Ber­li­ner zie­hen ins Um­land

Stadt­flucht Neue Ar­beits­for­men wie Ho­me-Of­fice und Co­wor­king lo­cken im­mer mehr Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­ner nach Bran­den­burg. Sie flie­hen vor den ho­hen Mie­ten und dem Groß­stadt­stress. Von Alex­an­der Sturm

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Vorderseit­e -

Ber­lin. Der En­ge und dem Lärm der Bal­lungs­räu­me ent­kom­men, das Le­ben ver­brin­gen mit mehr Na­tur, da­zu er­schwing­li­che­re Im­mo­bi­li­en­prei­se: Für vie­le Ber­li­ner klingt das ver­lo­ckend. Ho­me-Of­fice und Ar­bei­ten über das In­ter­net ma­chen neue Ar­beits­mo­del­le im Um­land mög­lich. Die Haupt­stadt hat nach jüngs­ten Zah­len von 2017 gut 7000 Men­schen an die an­gren­zen­den Nach­bar­ge­mein­den ver­lo­ren.

Ein Ver­an­stal­tungs­raum in der al­ten Müh­le Göm­nigk süd­west­lich von Pots­dam, Co­wor­king-Bü­ros und ei­ne Ki­ta auf dem Hof Prä­di­kow in Pröt­zel, Se­mi­na­re und Work­shops auf dem Gut Gor­gast kurz vor der pol­ni­schen Gren­ze: Weit vor den To­ren Ber­lins ha­ben krea­ti­ve Stadt­flücht­lin­ge Pro­jek­te an den Start ge­bracht, die neu­es Le­ben aufs Land sol­len könn­ten. Meist geht es ums fle­xi­bles Ar­bei­ten am hei­mi­schen PC oder in ge­teil­ten Bü­ros, neue Im­pul­se für den Job – und teils um die Er­fül­lung ei­nes Le­benstraums.

Der En­ge und dem Lärm der Bal­lungs­räu­me ent­kom­men, das Le­ben ver­brin­gen mit mehr Na­tur, da­zu er­schwing­li­che­re Im­mo­bi­li­en­prei­se: Für vie­le Städ­ter klingt das ver­lo­ckend. Ho­me-Of­fice und Ar­bei­ten über das In­ter­net ma­chen neue Ar­beits­mo­del­le mög­lich. Auch wenn das fle­xi­ble Ar­bei­ten in der Pro­vinz noch kein Mas­sen­phä­no­men ist: Die Woh­nungs­not treibt man­che Men­schen raus aus der Stadt.

En­de des ner­vi­gen Pen­delns

Pro­gram­mie­rer und Gra­fik­de­si­gner, Ar­chi­tek­ten und Jour­na­lis­ten, So­zi­al­wis­sen­schaft­ler und Kul­tur­ma­na­ger: Sie kön­nen oft ört­lich fle­xi­bel ar­bei­ten, al­so auch am hei­mi­schen PC. Die teu­re Woh­nung in der Stadt oder das ner­vi­ge Pen­deln lässt sich so spa­ren.

Auf dem Hof Prä­di­kow in der Mär­ki­schen Schweiz et­wa ha­ben Städ­ter ei­ne Ge­nos­sen­schaft ge­grün­det: Ob Co­wor­king-Space oder Schrei­ne­rei, Start-up oder Gold­schmie­de, Se­mi­nar­räu­me oder Künst­ler­ate­liers – di­gi­ta­les Ar­bei­ten und ge­teil­te Räu­me sol­len den Be­woh­nern ein Le­ben auf dem Hof er­mög­li­chen. Die „Nach­tei­le des schnell­le­bi­gen Stadt­le­bens“hin­ter sich las­sen, lau­tet ein Ziel. Das Pro­jekt kommt an: We­gen der star­ken Nach­fra­ge auf dem Hof könn­ten neue In­ter­es­sen­ten der­zeit nicht mehr be­rück­sich­tigt wer­den, heißt es.

Für ent­le­ge­ne Dör­fer ist die Zu­wan­de­rung ei­ni­ger Städ­ter ei­ne große Chan­ce. „Dass jun­ge Krea­ti­ve und di­gi­tal af­fi­ne Städ­ter das Land für sich ent­de­cken, birgt für de­mo­gra­fisch an­ge­schla­ge­ne Re­gio­nen ei­ne große Chan­ce“, sagt Sil­via Hen­nig. Die Grün­de­rin der Denk­fa­brik Neu­land 21 hat zu­sam­men mit dem Ber­lin-In­sti­tut für Be­völ­ke­rung und Ent­wick­lung 18 Pro­jek­te rund um die Haupt­stadt un­ter­sucht.

