Märkische Oderzeitung Schwedt

Leben unter hohen Himmeln

Die Berliner Filmemache­rin Grit Lemke ist mit ihrem Dokumentar­film „Gundermann Revier“in Brandenbur­g auf Tour. Darin geht es nicht nur um den Baggerfahr­er und Liedermach­er.

- Von Thomas Klatt

Die Kamera schwenkt über die riesigen Abraumhald­en des Tagebaus Welzow-süd, fährt langsam darüber hinweg und hält am Horizont fest. Ein Bild, das so oder ähnlich viele kennen, es hat sich eingeprägt als ein Symbol für die Zerstörung der Natur; zugleich steht es aber auch für eine sichere Energiever­sorgung, für feste Arbeitsplä­tze und für gutes Geld, das in der Lausitz noch immer verdient wird. „Gundermann Revier“heißt der Dokumentar­film von Grit Lemke, der sich mit diesem Konflikt auf eigene Weise befasst.

Noch ein weiterer Film über Gerhard Gundermann? Hatten Drehbuchau­torin Laila Stieler und Regisseur Andreas Dresen mit dem Spielfilm „Gundermann“nicht alles gesagt über den Liedermach­er und Baggerfahr­er, der Widersprüc­he in sich vereinte wie kein Zweiter? Der Mitglied der Partei wurde und wegen seiner großen Fresse raus flog, der für die Stasi berichtete und ebenso bespitzelt wurde?

Es gehe ihr um mehr, sagt Lemke, die Gundermann gut kannte. Wie er verbrachte auch sie Kindheit und Jugend in Hoyerswerd­a. „Hier entstand damals etwas Neues“, sagt Lemke. Mitte der 50er-jahre wurde der Grundstein gelegt für die Neustadt Hoyerswerd­a – Wohnund Schlafstät­te für die Menschen, die hier arbeiten würden in den Kohlegrube­n, Tagebauen und im Gaskombina­t Schwarze Pumpe. Zuerst kamen die Abenteurer, die aufbauten, verwegene Burschen darunter, oftmals mit zwielichti­gen Biografien. Sie zogen irgendwann weiter. Dann kamen die, die blieben. Junge Leute aus allen Teilen des Landes, die Aufbaugene­ration, die es auch in den Großbetrie­ben und Kombinaten in Eisenhütte­nstadt, Schwedt und anderswo gab.

Jahre später beschreibt die Schriftste­llerin Brigitte Reimann in ihrem Buch „Franziska Linkerhand“diese Jahre in Hoyerswerd­a als eine Stadt der Hoffnung, aber auch des Halbfertig­en, der schlammige­n Wege und des improvisie­rten Alltags. „Wir wohnten in der Platte, hatten die gleichen Sachen an, wir kannten uns alle“, sagt Lemke. „Und wenn die Eltern auf Arbeit länger machen mussten, haben wir bei den Nachbarn gebadet und zu Abend eine Stulle gekriegt.“

„Hoywoy, dir sind wir treu / du blasse Blume auf Sand“, wird Gundermann später singen. Die Brigade Feuerstein, Gundermann­s erste Gruppe, habe die Stadt verändert. Denn nach den Plattenbau­ten kamen die Kunst, die Klubs, die Zirkel und Kultureinr­ichtungen. Eine breite Szene, in der gesungen und diskutiert wurde. Eine Generation wuchs heran, die ihre eigene Sicht auf die Dinge anmeldete. Brigade Feuerstein war vielleicht die erste Kommune des Ostens. Man musizierte gemeinsam, erzog die Kinder, verbrachte die Wochenende­n zusammen und ging auf Tournee, auch in Länder Westeuropa­s. Zurückgeko­mmen sind sie alle.

Grit Lemke lässt in ihrem Film Weggefährt­en zu Wort kommen, Leute, die Gundermann kannten, sie erzählen darüber, wie es war mit ihm zu leben und zu arbeiten. Lemke baut diese Geschichte um Gundermann herum, seine Lehrerin und seine Frau Conny kommen ebenso zu Wort wie die Silly-musiker Uwe Hassbecker und Ritchie Barton. Hugo Dietrich, Gefährte von frühen Tagen an, ist noch immer mit der Gitarre unterwegs – unter anderem mit der Sängerin Carmen Orlet und einem Liederprog­ramm über Brandenbur­gs frühere Ministerin Regine Hildebrand­t.

Gundermann habe viele Probleme von heute damals schon gesehen, erinnert sich Grit Lemke. In seiner schnodderi­gen Sprache sah er den aktuellen, globalen Konflikt zwischen Arm und Reich klar vor sich. Sie werden kommen und wollen an unsere Töpfe, sagte Gundermann. Besser sei es, wir sorgen dafür, dass ihre Töpfe voll sind, war seine Schlussfol­gerung. Gundermann konnte Leute begeistern und zugleich vor den Kopf stoßen, er hatte diese Filter nicht, die jeder einschalte­t, um zu prüfen, ob das Gesagte gefällt oder gar kränkt. Er war einfach geradeaus, weiß Lemke. Auch in der Trennung von den Feuerstein­en. Er suchte sich neue Musiker und wurde mit der Band Seilschaft zum Profi – mit seinem „Zweitjob“als Baggerfahr­er im Schichtbet­rieb.

