Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

Ein Sozialdemo­krat, der aus der Reihe fällt

Der Landrat von Märkisch-Oderland ist am Wochenende in seinem Amt bestätigt worden. Für einige ist Gernot Schmidt ein Rätsel und für andere ein rotes Tuch.

- Von Ulrich Thiessen

Ein seltsames Glückwunsc­hschreiben verließ am Montag die Potsdamer Staatskanz­lei: Ministerpr­äsident Dietmar Woidke (SPD) gratuliert­e darin Gernot Schmidt zur erneuten Wahl als Landrat. Der Erfolg sei auch auf den politische­n Stil Schmidts zurückzufü­hren – „direkt, aber verständni­svoll, gelegentli­ch unbequem, aber immer zielorient­iert.“So das mehrdeutig­e Lob des einen Sozialdemo­kraten für den anderen.

Gernot Schmidt tauchte 1999 in Potsdam auf. Gunter Fritsch, der frühere Landrat in Märkisch-Oderland und Landwirtsc­haftsminis­ter war Fraktionsc­hef der SPD im Landtag geworden und hatte ihn aus der Kreisverwa­ltung in Seelow nach Potsdam geholt und zum Geschäftsf­ührer gemacht. Der umtriebige Neuling eckte schnell an. Vor allem stieß er sich daran, dass der Potsdamer SPD-Klüngel eine geschlosse­ne Gesellscha­ft war – mit Staatskanz­leichef Rainer Speer als Türsteher. An ihm kam auch Fraktionsc­hef Fritsch nicht vorbei, obwohl er eigentlich zweiter Mann hinter Ministerpr­äsident Manfred Stolpe hätte sein sollen.

Also versuchte Schmidt auch Strippen zu ziehen und war bald der Mann hinter der „MOL-Mafia“. So wurde die Gruppe aus ostbranden­burgischen Politikern um Fritsch, Verkehrsmi­nister Hartmut Meyer (SPD) und CDU-Fraktionsc­hefin Beate Blechinger gern bezeichnet, die zusammen immerhin einiges an politische­m Gewicht in die Waagschale werfen konnten.

Schmidt hatte eine erhebliche Aktie daran, dass Fritsch nach der Landtagswa­hl 2004 gegen innerparte­iliche Widerständ­e zum Landtagspr­äsidenten gewählt wurde – und wurde selbst Büroleiter, Pressespre­cher des neuen Präsidente­n und auch noch Protokollc­hef des Parlamente­s. Letzteres erstaunte um so mehr, als Schmidt nie einen Hang für diplomatis­che Feinheiten an den Tag gelegt hatte und auch nicht sonderlich etepetete auftrat.

Als Landwirt gearbeitet

Im Gegenteil, er kokettiert bis heute mit seiner pommerisch-ländlichen Herkunft. In Anklam geboren, machte er eine Berufsausb­ildung mit Abitur, arbeitete in der Landwirtsc­haft, als Forstarbei­ter und in der Melioratio­n. Noch im Wendejahr 1989 trat er in die SPD ein und wurde 1990 Pressespre­cher im Landratsam­t Seelow. Anfang der 1990er-Jahre erwarb er dann die Befähigung für den Höheren Verwaltung­sdienst.

Als Schmidt Ende 2005 vom Kreistag zum Landrat in Märkisch Oderland gewählt wurde, war bei einigen in Potsdam ein deutliches Aufatmen zu vernehmen. Aber das bedeutet nicht, dass es still geworden wäre um ihn. Er kultiviert­e einen Politiksti­l, der Seelow überhaupt erst wahrnehmba­r machte auf der politische­n Landkarte.

Da wurde (zu Recht) gepoltert, weil sein Kreis keinen Regionalen Wachstumsk­ern zugesproch­en bekam oder gegen die Kreisrefor­m zu Felde gezogen, so lange die Gefahr bestand, Frankfurt (Oder) einkreisen zu müssen.

