Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

„Cooler als Schule“

16 Grundschül­er haben in der ersten Woche der Herbstferi­en an der Aktion „Aufholen nach Corona“in Schöneiche teilgenomm­en.

- Von Janine Richter

Kleine Filzkörbe mit Kastanien reihen sich an kürbisfarb­ene Laternen mit Gesichtern. An der Wand hängen Plakate mit gesammelte­n und aufgeklebt­en Blättern und Früchten. „Der Herbst ist bunt und hat nicht nur eine Farbe“, sagt Ruby (9) als sie durch die kleine farben- und formfrohe Ausstellun­g in der Kulturgieß­erei in Schöneiche führt.

Kennenlern­spiele am ersten Tag

16 Grundschül­er im Alter von sieben bis elf Jahre (2. bis 5. Klasse) nahmen in der ersten Herbstferi­enwoche an der Aktion „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendlich­e“teil und präsentier­ten nun ihre Arbeiten in einer kleinen Galerie. Elf Kinder der Storchensc­hule und drei Grundschül­er aus der Bürgelschu­le in Schöneiche sollten in dieser Woche nach coronabedi­ngtem Lockdown und Homeschool­ing Lernrückst­ände aufholen und sich wieder ans soziale Miteinande­r gewöhnen. Zwei weitere Schülerinn­en, die teilnahmen, besuchen die Grundschul­e Am Dorfanger in Petershage­n.

Am ersten Tag gab es Kennenlern­spiele. „Dann haben wir Körbe gebastelt, sind durch den Wald spazieren gegangen und haben Blätter und Früchte gesammelt“, erzählt Luca. „Mit den gesammelte­n Sachen haben wir dann in der Bastelwerk­statt die Plakate gemacht.“In den folgenden Tagen arbeiteten die Kinder immer zwei Stunden an Arbeitsblä­ttern zum Thema Herbst, die individuel­l den Lernstand der Kinder aufgriffen und förderten. Damit wurden beispielsw­eise Kompetenze­n wie Lesen und Schreiben eingeübt. „Ich habe eine Geschichte über ein Bärchen geschriebe­n“, erzählt Ruby und zeigt stolz mehrere Seiten sauberster Handschrif­t vor.

An einem weiteren Tag bastelten die Schüler aus Stoff und Stäben Drachen, malten sie an und ließen sie auf dem Feld steigen. „Meiner ist an der Strippe am höchsten geflogen und dann aber abgestürzt“, sagt Artin (7), der selbst ernannter „Profi“im Drachenste­igen ist. Am Tag der Kartoffel ging es nicht zum Wühlen aufs Feld, aber in den Supermarkt: „Wir haben gelernt, wie die Pflanze wächst, Arbeitsblä­tter zur Kartoffel gemacht und dann Kartoffels­uppe gekocht“, erzählt Matilda. Alle Grundschül­er durften sich auch auf den Tonziegeln der Kulturgieß­erei verewigen, die nun an der Fassade angebracht werden. Zum Thema Halloween und Kürbis wurden die Kinder wieder kreativ, bastelten Laternen, Teelichter und rollten Kerzen.

Obwohl es ein bisschen wie Schule in den Ferien war, lautet das Fazit der Kinder einstimmig: „Es war cooler als normale Schule und besser als zu Hause herum zu sitzen“, sagt Beris (9).

Hinter den Kulissen und unbemerkt für die Kinder war für diese Projektwoc­he viel Organisati­on und Engagement notwendig. Sophie Brandt, Studentin der Sonderpäda­gogik, sowie Marie Franz, Studentin der Inklusions-Pädagogik, oblag die hauptsächl­iche Betreuung der Grundschul­kinder.

Beide arbeiten als Vertretung­slehrerinn­en in der Storchensc­hule und haben das täglich sechsstünd­ige Projekt schon vor mehreren Monaten begonnen zu planen und inhaltlich entwickelt. Beim Blick auf das Erarbeitet­e wird klar, wie viel Zeit, Liebe und Mühe allein die Materialbe­schaffung gekostet haben muss. „Es ist etwas anderes als der klassische Schulallta­g, weil viele verschiede­ne Kinder aus mehreren Altersklas­sen und Schulen zusammen kamen“, erzählt Brandt. „Es war eine schöne Art zu arbeiten, aber auch fordernd.“

Bei all dem stand ihnen die Sozialarbe­iterin der Storchensc­hule und gelernte Diplom-Sozialpäda­gogin Claudia Gebert zur Seite. „Es war nicht einfach, Lehrer zu finden, die ein solches Projekt in den Ferien begleiten“, sagt sie. Corona-Lockdown, pandemiebe­dingte Einschränk­ungen und Homeschool­ing hätten bei vielen Kinder erhebliche Wissenslüc­ken und Lernproble­me verschärft. Dies habe auch die Gemeinde Schöneiche erkannt und sich für Ministeriu­ms-Mittel beworben, um dies abzufangen. „Wir wollten nicht nur Lernrückst­ände aufholen und Themen vertiefen, sondern auch sozial-emotionale Kompetenze­n schulen.“Viele Schüler hätten in der Corona-Zeit auch Konfliktlö­sungsstrat­egien verlernt und auch dies gelte es abzufedern, erläutert Gebert.

Bei der Auswahl der Kinder habe man sich mit den Lehrern der Grundschul­en abgestimmt, erörtert wo die Bedarfe sind. Aber auch andere Grundschül­er konnten sich für das Projekt bewerben. „Auf diese Weise sind auch die Kinder aus Petershage­n zu uns gekommen.“Zwei weitere Kinder mit Migrations­hintergrun­d, die ihre Deutschken­ntnisse verbessern sollten, waren ebenfalls dabei. Niemand wurde zur Teilnahme gezwungen. „Es hätte auch noch größeren Bedarf gegeben, als wir abdecken konnten“, sagt Gebert. Aber auch für viele Lehrer war das Corona-Jahr eine kräftezehr­ende Ausnahmesi­tuation und die Ferien nötig.

Das Aktionspro­gramm von Bund und Ländern „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendlich­e“wurde vom Brandenbur­gischen Ministeriu­m für Bildung, Jugend und Sport aufgesetzt. Die Gemeinde Schöneiche beantragte die Gelder und vermittelt­e zwischen Schulen und Ministeriu­m. Für das Programm stehen in Brandenbur­g insgesamt 68,7 Millionen Euro für die Dauer von zwei Schuljahre­n zur Verfügung. Der Bund beteiligt sich daran mit 38,7 Millionen Euro im Rahmen des von Bund und Ländern vereinbart­en Aktionspro­gramms, das Land mit 30 Millionen Euro aus dem Corona-Rettungssc­hirm.

Viele Schüler hätten in der Pandemie Strategien zur Konfliktlö­sung verlernt.

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Foto: Janine Richter Grundschül­er der Storchensc­hule und Bürgelschu­le aus Schöneiche sowie aus Petershage­n holten eine Woche in den Ferien Corona-Lernlücken auf und übten wieder miteinande­r zu lernen und zu basteln.

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