schwarz­wald. Der SPD hat sie sich von links an­ge­nä­hert. Po­li­tisch so­zia­li­siert wur­de sie im sel­ben Ju­gend­haus wie der spä­te­re Chef der Link­s­par­tei, Bernd Ri­ex­in­ger. In ei­nem Interview er­zähl­te sie 2018, dass sie ge­mein­sam mit ihm in der DGB-Song­grup­pe Ar­bei­ter­lie­der ge­sun­gen hat. Die SPD kam da für sie aber noch nicht in Fra­ge. „Ich war als jun­ge Frau ein­fach zu links für die SPD.“Erst mit 30 Jah­ren wur­de sie Ge­nos­sin. Dar­an, dass sie aber auch heu­te noch links in der Par­tei steht, ließ sie auf den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen kei­ne Zwei­fel. „Es hat ei­ne Zeit ge­ge­ben, da hat die SPD nicht über de­mo­kra­ti­schen So­zia­lis­mus ge­spro­chen. Da hat sie Hartz IV ein­ge­führt. Das müs­sen wir über­win­den“, sag­te sie in Er­furt.

Es­ken ist stolz dar­auf, auch das Le­ben au­ßer­halb der Par­tei zu ken­nen. Ein Jahr hat sie Pa­ke­te aus­ge­fah­ren, an­dert­halb Jah­re ar­bei­te­te sie als Chauf­feu­rin, dann wur­de sie Schreib­kraft für Text­ver­ar­bei­tungs­sys­te­me. „Das hat mich ge­reizt, dann bin ich In­for­ma­ti­ke­rin ge­wor­den“, sagt sie und er­zählt, dass sie mit drei Kin­dern in der Bran­che schnell an ih­re Gren­zen kam und den Job an den Na­gel hän­gen muss­te. „Als ich das letz­te mal Soft­ware ent­wi­ckelt hab’, gab’s noch kein In­ter­net.“Trotz­dem gilt Es­ken un­ter

Di­gi­tal­ex­per­ten als ver­sier­te Fach­po­li­ti­ke­rin – auch wenn ge­ra­de die Kol­le­gen aus der ei­ge­nen Frak­ti­on das zu­letzt ve­he­ment be­strit­ten ha­ben.

Nach ih­rer po­li­ti­schen Füh­rungs­er­fah­rung ge­fragt, er­zählt sie von ih­rer Zeit als stell­ver­tre­ten­de Che­fin des Lan­des­el­tern­bei­rats in Ba­den-Würt­tem­berg. Und wenn je­mand sich dar­über lus­tig macht, dann kon­tert Es­ken: „Wenn wir im­mer nur er­lau­ben, dass Men­schen Par­tei­en füh­ren, die die letz­ten 20 Jah­re nichts an­de­res ge­macht ha­ben, dann wer­den wir nie ir­gend­was ver­än­dern.“

Ei­ne Re­vo­lu­ti­on ha­ben die bei­den trotz­dem nicht ge­ra­de im Sinn. Das zeigt ihr „Fort­schritts­pro­gramm“, das sie im Ok­to­ber vor­ge­stellt ha­ben. Dar­in for­dern sie ein hun­der­te Mil­li­ar­den Eu­ro schwe­res In­ves­ti­ti­ons­pro­gramm, spre­chen sich für ei­nen Min­dest­lohn von zwölf Eu­ro aus und ver­lan­gen ei­ne Ver­schär­fung des Kli­ma­pa­kets so­wie den Abschied von der Schwar­zen Null. Das wird mit der Uni­on kaum zu ma­chen sein, ist aber noch längst nicht der Weg in den So­zia­lis­mus. Von ei­ner Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­ti­ons­mit­tel, wie die Ju­sos sie for­dern, ist je­den­falls kei­ne Re­de.

Schwer wird das trotz­dem um­zu­set­zen sein, das ha­ben die bei­den schon in den ers­ten zwei Ta­gen nach ih­rem Wahl­sieg zu spü­ren be­kom­men. Gro­ße Zei­tun­gen warn­ten vor dem Un­ter­gang der SPD, in der ARD-Talk­show „Anne Will“wur­den sie ins Kreuz­ver­hör ge­nom­men, selbst ei­ne Rei­he von Par­tei­freun­den stell­te sich schon wie­der öf­fent­lich ge­gen die Plä­ne der de­si­gnier­ten Vor­sit­zen­den. „Wer durch die For­de­rung nach Nach­ver­hand­lun­gen das En­de der Ko­ali­ti­on pro­vo­ziert, trägt dann die Ver­ant­wor­tung da­für, dass die Grund­ren­te und der Koh­le­aus­stieg auf der Stre­cke blei­ben“, warn­te Mar­tin Ro­se­mann, der Vor­sit­zen­de der Lan­des­grup­pe Ba­den-Würt­tem­berg, der auch Es­ken an­ge­hört.

Das zeigt: Es­ken und Wal­ter-Bor­jans sind noch nicht mal of­fi­zi­ell im Amt und ste­cken doch schon in der De­fen­si­ve. Sie ha­ben kei­ne Schon­frist. Kei­ne 100 Ta­ge, noch nicht ein­mal 100 St­un­den. Ein Wohn­ort­wech­sel ist im Mo­ment ihr kleins­tes Pro­blem.

Ein Drit­tel der Men­schen will So­zi­al­de­mo­kra­tie, aber nicht ein­mal die Hälf­te da­von wählt die SPD. Nor­bert Wal­ter-Bor­jans de­si­gnier­ter SPD-Vor­sit­zen­der

Foto: Daniel Ro­land/afp

Sas­kia Es­ken und Nor­bert Wal­ter-Bor­jans: Oh­ne den Rück­halt der Ju­sos wä­re ih­re Be­wer­bung wohl kaum er­folg­reich ge­we­sen. Die Fra­ge ist, was die­se nun im Ge­gen­zug er­war­ten.

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