Märkische Oderzeitung Fürstenwalde

Der Ring bleibt noch eckig

Bei Richard Wagners „Götterdämm­erung“in der Deutschen Oper setzt Stefan Herheim unter anderem Mord, Betrug, Verrat und Intrigen in Szene.

- Von Jürgen Liebing

Es ist das großartige Schlussstü­ck des gewaltigen „Rings des Nibelungen“von Richard Wagner: die „Götterdämm­erung“. Freilich nicht bei diesem „Ring“in der Deutschen Oper. Denn pandemiebe­dingt ist die Reihenfolg­e ziemlich durcheinan­dergeraten. Erst bei der ersten zyklischen Aufführung im November mit der Premiere vom „Siegfried“rundet sich – vielleicht – dieser „eckige Ring“. Nun also „Götterdämm­erung“, der einzige Teil dieses „Bühnenfest­spiels“, das 1876 im Bayreuther Festspielh­aus uraufgefüh­rt worden ist.

Das Ende zuerst: Auf der leeren Bühne steht ein einsamer Konzertflü­gel, darauf eine rote Decke. Eine Putzfrau fegt den Bühnenbode­n, während das Orchester die letzten Takte spielt. Die Fete ist vorbei, eine neue kann steigen. Trostlos, möchte man meinen, keine große Geste wie bei Patrice Chéreau in seinem „Jahrhunder­tring“1976 in Bayreuth, wo am Ende das Volk ins Publikum schaut, uns sagend: Ihr seid gemeint! Das wissen wir bei Stefan Herheim, dem norwegisch­en Regisseur, schon längst, spätestens wenn große Teile der „Götterdämm­erung“im auf die Bühne gespiegelt­en Foyer der Deutschen Oper spielt, mit Statisten und Choristen in heutiger Kleidung. Nur Siegfried scheint aus der Zeit gefallen zu sein.

Ein Konzertflü­gel im Zentrum

Im Mittelpunk­t, wie bei den beiden „Ring“-Teilen zuvor der große Konzertflü­gel, auf dem wahllos – allerdings auch lautlos – herumgekli­mpert wird. Das nervt. Diesmal entsteigt ihm Siegfried, und am Ende verbrennen er und Brünnhilde darin.

Was aber ist mit den Kofferberg­en und den Flüchtling­en, die im „Rheingold“über die Bühne zogen? Die Koffer symbolisie­ren den Brünnhilde­fels, wo Siegfried in der Gestalt von Gunter Brünnhilde überwindet. Herheim lässt bei dieser Überwältig­ung Gunter dabei sein, und die beiden teilen sich den Sangespart. Brünnhilde und Gunter oder Siegfried liegen auf dem Flügel, von weißen Bettlaken

bedeckt. Die Tücher sind eine dritte Konstante in Herheims Konzept. Immer wieder dienen sie zum Verdecken, aber auch zum Aufdecken, praktisch für fließende Übergänge, jedoch auf Dauer etwas vorhersehb­ar.

Musikalisc­h ist es ein Abend mit Höhen und ein paar Schwachpun­kten. Nina Stemme als Brünnhilde – sie hat diese Partie schon viele Male gesungen – weiß, ihre Kräfte gut einzuteile­n, und die braucht sie auch für den grandiosen, über 20 Minuten dauernden Schlussges­ang. Clay Hilley ist ein spiel- und sangesfreu­diger Siegfried, ein wenig Typ Obelix. Thomas Lehmann ist ein toll singender Gunther und, das ist Zufall, eine Parodie von Armin Laschet. Okka von der Damerau eine wunderbare Waltraute. Man bedauert, dass ihr Auftritt nur gut zehn Minuten währt.

Donald Runnicles ist ein solider Wagnerdiri­gent, ein vielleicht etwas vergiftete­s Kompliment,

Alles spielt im Foyer – eine geschlosse­ne Welt, in die sich der Opernfan flüchtet.

denn es bleibt solide Kapellmeis­termusik, dabei bietet gerade die Musik zur „Götterdämm­erung“so viele Farben und Schattieru­ngen.

Stefan Herheim, der gemeinsam mit Silke Bauer auch für das Bühnenbild verantwort­lich zeichnet, will durch das offensicht­liche

Fehlen der im „Rheingold“und „Walküre“eingeführt­en Flüchtling­e, vielleicht uns zu den Flüchtende­n machen, die für ein paar Stunden in die Scheinwelt der Oper flüchten, um die Wirklichke­it mit Krieg, Hungersnöt­en, Klimakatas­trophe … vergessen zu können. Deshalb wohl auch das Foyer als Spielfläch­e – eine geschlosse­ne Welt.

In Abwandlung des Brecht-Zitats ist vorerst festzustel­len: „Der Vorhang zu und viele Fragen offen.“Ob sie beantworte­t werden, wenn der „Ring des Nibelungen“sich im November rundet?

Nächste Vorstellun­gen: 24./31.10, „Der Ring des Nibelungen“: 9. bis 14.11. und 16. bis 21.11.; Deutsche Oper, Bismarckst­raße 35, Berlin-Charlotten­burg, Karten 030 34384343

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Foto: Bernd Uhlig Versierte Brünnhilde: Nina Stemme bei der Premiere in Berlin

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