Rund um das Buch der Bü­cher

Samm­ler Alex­an­der Schick per­sön­lich führ­te die Be­su­cher zum Auf­takt der in Buckow gas­tie­ren­den Bi­bel-schau durch die Fül­le an Ex­po­na­ten.

Märkische Oderzeitung Strausberg - - KULTUR REGIONAL - Von Tho­mas Ber­ger

Die­ser Mann ist ein wan­deln­des Le­xi­kon. Das stell­te er bei der Er­öff­nung der Wan­der­aus­stel­lung „Qum­ran, Gu­ten­berg, Lu­ther und die Bi­bel – Von der Keil­schrift zur Na­no­bi­bel“am Wo­che­n­en­de in Buckow (Mär­kisch-oder­land) un­ter Be­weis. Wer ei­ne der ers­ten bei­den Füh­run­gen mit­er­leb­te, die der aus Sylt an­ge­reis­te Bi­bel-samm­ler und -Ex­per­te per­sön­lich vor­nahm, war nicht nur von der Schau an sich be­ein­druckt. Son­dern noch zu­sätz­lich von Alex­an­der Schicks un­er­schöpf­li­chem Schatz an All­ge­mein- und De­tail­wis­sen über das Buch der Bü­cher, über An­ek­do­ten und in­ter­es­san­te Fuß­no­ten. An Aha-ef­fek­ten man­gelt es da nicht, wenn Schick un­ter an­de­rem be­rich­tet, dass einst 350 Zie­gen ihr Le­ben las­sen muss­ten, um das Le­der für das Per­ga­ment der so­ge­nann­ten Si­nai-bi­bel zu lie­fern.

Vie­len Be­su­chern der sich mit ih­ren un­zäh­li­gen Ex­po­na­ten – ein­schließ­lich der Je­sa­ja-rol­len vom To­ten Meer oder dem so­ge­nann­ten Ro­set­ta-st­ein – und er­klä­ren­den In­fo­ta­feln über meh­re­re Räu­me er­stre­cken­den Aus­stel­lung moch­te zu­vor auch nicht be­wusst ge­we­sen sein, dass es be­reits vor Mar­tin Lu­ther 18 deut­sche Bi­bel­dru­cke gab, dar­un­ter als Ers­te 1466 die so­ge­nann­te Men­tel­in-bi­bel. Von ihr gibt es welt­weit nur noch neun Ex­em­pla­re, die teu­ers­ten über­haupt, noch wert­vol­ler als die 49 er­hal­te­nen Aus­ga­ben der Gu­ten­berg-bi­bel vom Er­fin­der des die Ver­brei­tung re­vo­lu­tio­nie­ren­den Buch­drucks.

„Sie al­le ba­sier­ten auf der Vul­ga­ta“, er­klärt Schick beim Rund­gang, al­so der la­tei­ni­schen Über­set­zung des im ori­gi­nal grie­chi­schen Tex­tes. Letz­te­ren wie­der­um ver­wen­de­te Lu­ther als Vor­la­ge, als er zu­nächst auf der Wart­burg in nur zwölf Wo­chen das Neue Tes­ta­ment ins Deut­sche über­trug. Für das Al­te Tes­ta­ment brauch­te er üb­ri­gens 13 Jah­re. Ei­ne zwei­bän­di­ge Lu­ther-bi­bel in der Aus­stel­lung hat­te de­ren Di­rek­tor beim Brand aus der Wei­ma­rer Bi­b­lio­thek ge­ret­tet – ein

kul­tur­his­to­risch be­son­ders wert­vol­les Stück.

Es geht nicht nur um die Bi­bel und die viel­ge­stal­ti­gen Be­mü­hun­gen, sie in an­de­re Spra­chen zu über­set­zen. Die Aus­stel­lung ist auch ein Streif­zug durch die Ge­schich­te der schrift­li­chen In­for­ma­ti­ons­wei­ter­ga­be vor Gu­ten­bergs Buch­druck-er­fin­dung, an­ge­fan­gen von den in St­ein ge­ritz­ten Hie­ro­gly­phen und an­de­ren Schrift­zei­chen über Pa­py­rus und Per­ga­ment­rol­len bis zu den im Mit­tel­al­ter von den Mön­chen in den Klös­tern müh­sam Ab­satz um Ab­satz, Blatt für Blatt hand­schrift­lich ko­pier­ten Tex­ten. „Drei Fin­ger schrei­ben, doch der gan­ze Kör­per lei­det“, hat Schick da­zu als pas­sen­des Zitat be­reit.

Schon um 800 nach Chris­tus gab es, aus­ge­hend von Kai­ser Karl dem Gro­ßen, ers­te Bi­beln auf Deutsch, weil selbst vie­le Pries­ter kaum mehr rich­tig Latein ver­stan­den. Die Bau­ern so­wie­so nicht. Spe­zi­el­le „Ar­men­bi­beln“, ge­wis­ser­ma­ßen als Kurz­form und mit Il­lus­tra­tio­nen ver­se­hen, ka­men dann im 13. Jahr­hun­dert für je­ne auf, die über­haupt nicht des Le­sens mäch­tig wa­ren.

Zu di­ver­sen Ku­rio­si­tä­ten, die in der um­fang­rei­chen Samm­lung nicht feh­len dür­fen, ge­hö­ren ne­ben Mi­ni-bi­beln auch sol­che rus­si­schen Aus­ga­ben, die mit Spe­zi­al­l­eim ge­bun­den wur­den und so­gar koch­bar wä­ren. Da­zu ge­hört aus den Zei­ten der so­wje­ti­schen Straf­la­ger (Gu­lags) ei­ne an­rüh­ren­de Ge­schich­te. Es gibt sprach­lich durch­aus ge­naue­re Über­set­zun­gen als bei Lu­ther, er­fah­ren die Aus­stel­lungs­be­su­cher, doch ge­ra­de der Re­for­ma­tor ha­be es ver­stan­den, die Tex­te eben­so sprach­schön wie in ein­fa­chen Wor­ten zu über­tra­gen.

Ein gan­zes Seg­ment ist Kon­stan­tin von Ti­schen­dorf ge­wid­met, je­nem Bi­bel­for­scher, der 1844 im Kat­ha­ri­nen­klos­ter auf dem Si­nai eher zu­fäl­lig auf die bis­her äl­tes­ten Ori­gi­nal­schrif­ten stieß. Wie die­ser Schatz schließ­lich bis nach Mos­kau und Lon­don ge­lang­te, ist ein fes­seln­der, sich in sei­nen Aus­wir­kun­gen bis ins Heu­te er­stre­cken­der Kri­mi, den Schick am Sonn­abend noch in ei­nem ex­tra Vor­trag dar­bot.

Ein Ab­schnitt wid­met sich For­scher Ti­schen­dorf

Aus­stel­lung: bis 9.6., Do 18–21 Uhr und Sa/so 13.30–17 Uhr, Se­mi­nar Buckow, Neue Pro­me­na­de 34, Buckow, Tel. 033433 57774; www.bi­bel­aus­stel­lung.de

Fo­to: Tho­mas Ber­ger

Be­ein­dru­cken­de Ex­po­na­te: Der auf Sylt le­ben­de Bi­bel-samm­ler und -Ex­per­te Alex­an­der Schick (hin­ten rechts) er­läu­tert den Be­su­chern sei­ne Aus­stel­lung.

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