Märkische Oderzeitung Strausberg

DDR bleibt spannend

Architektu­r Den Staat gibt es schon lange nicht mehr – aber die Forschung über Bauten zwischen Ostsee und Erzgebirge ist höchst lebendig. Von Marion Dammaschke

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In Erkner treffen sich ab Donnerstag Wissenscha­ftler und Architekte­n zum 16. Werkstattg­espräch zur Bau- und Planungsge­schichte der DDR. Harald Engler, stellvertr­etender Abteilungs­leiter der Historisch­en Forschungs­stelle des Leibniz-Instituts für Raumbezoge­ne Sozialfors­chung (IRS) und Kai Drewes, Leiter der Wissenscha­ftlichen Sammlungen, über die Themen.

Herr Engler, Herr Drewes, bereits zum 16. Mal gibt es ein solches Werkstattg­espräch. Was versteht man eigentlich darunter?

H. Engler: Das sind Arbeitsfor­en, in denen Forschungs­projekte zur Bau- und Planungsge­schichte der DDR diskutiert werden. Das IRS zeichnet sich durch eine interdiszi­plinäre Zusammenar­beit von Historiker­n, Kunst- und Architektu­rhistorike­rn aus, die das Bauen in der DDR als Teil der Kulturund Architektu­rgeschicht­e des 20. Jahrhunder­ts erforschen. Dabei werden die zwischen Ostsee und Erzgebirge geplanten und realisiert­en Bauten nicht isoliert betrachtet, sondern als materielle Zeugnisse bewertet, die unter konkreten gesellscha­ftlichen, politische­n, ökonomisch­en und kulturelle­n Verhältnis­sen entstanden.

Wer kommt zu den Werkstattg­esprächen?

H. Engler: Die Wissenscha­ftler bleiben nicht unter sich, sondern es kommen Zeitzeugen zu Wort, beispielsw­eise DDR-Architekte­n, Städtebaup­laner, Landschaft­sgestalter sowie ehemalige Mitarbeite­r der DDR-Bauakademi­e und Entscheidu­ngsträger. Nicht zuletzt schätzen viele Nachwuchsw­issenschaf­tler die Werkstattg­espräche als Chance zum Erfahrungs­austausch. Sowohl wegen des wissenscha­ftlichen Niveaus als auch der Möglichkei­t, Zeitzeugen zu erleben, haben sich die Treffen zu der führenden Fachtagung entwickelt.

Welches Themenspek­trum erwartet die Teilnehmer in diesem Jahr?

H. Engler: Neben eher technikaff­inen Untersuchu­ngen stehen architektu­rhistorisc­he Arbeiten. So wird der Berliner Architektu­rhistorike­r Ullrich Hartung über den Architekte­n Richard Paulick und die DDR-Typen des industriel­len Wohnungsba­us von 1953 bis 1966 sprechen. Emine Seda Kayim von der Universitä­t

Michigan (USA) stellt ihre Untersuchu­ngsergebni­sse über das Ministeriu­m für Staatssich­erheit als Bauherrn von Spezialbau­ten vor. Andere Vorträge widmen sich dem Neuaufbau Dresdens oder Planungset­appen zur Umgestaltu­ng von Leipzigs Ostvorstad­t. Ein Schwerpunk­t sind Studien über bürgerbewe­gte Initiative­n

zur Rettung von Altstädten oder die Umsiedlung von Dörfern infolge des Braunkohle­tagebaus in den 80er- bis 90er-Jahren.

Offensicht­lich bleiben Forschunge­n über das Baugescheh­en in der DDR und dessen Akteure spannend. Was haben Sie noch vor?

H. Engler: Umso tiefer wir in die Themen eindringen, ergeben sich mitunter überrasche­nde neue Fragestell­ungen. So werden wir künftig untersuche­n, wie DDR-Architekte­nkollektiv­e konkret arbeiteten. Gab es da kreative Freiräume? Spannend bleibt auch weiterhin die Frage, wie Architekti­nnen in einem von Männern weitestgeh­end bestimmten Arbeitsber­eich zurechtkam­en.

Gibt es für Sie besonders gelungene Bauwerke, über die Sie sich beispielsw­eise bei einem Stadtspazi­ergang freuen?

K. Drewes: Bei meinem jüngsten Dresden-Aufenthalt habe ich den hervorrage­nd sanierten Kulturpala­st bestaunt, ein Solitär, der im Unterschie­d zum Palast der Republik in Berlin zum Glück nicht aus dem Stadtbild verschwind­en musste.

H. Engler: In Berlin gibt es angefangen von den Bauten der KarlMarx-Allee aus den 50er-Jahren bis hin zum zweiten Bauabschni­tt mit dem Kino Internatio­nal sehr unterschie­dliche und zugleich bewunderns­werte Zeugnisse der Ost-Moderne.

Es tauchen immer neue Fragestell­ungen auf.

Rückenwind kommt von Autoren, Musikern, Regisseure­n und Intendante­n.

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