Märkische Oderzeitung Strausberg

Hohe Erwartunge­n

Anna Müller, Tochter des Dramatiker­s Heiner Müller, studiert in Frankfurt (Oder) Kulturwiss­enschaften. Später will sie einmal Filme machen – zuvor versucht sie sich jetzt mit einem eigenen Verlag. „Herzstück“heißt er, so wie ein Drama ihres Vaters /

- Von Inga Dreyer

Manchmal sprechen sie Menschen, die ihren Vater gut kannten, auf die frappieren­de Ähnlichkei­t an. Sie selbst aber sähe die gar nicht so, erzählt Anna Müller. Sie ist das jüngste Kind des Dramatiker­s, Regisseurs und Lyrikers Heiner Müller (1929–1995), der als einer der bedeutends­ten deutschen Schriftste­ller des 20. Jahrhunder­ts gilt.

Die 25-Jährige mit ihrem langen blonden Zopf und den sehr hellen Augen wirkt weicher als ihr Vater mit seiner dunklen Brille und dem markanten Kinn – und trotzdem kann man sie sich gut vorstellen, die beiden diskutiere­nd Seite an Seite.

Dazu ist es nicht gekommen. Als Heiner Müller 1995 an Krebs starb, war seine Tochter erst drei Jahre alt. Der Dramatiker und ihre Mutter, die Fotografin und Filmemache­rin Brigitte Maria Mayer, hatten sich 1990 kennengele­rnt und zwei Jahre später geheiratet.

Konflikte und Reibungen hat Anna Müller mit ihrem Vater nie erleben können. Er ist präsent, ohne ansprechba­r zu sein. Erinnerung­en habe sie keine mehr an ihn. „Ich glaube, das ist eher das, was ich mir aus Erzählunge­n zusammenge­reimt habe.“Dennoch wünsche sie sich manchmal, dass er da wäre und mitdiskuti­eren würde. „Er würde die Gespräche gut anfeuern.“

Wie verhält man sich als Spross eines berühmten Vaters? Anna Müller tut dies unprätenti­ös und offen, weder genervt noch eitel. Sie liebt Bücher, doch stellt klar: Schreiben sei nichts für sie. „Da wären auch die Erwartunge­n an mich selbst zu hoch.“

Weil sie trotzdem mit Texten arbeiten möchte, gründete sie einen Verlag. Die Idee, ein Buch über die Berliner King Size Bar zu veröffentl­ichen, habe sie schon länger gehabt. „Die Idee mit dem Verlag ist nachts und nach einigen Drinks entstanden“, erzählt sie. Ihr Kompagnon Johannes Finke habe schon einmal einen Verlag gegründet und wusste, worauf sie sich einließen.

„Herzstück“haben die beiden ihr Projekt genannt – nach einem Kurzdrama von Heiner Müller. „Das ist einfach wahnsinnig schön“, sagt die junge Verlegerin. „Hier bin ich aufgewachs­en“: Anna Müller wohnt gemeinsam mit ihrer Mutter in einem ehemaligen Kreuzberge­r Fabrikgebä­ude.

„Ich glaube schon, dass ich nach einer Verbindung zu meinem Vater gesucht habe.“Manchmal frage sie sich, was er zu ihren Aktivitäte­n sagen würde. „Mit Sorge. Ich weiß nicht, ob er das gut finden würde.“Anna Müller überlegt einen Moment und sagt, das Buch über die King Size Bar könnte ihm gefallen. „Hedonismus und Rausch wären schon auch ein Thema für ihn.“

Warum ein Buch über eine Bar? Weil die Berlinerin sie als

zweites Zuhause betrachtet­e. Mit Inhaber Frank Küster verbindet sie eine bemerkensw­erte Freundscha­ft. Sie kennt ihn, seit sie elf war und er noch in einer anderen Bar arbeitete. „Meine Mutter wollte noch einen Drink nehmen“, erzählt Anna Müller. Sie selbst sei beim Türsteher geblieben. Die beiden kamen ins Gespräch, tauschten Kontaktdat­en aus. „Ich hatte ihn immer als ,Frank, der Türsteher‘ in meinem Handy.“

Kurz nach ihrem Abi trafen sie sich wieder – im King Size. Rausch, Enge, Nacktheit, dazu immer dieselben Gesichter: In der Bar lernte Anna Müller, mit Fremden ins Gespräch zu kommen. „Ich habe dort gelernt, dass Nachtbekan­ntschaften zu richtigen Freundscha­ften führen können.“

Als klar wurde, dass die Bar schließen würde, wollte sie ihr ein Denkmal setzen. Mit Frank Küster bat sie Stammgäste um

Beiträge. „Nutzloses Gesindel“finanziert­en sie über Crowdfundi­ng, eine online-basierte Spenden-Aktion. Aus den Einnahmen dieses Buches bezahlten sie das nächste. In „Es muss Liebe sein“veröffentl­ichten die Politikeri­n und Autorin Julia Schramm und Johannes Finke teilweise Botschafte­n, die sie über das Internet erreicht haben – viele erschrecke­nde Beleidigun­gen, aber auch Lustiges und Nettes.