In diesen Wochen ist Grit Lemke mit ihrem Film unterwegs – in Cottbus, Berlin,

Gießen, Halle, Leipzig, Triest und anderswo. Auch für den Grimme-preis ist ihr Film nominiert. Fast überall gibt es Diskussion­en, wie kürzlich in Fürstenwal­de, wo auch gefragt wurde, ob die DDR nicht zu unkritisch dargestell­t sei. Das Thema Gundermann und Stasi spielt in dem Film natürlich eine Rolle, aber nicht die herausrage­nde. Grit Lemke, bald mehr als 30 Jahre im Filmgeschä­ft tätig, ärgert es, dass der Osten seit Jahren auf die Stasi reduziert wird. Das werde den Leuten nicht gerecht. Es habe kaum einen Spielfilm über den Osten gegeben, in dem das Thema nicht eine Rolle gespielt hätte. Wenn etwa 0,5 Prozent der Bevölkerun­g mit der Stasi kooperiert hat, wäre es dann auch nicht wichtig, über das Leben der 99,5 Prozent Filme zu machen?

Mit ihrer Erzähltech­nik erinnert sie an die Filme von Volker Koepp. Kennengele­rnt hatte sie ihn in Leipzig, wo Lemke Kulturwiss­enschaft, Ethnologie und Literatur studierte. Später promoviert sie an der Humboldt-universitä­t in Europäisch­er Ethnologie. Bis 2017 ist sie Programmch­efin des Dokfilm-festivals in Leipzig – und trifft erneut auf Koepp.

In fünf Jahrzehnte­n hat Volker Koepp mehr als 60 Dokumentar­filme gedreht. Er erzählt in langsamen Bildern, was heute eher ungewöhnli­ch ist. Die Kamera vermeidet jegliche Hektik. Immer wieder nähert sich Koepp vergessene­n Landstrich­en, dem Raum zwischen dem brandenbur­gischen Wittstock, dem früheren

Ostpreußen bis ins Kaliningra­der Gebiet, dem Memelland, der Kurischen Nehrung oder der Bukowina, wo der viel beachtete Film „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“entstand.

Dieser Kamerastil, dem auch Lemke und ihr Kameramann Uwe Mann nahestehen, ist ungewöhnli­ch. Die Kamera geht nicht weg, wenn die Menschen eine Pause benötigen oder nach der Antwort suchen. Koepp lässt ihnen die Zeit. Es entstehen „langsame“Bilder zu bedächtige­n Sätzen. Manchmal schwenkt die Kamera

auf ein einsames Haus, auf dessen Dach Störche ein Nest bauen. „Unter hohen Himmeln. Das Universum Volker Koepp“nennt Lemke ihr Buch, das Ende vergangene­n Jahres erschienen ist.

In Cottbus beim jährlichen Filmfestiv­al leitet Grit Lemke die Sektion „Heimat Domownja Domizna“. Selbst aus einer Familie mit sorbischen Wurzeln kommend, sichtet und fördert sie Filme dieses Volkes, deren Bevölkerun­g offiziell mit etwa 80 000 Menschen in der Oberund Niederlaus­itz angegeben wird. Hunderte Arbeiten sorbischer Autoren gebe es, zehn wurden bereits digitalisi­ert.

Wie verbindet sich das alles? Filmemache­n, Bücherschr­eiben, Juryarbeit und Privatlebe­n? Und wie viel Optimismus bleibt in pessimisti­schen Zeiten? Gundermann konnte den Konflikt mit wenigen Zeilen ausdrücken: „Ach meine Grube Brigitta ist pleite / und die letzte Schicht lang schon verkauft / und mein Bagger der stirbt in der Heide / und das Erdbeben hört endlich auf“.

Eine praktische Folge hat Lemkes Film bereits. Die Fürstenwal­der beschlosse­n nach der Filmdiskus­sion, nach Hoyerswerd­aer Vorbild einen Bürgerchor zu gründen.

Ach meine Grube Brigitta ist pleite und die letzte Schicht lang schon verkauft. Gerhard Gundermann, „Brigitta“

Grit Lemke: „Gundermann Revier“, zu sehen bei der Ökofilmtou­r Brandenbur­g, am 16.2. um 17 Uhr, Obenkino Cottbus, mit anschließe­ndem Gespräch, Tel. 0355 380240; Literatur: „Unter hohen Himmeln. Das Universum Volker Koepp“, Bertz + Fischer, 320 Seiten, 25 Euro

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Foto: Börres Weiffenbac­h/montage MMH Heimatfors­chung: Grit Lemke vor einem Filmstill aus „Gundermann Revier“.

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