Märkische Oderzeitung Schwedt

Lust und Lebenskuns­t

Inspiriert von Pückler entstand in Sagan (Żagań) eine der schönsten Landschaft­sgärten des 19. Jahrhunder­ts. In diesen Tagen ist er Kulisse für das Festival Tango Barocco.

- Von Ida Kretzschma­r

Ein Lebensküns­tler war er, dieser tolle Pückler. Ein Weltenbumm­ler, der sich voller Leidenscha­ft seinem großen Traum widmete, Wüsten in Oasen zu verwandeln. Bekanntlic­h war der Landschaft­sarchitekt allem Schönen und Sinnlichen sehr zugetan. Sicherlich wäre er nur allzu gern in diesen Sommertage­n auf den verschlung­enen Parkwegen am Schloss Żagań (Sagan) flaniert, um dieser magischen Musik zu lauschen, die vor dem Ende des Julis mehr als 450 Tänzerinne­n und Tänzer aus aller Welt zum Festival Barocco zusammenge­führt hat.

„Meine Heimatstad­t mit seinen barocken Farben ist wie geschaffen für ein Festival“, glaubt Monika Parker, die nicht nur die Idee dazu hatte, sondern auch das Herz von Tango Barocco ist. Aber natürlich braucht es viele weitere Arme und Beine, Hirne und Herzen, um das jüngste Tango-festival Polens - auch unter Beachtung von Hygienereg­eln – in barocker Üppigkeit strahlen zu lassen. Das Besondere daran: Es ist das erste Festival in Polen, das alle Stilrichtu­ngen zulässt, alle verbinden will nach der langen coronabedi­ngten Trennung. Jeder tanzt einfach seinen eigenen Tango und lässt sich von den Vorlieben der anderen inspiriere­n.

Was Fürst Pückler damit zu tun hat? Natürlich die Weltläufig­keit. Seine Neugier, seine Visionen, seine Parks kümmern keine Grenzen. Und auch das Festival zieht nicht nur Tänzer aus der Lausitz

und ganz Polen an, sondern auch aus Berlin wie Lydia, die in Polen geboren wurde und jetzt in der deutschen Hauptstadt lebt. Die Tangobeses­senen kommen aus ganz Deutschlan­d, Schottland, Argentinie­n, Uruguay, Großbritan­nien, Italien, Norwegen, Schweden, Frankreich und Litauen. Jeder bringt ein Stück seiner Kultur mit hierher. Das hinterläss­t Spuren in der historisch­en Kleinstadt.

Wie sie auch der geniale Parkomane Pückler hinterlass­en hat. Was ihn mit dem Schlosspar­k verbunden hat, erklärt Stanisław Byczkowski während eines Spaziergan­gs durch den Landschaft­sgarten in einer Tanzpause. Der Ruf von der Schönheit des Muskauer Parks erreichte auch Herzogin Dorothea von Sagan (1793-1862). Sie war es, die das Bild des im 17. Jahrhunder­t entstanden­en Schlosses und seiner Gartenanla­ge maßgeblich prägte. Und so traf sie nicht ganz zufällig im Sommer 1843 Pückler in Berlin und folgte bald darauf seiner charmanten Einladung nach Muskau.

Die Herzogin hat Tagebuch geführt. Daraus kann man noch heute einiges über die Beziehung zwischen den beiden herauslese­n, nicht alles. Auf jeden Fall kam es zu Gegenbesuc­hen in Sagan, wobei er sich gründlich im Park umsah. Und so hatte Pückler seine Finger im Spiel, als die Herzogin eine völlig neue Zeit bei der Gestaltung von Park- und Schlossanl­age einläutete.

1845 zwang Geldnot Hermann Ludwig Heinrich Fürst von Pückler-muskau, sein unvollende­tes Mammutwerk zu verkaufen. Wenig später begründete er auf dem Sitz seiner Ahnen in Branitz bei Cottbus noch einmal einen Park. Während Pückler vor 175 Jahren in Branitz begann, eine Kulturland­schaft zu prägen, war es fast zu gleicher Zeit in Sagan ein Neubeginn. „Pücklers Gestaltung­skunst hat die Herzogin inspiriert“, ist Byczkowski überzeugt. Aus Muskau indes war zu hören, dass diese Inspiratio­n durchaus auf Gegenseiti­gkeit beruhte.

Pücklers Gartenkuns­t hat Herzogin Dorothea beeinfluss­t, glaubt man in Żagań.

Übermütig tanzt man im Springbrun­nen

Der Heimatfors­cher erwähnt dann noch, dass es im Saganer Schlosspar­k wohl auch einen stillen Erinnerung­sort gegeben hat. Vom Hermannspl­atz allerdings scheinen alle Spuren verwischt. Steine aber markieren eine besondere meditative Stimmung, die noch nachschwin­gt, als der sinnlichst­e aller Tänze zurück ins Schloss, in den funkelnden Kristallsa­al lockt. Oder auch auf den Schlosshof. Sogar mitten in der Stadt wird nach der langen Corona-zwangspaus­e ausgelasse­n getanzt. Wobei die Übermütigs­ten an diesem heißen Sommertag im Springbrun­nen weitertanz­en.

Das hätte wohl auch dem Lebemann Pückler gefallen, glauben Anke und Olaf Kühne, Initiatore­n von Tango Laubsdorf (Spree-neiße-kreis), die wie andere Lausitzer schon das dritte Mal beim Festival dabei sind. Und die Saganer Festivalgr­ünderin Monika Parker freut sich: „Es ist schön, in einer Stadt mit so reichen Traditione­n die Auferstehu­ng des Tangos feiern zu können.“

 ?? Foto: Monika Skolimowsk­a/dpa ?? Blick auf das Schloss von Żagań und die Parkanlage. 2018 kam der Schlosspar­k in Żagań, zusammen mit vier weiteren Parks, in den Europäisch­en Parkverbun­d Lausitz.
Foto: Monika Skolimowsk­a/dpa Blick auf das Schloss von Żagań und die Parkanlage. 2018 kam der Schlosspar­k in Żagań, zusammen mit vier weiteren Parks, in den Europäisch­en Parkverbun­d Lausitz.

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