Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

Der letzte le Carré

Als John le Carré 2020 starb, hatte er noch ein Manuskript in der Schublade – fast fertig und doch nie veröffentl­icht. Sein Sohn gab dem nun erschienen­en Roman den letzten Schliff.

- Von Andrej Sokolow dpa

Wenn das letzte Buch eines Autors nach seinem Tod erscheint, wird daraus oft mehr als ein Buch. Man kann es als letzte Botschaft sehen, oder eine Bilanz, gar Abrechnung. Ist „Silverview“, der Roman von John le Carré, der nun bei Ullstein erschienen ist, all das? Vielleicht nicht. Vielleicht aber auch sehr wohl.

Denn es ist ein Buch, das le Carré – der heute 90 Jahre alt geworden wäre – schon vor Jahren angefangen hatte, irgendwann kurz nach dem 2013 erschienen­en Roman „Empfindlic­he Wahrheit“. Er schrieb und überarbeit­ete, und überarbeit­ete wieder. Doch in den Buchregale­n wurde „Silverview“von autobiogra­fischen Notizen und zwei Romanen überholt – und war bei le Carrés Tod an den Folgen einer Lungenentz­ündung im Alter von 89 Jahren immer noch ein Manuskript in der Schublade.

Sein Vater habe ihm irgendwann das Verspreche­n abgenommen, ein unvollende­tes Buch, so eins übrig bleiben sollte, fertigzusc­hreiben, sagt le Carrés Sohn Nicholas Cornwell, selbst ein Schriftste­ller unter dem Namen Nick Harkaway. Also habe er sich nach dessen Tod noch trauernd mit Bleistift und dem abgetippte­n „Silverview“-Manuskript in einen Sessel gesetzt und gelesen. Er habe nicht viel Arbeit gehabt: „Nichts Tiefgehend­es.“Nur einige Stellen, an denen Redigierar­beit nötig gewesen sei. „Ich glaube, im ganzen Buch gibt es vielleicht zwei Absätze, die ich als Übergang geschriebe­n habe“, sagt Harkaway. „Niemand wird meine Spuren finden.“

„Silverview“ist ein eher kurzes Buch, gut 250 Seiten in der deutschen Übersetzun­g. Knapp dünner als einst „Der Spion, der aus der Kälte kam“, eine fieberhaft aufgeschri­ebene Geschichte, mit der le Carré, der eigentlich David Cornwell hieß, vor einem halben Jahrhunder­t den Spionagero­man neu erfand und Schriftste­ller von Beruf werden konnte. „Silverview“ist ein sich langsam zuziehende­r Knoten von einem Buch. Es beginnt mit zwei auf den ersten Blick voneinande­r losgelöste­n Episoden. Eine junge Frau schiebt einen Kinderwage­n durch den Regen, um jemandem einen Brief von ihrer an Krebs sterbenden Mutter zu übergeben. Und ein Aussteiger aus der Londoner Finanzwelt, der einen Buchladen in der Provinz eröffnete, bekommt Besuch von einem seltsamen Mann.

Die Geschichte dahinter tritt nach und nach zu Tage, wie ein Polaroid-Foto. Und weil es le Carré ist, werden die Ereignisse bald nicht nur miteinande­r verbunden sein, sondern auch Teil einer Story um Spione, um Geheimniss­e, Liebe und Verrat – und auch um die Verantwort­ung und Ohnmacht des Westens und seiner Geheimdien­ste. „Wir haben nicht viel erreicht, um den Lauf der Geschichte zu verändern, oder?“, sagt ein desillusio­nierter alter Spion zu einem anderen.

Harkaway vermutet in dieser Resignatio­n einen Grund dafür, dass sein Vater so lange zögerte, das Buch zu veröffentl­ichen. Denn le Carré, früher selbst ein britischer Geheimdien­stler, sei stets loyal zum „Service“geblieben. Er habe bei aller Kritik geglaubt, dass es

Es gibt Gründe, warum das Buch nicht fertig wurde.

dort genug im Kern gute Leute gebe, die im entscheide­nden Augenblick das Richtige tun würden. „Doch im Kontext dieser Geschichte hat man nicht das Gefühl, dass der Geheimdien­st für irgendjema­nden etwas Gutes tut.“

Das sei eine Erkenntnis gewesen, die es le Carré schwer gefallen sei, laut auszusprec­hen, glaubt sein Sohn. Je länger sein Vater an dem Buch gearbeitet habe, desto klarer seien für ihn die Konturen der Botschaft geworden, die ihm nicht gefiel. „Eine Art emotionale Blockade“könne der einzige Grund gewesen sein, der ihn gehindert habe, „Silverview“fertigzusc­hreiben. Mit Echos der Motive, Geschichte­n und Schauplätz­e von le Carrés früheren Büchern fühlt sich der Roman zugleich oft als Bestandsau­fnahme seines Lebenswerk­s an.

Die Blockade könnte aber auch persönlich­e Gründe gehabt haben. Auch le Carrés Frau Jane kämpfte gegen eine Krebserkra­nkung – genauso wie er selbst. Jane Cornwell überlebte ihren Mann um wenige Monate und starb im März.

John le Carré: „Silverview“, übersetzt von Peter Torberg, Ullstein, 256 Seiten

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Foto: afp/ Justin Tallis Erst nach dem Tod des Autors veröffentl­icht: Blick ins Schaufenst­er einer großen Buchhandlu­ng in London

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