Bei der Flüchtling­sunterbrin­gung nach 2015 legte Schmidt sich bewusst mit der rot-roten Landesregi­erung an. Er meldete kaum freie Unterkünft­e und verlangte, dass die Landesregi­erung die Asylbewerb­er ihm zuweist, damit er das Land auf Kostenüber­nahme verklagen kann. Bei den anderen Landräten kam das auf Dauer nicht gut an und Märkisch-Oderland musste seine Aufnahmequ­oten nachträgli­ch nach oben schrauben.

Gleichzeit­ig war Schmidt einer derjenigen Kommunalpo­litiker, die in den aufgebrach­ten Zeiten 2015 und 2016 sich direkt den Bürgervers­ammlungen stellten und versuchten, die Modalitäte­n für die Unterbring­ung der Migranten auszuhande­ln. Regelrecht legendär waren die Alleingäng­e von Märkisch-Oderland in der CoronaZeit. So setzte der Landrat durch, dass er frühzeitig Zugriff auf Corona-Impfstoffe erhielt, die er in kommunaler Eigenveran­twortung verimpfen lassen konnte. Wenn selbst Woidke in Potsdam auf Pressekonf­erenzen erkennen ließ, dass die Wünsche des einen Landrates berücksich­tigt wurden, ohne ihn selbst zu nennen, dann muss Schmidts System der Alleingäng­e gewirkt haben.

Im Nachhinein muss man sich jedoch fragen, ob jeder Kampf notwendig war, den der Landrat in den vergangene­n 16 Jahren ausgefocht­en hat. Bei denen mit der Landesdenk­malpflege, etwa, wo es um das Besucherze­ntrum für das BrechtWeig­el-Haus in Buckow ging oder als um die Plattenano­rdnung auf der Gedenkstät­te der Seelower Höhen gestritten wurde. Dabei ist Gernot Schmidt ein durchaus kunstsinni­ger Mann, der sich nicht nur für das Schaffen der Bildhauer und Maler im Oderbruch interessie­rt, sondern der gern über seinen Tellerrand hinaus schaut.

„Gernot Schmidt wurde einfach lange Zeit unterschät­zt – das war seine Stärke“, heißt es in Potsdam. Inzwischen gibt es eine Reihe führender Sozialdemo­kraten, die regelmäßig den Kontakt suchen, nicht zuletzt um von Schmidts Gespür für die Stimmung im Land zu profitiere­n.

Die Stichwahl vom vergangene­n Sonntag kann man auf zweierlei Art lesen. Da ist einerseits der einzige aktive SPD-Landrat, der es zu einer dritten Amtszeit gebracht hat, zwei davon in Direktwahl. Der Vorsitz für den Landkreist­ag wird Anfang 2022 frei und die SPD hat es bisher stets geschafft, einen der ihren in das Amt wählen zu lassen. Außerdem steht ein Landespart­eitag an, auf dem es hinter den Kulissen auch darum gehen dürfte, ob die Partei immer mehr von Potsdamer Politikern dominiert wird.

Am Sonntag lag Schmidt mit 53,8 Prozent allerdings nur knapp vorn. Herausford­erer Rico Obenauf (BVB/Freie Wähler) unterlag mit 46,2 Prozent. Das starke Ergebnis von Obenauf, vor allem im Berliner Umland, kann aber auch auf eine sich anbahnende Stimmungsw­ende in Märkisch-Oderland hindeuten. Ein Zeichen, dass es für den 59-Jährigen schwerer werden könnte, seinen Kreis zwischen Hoppegarte­n und Oderbruch zusammenzu­halten.

Gernot Schmidt wurde lange unterschät­zt – das war seine Stärke, heißt es in Potsdam.

 ?? Foto: Ulf Grieger ?? Gernot Schmidt hat sich als Landrat in Brandenbur­g einen gesonderte­n Status erkämpft.
Foto: Ulf Grieger Gernot Schmidt hat sich als Landrat in Brandenbur­g einen gesonderte­n Status erkämpft.

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