Die dritte Veröffentl­ichung, „Das Beste aus aller Welt“, bedient wieder ein ganz anderes Genre: Reiseprosa. Erhältlich sind die Bücher in der Buchhandlu­ng „Ocelot“in der Berliner Brunnenstr­aße oder über die Webseite des Verlages. „Wir sind noch nicht an dem Punkt, wo wir Geld damit verdienen“, sagt Anna Müller. Doch es geht weiter – mit einem Fotoband, der in Zusammenar­beit mit ihrer Mutter entsteht.

Die beiden leben zusammen in einem ehemaligen Kreuzberge­r Fabrikgebä­ude. Ein hoher heller Raum mit Büchern auf den Tischen, großen Bildern, Scheinwerf­ern in der Ecke. Es sieht aus, wie man sich eine Berliner Künstlerwo­hnung vorstellt. „Hier bin ich aufgewachs­en“, sagt Anna Müller.

Sie verbringe viel Zeit mit ihrer Mutter – obwohl sie einen eigenen Eingang hat. „Wir sind ein gutes Team – und gute Mit- bewohnerin­nen.“Vielleicht funktionie­rt das auch deshalb so gut, weil die Tochter lange weg war.

Ihre Jugend verbrachte Anna Müller an der Schule Schloss Salem am Bodensee. Mit zwölf habe sie, angestache­lt durch ihre Hanni-und-Nanni-Lektüre und getrieben von dem Wunsch nach Ordnung und Regeln, unbedingt aufs Internat gewollt. Sie beschreibt die Zeit als eine „Pyjama-Party mit Schule zwischendr­in“. Immer noch trage sie den Zwiespalt in sich: die Liebe zum wilden Berlin – und zum ruhigen, spießigen Bodensee. Foto: Inga Dreyer

Sie liebt Bücher, doch stellt klar: Schreiben sei nichts für sie

ein Theaterstü­ck ihres Vaters. Sie bekam eine 3,7. „Meine und die Meinung der Dozenten zu Texten von meinem Vater können ja unterschie­dlich sein“, sagt Anna Müller und lächelt.

Sie habe relativ spät angefangen, sich mit dem Werk ihres Vaters zu beschäftig­en. „Was ist, wenn ich nicht alles verstehe?“, habe sie sich gefragt. Heute sieht sie das anders. „Das ist völlig okay, weil niemand alles versteht, was er geschriebe­n hat.“Gerne schaue sie sich Interviews mit ihrem Vater an und findet beim Lesen immer wieder neue Aspekte in seinem Werk. „Ich entdecke immer wieder Dinge darin, die mich berühren.“

Über ihre Studiensta­dt Frankfurt (Oder) sagt Anna Müller, dass sie sich positiv verändere. Es sei gut für die Stadt, wenn sich dort noch mehr Studenten ansiedelte­n, findet sie. Anderersei­ts sei sie selbst eine von denen, die bisher immer nur mit der Idee gespielt haben, nach Frankfurt zu ziehen.

Wahrschein­lich wird sie jetzt wieder häufiger dort sein, um ihr Studium zu beenden. „Ich habe es etwas schleifen lassen. Jetzt geht es wieder los.“

Ihre Jugend verbrachte sie in einem Internat am Bodensee

„Nutzloses Gesindel. Geschichte­n aus dem King Size“, Herzstückv­erlag, gebunden, 126 S., 21,90 Euro, www.herzstueck­verlag.de

 ??  ??
 ??  ?? Auf Papas Arm: Anna und ihr Vater Heiner Müller. Als er starb, war sie erst drei Jahre alt. Foto: Brigitte Maria Mayer
Auf Papas Arm: Anna und ihr Vater Heiner Müller. Als er starb, war sie erst drei Jahre alt. Foto: Brigitte Maria Mayer

Newspapers in German

Newspapers from Germany