„Krieg be­gann nicht erst 1941“

Ge­schichts­streit Der Bot­schaf­ter Po­lens in Berlin, An­drzej Pr­zyłeb­ski, re­agiert auf un­ser In­ter­view mit Russ­lands Bot­schaf­ter Ser­gej Net­scha­jew. Von Dietrich Schrö­der

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Politik -

Die rus­sisch-pol­ni­sche Aus­ein­an­der­set­zung über Ur­sa­chen und Er­geb­nis­se des Zwei­ten Welt­kriegs setzt sich fort. Das zeigt die Re­ak­ti­on des pol­ni­schen Bot­schaf­ters in Berlin, An­drzej Pr­zyłeb­ski, auf ein In­ter­view mit Russ­lands Bot­schaf­ter Ser­gej Net­scha­jew, das un­se­re Zei­tung vor ei­ner Wo­che ge­führt hat­te.

„Je­der Bot­schaf­ter hat das gu­te Recht, sein ei­ge­nes Land vor fal­schen An­schul­di­gun­gen zu ver­tei­di­gen. Den­noch ge­hen die Er­läu­te­run­gen von Herrn Bot­schaf­ter Net­scha­jew oft an der Sa­che und an den Tat­sa­chen vor­bei.“

Mit die­sen Sät­zen be­ginnt ein Brief Pr­zyłebs­kis, den wir we­gen sei­ner Bri­sanz hier leicht re­di­giert ver­öf­fent­li­chen.

In Po­len spie­le nie­mand – wie von Net­scha­jew be­haup­tet – „den ent­schei­den­den An­teil der So­wjet­uni­on am Sieg über den Na­zis­mus“her­un­ter, er­klärt Pr­zyłeb­ski, fügt je­doch an: „Auch wenn der An­teil der Al­li­ier­ten, dar­un­ter Zig­tau­send pol­ni­scher Sol­da­ten in al­len For­ma­tio­nen (auch in der so­wje­ti­schen Ro­ten Ar­mee), rie­sig war.“

Dies wi­der­le­ge aber kei­nes­falls die his­to­ri­sche Tat­sa­che, dass die So­wjet­uni­on Po­len am 17. Sep­tem­ber 1939 an­ge­grif­fen ha­be und da­durch die wei­te­re Ver­tei­di­gung Po­lens ge­gen Deutsch­land un­mög­lich ge­macht ha­be. Russ­land müs­se „end­lich be­grei­fen“– so Pr­zyłeb­ski – dass der Zwei­te Welt­krieg 1939 und nicht erst 1941 mit dem deut­schen Über­fall auf die So­wjet­uni­on be­gon­nen ha­be. In ei­nem an­de­ren Punkt gibt der

Po­le sei­nem Mos­kau­er Kol­le­gen Recht. Die Ap­peas­e­ment-Po­li­tik west­li­cher Län­der ge­gen­über Hit­ler, die dem Krieg vor­aus­ge­gan­gen war, sei aus his­to­ri­scher Per­spek­ti­ve „ei­ne fal­sche Po­li­tik“ge­we­sen. Den­noch ha­be sich auch die So­wjet­uni­on auf den Krieg ge­gen das Drit­te Reich vor­be­rei­tet und „vom Aus­gang des Krie­ges am meis­ten pro­fi­tiert“. Als Be­le­ge

führt der Di­plo­mat die Be­set­zung der Ukrai­ne, von Belarus und des Bal­ti­kums so­wie die Un­ter­ord­nung von Po­len, Un­garn, der Tsche­cho­slo­wa­kei und an­de­rer Län­der an. „Nicht die So­wjet­uni­on, son­dern die west­li­chen Al­li­ier­ten ha­ben ent­schei­dend zum

Kriegs­en­de bei­ge­tra­gen (auch wenn es in Bran­den­burg, we­gen der geo­gra­fi­schen La­ge, an­ders aus­se­hen mag)“, fährt Pr­zyłeb­ski fort. Er ar­gu­men­tiert wei­ter: „Für uns Po­len war der Zwei­te Welt­krieg 1945 nicht zu En­de: Wir wur­den zwar vor der Ver­nich­tung ge­ret­tet, un­se­ren frei­en Staat durf­ten wir aber bis 1989 nicht auf­bau­en.“Um die­se Zu­sam­men­hän­ge zu ver­deut­li­chen, ha­be Po­len sein neu­es Pil­ecki-In­sti­tut am Bran­den­bur­ger Tor in Berlin er­öff­net, des­sen Be­such der Bot­schaf­ter emp­fiehlt. Denn in der dor­ti­gen Aus­stel­lung wer­de der pol­ni­sche Kampf ge­gen zwei to­ta­li­tä­re Re­gime dar­ge­stellt.

Auf die Ge­gen­wart be­zo­gen er­klärt Pr­zyłeb­ski: „Was Russ­land zur Zeit in der Ukrai­ne macht und in Ge­or­gi­en fort­setzt“, zei­ge über­deut­lich, dass die An­sicht der ost­eu­ro­päi­schen Na­to-Mit­glie­der, dass man sich vor ag­gres­si­ven Aspi­ra­tio­nen Russ­lands schüt­zen müs­se, nicht ab­surd sei.

Un­se­ren frei­en Staat durf­ten wir Po­len bis 1989 nicht auf­bau­en.

Foto: dpa

24. Au­gust 1939: Die Au­ßen­mi­nis­ter von Na­zi­deutsch­land, Joa­chim von Rib­ben­trop (l) und der So­wjet­uni­on, Wjat­sches­law Mo­lo­tow (vorn), un­ter­zeich­nen in Mos­kau im Bei­sein von Jo­sef Sta­lin (Mit­te) ei­nen Pakt, der auch die Tei­lung Po­lens vor­sieht.

Foto: dpa

Bot­schaf­ter Po­lens: An­drzej Pr­zyłeb­ski

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