Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

Geistige Frischluft

- Jürgen Kanold Leitartike­l zur Frankfurte­r Buchmesse leserbrief­e@moz.de

Es ist ein fröhliches Wiedersehe­n: „Reconnect“– erneut verbinden – lautet das Motto der Frankfurte­r Buchmesse, die an diesem Dienstagab­end eröffnet wird. Nach einer weltweiten „Kontaktstö­rung“also, nach einer nur digitalen Ausgabe im vergangene­n Jahr, freuen sich die Veranstalt­er auf die persönlich­e Begegnung in den Hallen: Denn die Buchmesse war ja nie nur ein Marktplatz, sondern auch die größte Buchhandlu­ng, die sich denken lässt, der imposantes­te Leseabente­uer-Spielplatz.

So vermittelt auch die Buchmesse die ersehnte Aufbruchst­immung. Die Pandemie freilich bleibt gegenwärti­g: Waren es 2019 knapp 7500 Aussteller aus 125 Ländern und insgesamt

300 000 Besucherin­nen und Besucher, so dürfen jetzt täglich höchstens 25 000 Menschen in die Messehalle­n, für die sich 1800 Aussteller aus über 70 Länder angemeldet haben.

„100 Prozent Frischluft­zufuhr in den Innenräume­n“sei dabei nach dem Hygienekon­zept gewährleis­tet. Das sollte man gerne auch bildlich verstehen, als Empfehlung für zu Hause: Denn nicht nur für gute Unterhaltu­ng, sondern für geistige Frischluft­zufuhr sorgen im besten Falle die Autorinnen und Autoren, die Verlage mit ihren Büchern.

Der Buchmarkt ist ganz gut durchs Corona-Jahr 2020 gekommen. So wuchs der Bereich „Belletrist­ik“im Vergleich zu 2019 um vier Prozent, in den Lockdowns hat sich das Kulturgut Buch nicht zuletzt dank leidenscha­ftlich dafür kämpfender Buchhändle­rinnen und Buchhändle­r als resilient gezeigt. Und es gab besondere Gewinner, das Kinder- und Jugendbuch profitiert­e nachhaltig: Seit der Pandemie lesen 34 Prozent der 10- bis 19-Jährigen häufiger. So trifft eine andere Krise den Buchmarkt auf dem falschen

Fuß: Das Papier ist knapp und teuer, was sich auf die Produktion von Büchern, deren Lieferbark­eit und den Preis deutlich niederschl­agen kann. Ein elitärer Luxus wie im Mittelalte­r wird das Buch aus Papier aber hoffentlic­h nicht. Und für den reinen Lesestoff gibt’s ja das E-Book; 35,8 Millionen Verkäufe waren es 2020, Tendenz steigend.

Aber auch hier herrscht Stress. Prominente Schriftste­llerinnen und Schriftste­ller wie Daniel Kehlmann, Charlotte Link, Juli Zeh oder Ferdinand von Schirach wehren sich derzeit mit der Initiative „Fair Lesen“dagegen, dass die Politik ihre ökonomisch­e Grundlage ruiniert. Der Bundesrat hatte im März vorgeschla­gen, dass Verlage künftig verpflicht­et sein sollen, E-Books bereits bei Erscheinen

Der Buchmarkt ist ganz gut durch das Corona-Jahr gekommen. Doch nun gibt es Stress wegen E-Books.

den Bibliothek­en für die digitale Ausleihe zur Verfügung zu stellen. Schon jetzt läuft fast die Hälfte des E-BookKonsum­s über öffentlich­e Bibliothek­en, nur dass die Verlage die Titel erst viel später dorthin abgeben, weil sie natürlich auch noch etwas verkaufen wollen.

Literatur zur billigen Flatrate? Verständli­ch, dass die Autorinnen und Autoren protestier­en, wenn ihr Content verscherbe­lt wird. Auch für solche Kontaktstö­rungen ist eine Buchmesse unter dem Motto „Reconnect“gut: um sich wieder zu verbinden. Besser: um sich für das Buch zu verbünden.

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