„Auch wenn die neue Land­be­we­gung den ent­le­ge­nen Re­gio­nen nicht übe­r­all aus der Mi­se­re hel­fen wird, wä­re die Po­li­tik gut be­ra­ten, die Mo­ti­ve und Be­dürf­nis­se der jun­gen Land­lus­ti­gen bes­ser ken­nen­zu­ler­nen“, sagt der Be­völ­ke­rungs­for­scher Rei­ner Kling­holz. Denn die Stadt-Land-Wan­de­rer bräch­ten nicht nur Ein­woh­ner, Steu­er- und Ge­büh­ren­zah­ler aufs Land, son­dern auch neue Ide­en, meint der Di­rek­tor des Ber­lin-In­sti­tuts für Be­völ­ke­rung und Ent­wick­lung.

Die Pro­vinz pro­fi­tiert

Ei­ne Wan­de­rung aufs Land be­ob­ach­tet auch Ca­ro­lin Wand­zik, Ge­schäfts­füh­re­rin am Ham­bur­ger In­sti­tut für Stadt-, Re­gio­nal- und Wohn­for­schung (GEWOS). Ber­lin et­wa ha­be nach jüngs­ten Zah­len von 2017 gut 7000 Men­schen an die an­gren­zen­den Nach­bar­ge­mein­den ver­lo­ren, mehr als 6300 zog es zu­dem ins üb­ri­ge Um­land. Der Trend zeigt nach oben: 2014 wan­der­ten erst knapp 6700 Be­woh­ner von Ber­lin in die Nach­bar­ge­mein­den und fast 3700 ins Um­land. Dass die Haupt­stadt trotz­dem wach­se, lie­ge vor al­lem an der ar­beits­platz­be­ding­ten Zu­wan­de­rung über­wie­gend aus Eu­ro­pa, sagt Wand­zik. „Aber schon die über 25-Jäh­ri­gen Start­er­haus­hal­te und die jun­gen Fa­mi­li­en zie­hen mehr­heit­lich aus Ber­lin.“

Auch wenn das längst nicht al­les Krea­ti­ve sind: Vom Im­mo­bi­li­en­boom pro­fi­tiert auch die Pro­vinz. Zwi­schen 2011 und 2017 ha­ben die an­gren­zen­den Nach­bar­ge­mein­den rund acht Pro­zent an Ein­woh­nern ge­won­nen und die weit drau­ßen lie­gen­den Um­land-Ge­mein­den drei Pro­zent, zei­gen die GEWOS-Zah­len. „Zwar wuchs Ber­lin noch et­was stär­ker, aber das Um­land hat seit 2014 be­trächt­lich zu­ge­legt.“Das sei kein al­lei­ni­ges Haupt­stadt-Phä­no­men: Ähn­li­che se­he es in Frank­furt am Main aus, auch wenn es dort die Grup­pe der 25- bis 30-Jäh­ri­gen zum Job in die Stadt zie­he.

Für man­che ab­ge­schla­ge­nen Dör­fer sind Stadt-Flücht­lin­ge ei­ne heiß um­wor­be­ne Kli­en­tel. Nicht nur im Groß­raum Ber­lin ent­ste­hen krea­ti­ve Pro­jek­te. Auch Kom­mu­nen et­wa in Schles­wig-Hol­stein wer­ben um Städ­ter, sagt GEWOS-Ex­per­tin Wand­zik. „Die Hoff­nun­gen sind groß, Men­schen an­zu­lo­cken, die mit neu­en Ar­beits­for­men nicht mehr pen­deln müs­sen.“

In der Tat for­dern man­che Po­li­ti­ker wie­der mehr Auf­merk­sam­keit für die Pro­vinz. „Ich war­ne sehr da­vor, im­mer nur auf die Groß­städ­te zu schau­en“, sag­te jüngst In­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU). „Wir sind verliebt in Groß­städ­te“. Die Po­li­tik müs­se mehr Fir­men und Be­hör­den be­we­gen, sich in struk­tur­schwa­chen Re­gio­nen an­zu­sie­deln. dpa

Fo­to: Da­ni­el Nau­pold/dpa

Al­ter­na­ti­ve zum Pen­deln: Ei­ne Frau ar­bei­tet an ei­nem Rech­ner von zu Hau­se aus.

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