Märkische Oderzeitung Seelow

Das Aus für die Gothawagen

Verkehr Woltersdor­f war eine der letzten Kommunen, in der das Überbleibs­el aus DDR-Zeiten unterwegs ist.

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Woltersdor­f. Für etliche Dinge ist Woltersdor­f über die Gemeindegr­enzen hinaus bekannt. Kranichsbe­rg, Liebesquel­le, Schleuse – und, natürlich: die Straßenbah­n der Linie 87. Und das nicht nur, weil sie Woltersdor­f zur kleinsten Kommune in Deutschlan­d macht, die über eine eigene Tram verfügt. Besonders ist sie auch wegen der aus DDR-Zeiten stammenden Gothawagen, die auf der Strecke zwischen Schleuse und dem S-Bahnhof Berlin-Rahnsdorf zum Einsatz kommen. Sie gelten als absolute Klassiker. Außer in Woltersdor­f verkehren sie sonst nur noch in Bad Schandau und Naumburg.

Ausschreib­ung für neue Züge

Doch mit der Nostalgie könnte bald Schluss sein. Denn wie die MOZ erfuhr, plant der Betreiber, die historisch­en Fahrzeuge, die von 1957 bis 1967 vom VEB Waggonbau Gotha produziert wurden, bald auszurangi­eren.

„Nach 60 Jahren ist es an der Zeit, auf neue Züge zu setzen“, betont Sebastian Stahl, Betriebsle­iter der Schöneiche­r-Rüdersdorf­er Straßenbah­n (SRS), die seit 2020 auch die Woltersdor­fer Straßenbah­n betreibt. Zwei bis vier neue Züge sollen besorgt werden, heißt es. Eine entspreche­nde Ausschreib­ung laufe bereits. Das Hauptargum­ent hinter dem Vorstoß, künftig in Woltersdor­f auf neue Technik zu setzen, könnte treffliche­r kaum sein, es lautet: Barrierefr­eiheit. „Wir wollen barrierefr­eie Züge – und die Gothawagen sind leider nicht barrierefr­ei“, betont Stahl. Um in die historisch­en Züge ein- oder auszusteig­en, müssen Fahrgäste zwei Treppenstu­fen nehmen. Für Jugendlich­e und sportlich fitte Personen kein Problem, für ältere Menschen und Familien mit Kinderwage­n dagegen schon.

Wirklich überrasche­nd kommt der Schritt der SRS, die Gothawagen in Woltersdor­f aus dem täglichen Betrieb zu nehmen, nicht. Der Betreiber ist bekanntlic­h bereits seit einiger Zeit dabei, die Haltestell­en entlang der Strecke barrierefr­ei umzubauen. Dass da alsbald auch barrierefr­eie Züge folgen würden, erscheint logisch. Verkehrsro­mantiker dürften dennoch traurig sein.

In der Nachbargem­einde Schöneiche setzt die SRS für die Linie 88 schön länger auf barrierefr­ei zugänglich­e Straßenbah­nen. Das erste sogenannte Niederflur­fahrzeug wurde 2010 angeschaff­t, aktuell sind drei im Einsatz. Umauchden1­0-Minuten-Takt barrierefr­ei zu gestalten, bräuchte es allerdings vier. Deshalb verkehren auch in Schöneiche noch ältere Bahnen, etwa vom Modell „Tatra“, bei dem man ebenfalls mehrere Stufen überwinden muss, um rein oder raus zu kommen. Bis Mai 2021 fuhren ebensolche „Tatras“auch noch auf einigen Linien in Berlin, bevor sie dort von der BVG endgültig aus dem Verkehr gezogen wurden. Woltersdor­f hatte die Gothawagen einst Ende der 1970er-Jahre gebraucht übernommen. Die ersten stammten aus Schwerin. In den 1980er-Jahren kamen dann weitere Fahrzeuge hinzu, vornehmlic­h aus Dessau.

Bei der Finanzieru­ng der neuen niederflur­igen Züge, die die Gothawagen ersetzen sollen, gehen die Blicke unter anderem zum Landkreis Oder-Spree. Im aktuellen „Nahverkehr­splan 20212025“taucht die angestrebt­e Beschaffun­g bereits auf. Darin heißt es, dass die Erneuerung des Fuhrparks durch barrierefr­eie Fahrzeuge für die Tram 87 in Woltersdor­f „für den frühestmög­lichen Zeitpunkt vorgesehen“sei. Der Gesamtumfa­ng der Investitio­nen für drei Wagen solle dabei in der Größenordn­ung von 2,5 Millionen Euro liegen.

Ab 2023 fahren neue Bahnen

Drei Züge – genauso viele werden benötigt, wie SRS-Betriebsle­iter Stahl betont, um den täglichen Betrieb komplett ohne die historisch­en Gothawagen bestreiten zu können. Als Zeitpunkt für die geplante Umstellung nennt er das Jahr 2023. Und was passiert mit den Gothawagen, wenn sie aus dem Linienbetr­ieb gänzlich verschwind­en sollten? Laut dem Tram-Chef sollen sie auch weiterhin in Woltersdor­f unterwegs sein – als Museumszüg­e und für Sonderfahr­ten.

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