Ab­schied nach 16 Jah­ren im Vic­to­ria-Tri­kot

Ab­schied Für Se­bas­ti­an Jan­kow­ski hat ein neu­er Le­bens­ab­schnitt be­gon­nen. Ei­ner oh­ne sei­nen SV Vic­to­ria See­low, bei dem er 16 Jah­re spiel­te und vie­le Freun­de hat. Der Sport­leh­rer will sich mehr sei­ner Fa­mi­lie und sei­nem Haus in Kostrzyn wid­men. Al­ler­dings:

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Vorderseit­e - Von Ed­gar Nem­schok

See­low. Se­bas­ti­an Jan­kow­ski war ei­ner der Ga­ran­ten des Hö­hen­flugs der Fuß­bal­ler von Vic­to­ria See­low in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Jetzt ver­lässt er den Ver­ein, will sich mehr um sei­ne Fa­mi­lie und das Haus im hei­mi­schen Kostrzyn küm­mern.

Es sind die­se ma­gi­schen Mo­men­te, die ein Fuß­ball­spie­ler nie ver­gisst. Vor al­lem ei­ner wie Se­bas­ti­an Jan­kow­ski, der für sei­nen Sport lebt. Es läuft die 93. Mi­nu­te. Das Spiel steht 1:1, Vic­to­ria See­low hat­te erst kurz vor Ablauf der re­gu­lä­ren Spiel­zeit den Aus­gleich kas­sie­ren müs­sen. „Wei­ter, wei­ter“, ruft der pol­ni­sche Of­fen­siv­ak­teur mit der Rü­cken­num­mer 7 in der für ihn ty­pi­schen Art und treibt sei­ne Mann­schaft noch ein­mal nach vorn. Die See­lo­wer ha­ben An­stoß, ein wei­ter Ball in den geg­ne­ri­schen Straf­raum, und „Bas­ti fan­tas­ti“, wie ihn vie­le da­nach nen­nen soll­ten, häm­mert den Ball mit sei­nem star­ken lin­ken Fuß un­ter die Qu­er­lat­te. Was da­nach in der Ka­bi­ne los war ...

Mehr als 16 Jah­re trug Jan­kow­ski das Vic­to­ria-Tri­kot. Den Ent­schluss, den Ver­ein nach die­ser klei­nen Ewig­keit zu ver­las­sen, hat­te er schon im Win­ter ge­fasst. „Ich woll­te dann aber doch noch ein­mal hel­fen und die Sai­son zu En­de spie­len. Nach Ge­sprä­chen mit Prä­si­dent Ro­land Bi­en­wald und Te­am­ma­na­ger Jörg Schrö­der,

mit der Mann­schaft und Trai­ner Pe­ter Flaig stand fest, dass ich im Som­mer auf­hö­re. Dass uns Co­ro­na nun ei­nen Strich durch die Rech­nung ge­macht hat, ist na­tür­lich scha­de“, sagt der 39-Jäh­ri­ge. Jetzt hofft er, dass sich der Ver­ein viel­leicht noch ei­ne Über­ra­schung zum Ab­schied ein­fal­len lässt. Aber da wird der Prä­si­dent si­cher ei­ne Idee ha­ben ...

Jan­kow­ski wur­de in der Sai­son 2004/05 mit 23 Tref­fern Tor­schüt­zen­kö­nig der Lan­des­li­ga Nord. Es folg­ten der Auf­stieg in die Bran­den­burg- und vor fünf Jah­ren erst­mals in die Ober­li­ga. In der Sai­son 17/18 ging es noch ein­mal run­ter, prompt aber ge­lan­gen der Ti­tel­ge­winn in der höchs­ten Spiel­klas­se des Lan­des und die Rück­kehr in die 5. Li­ga. 2016/17 ge­hör­te er der zwei­ten Män­ner­mann­schaft an, die den Auf­stieg in die Lan­des­klas­se fei­ern konn­te, wur­de im glei­chen Jahr mit den See­lo­wer Alt­her­ren Kreis­meis­ter von Ost­bran­den­burg in der AK 35.

Al­le Fuß­bal­ler, die Se­bas­ti­an Jan­kow­ski ken­nen – und das sind in ganz Bran­den­burg wahr­lich nicht we­ni­ge –, schät­zen ihn als lei­den­schaft­li­chen und ab­so­lut fai­ren Sports­mann. „Doch, ein­mal ha­be ich ei­ne Ro­te Kar­te be­kom­men“, ant­wor­tet er auf die ent­spre­chen­de Fra­ge. „Es war ei­ne Dumm­heit, nach ei­nem Wort­ge­fecht mit wirk­lich un­schö­nen Schimpf­wor­ten auf Deutsch und auf Pol­nisch muss­te ich den Platz ver­las­sen.“Man spürt re­gel­recht, dass er sich dar­über noch heu­te är­gert.

Er ist aber auch ein Spie­ler mit der sprich­wört­li­chen Pfer­de­lun­ge. Mit sei­nen 39 Jah­ren läuft der durch­trai­nier­te Po­le wahr­schein­lich auch heu­te noch so manch jün­ge­rem Spie­ler pro­blem­los da­von. Es ist der un­be­ding­te Wil­le, gut zu spie­len, zu ge­win­nen und vor al­lem nie auf­zu­ge­ben. Die­se Le­bens­phi­lo­so­phie hat er sich zu ei­gen ge­macht. „Ich bin Sport­leh­rer an der See­lo­wer Ober­schu­le, und mei­ne Schü­ler sol­len se­hen und er­ken­nen, dass ein ho­hes Maß an Fit­ness wich­tig fürs Le­ben ist. Ich will da ein Vor­bild sein. Al­les, was ich von ih­nen ver­lan­ge, will auch sel­ber vor- oder zu­min­dest mit­ma­chen.“Jan­kow­ski raucht nicht, trinkt sel­ten Al­ko­hol und ver­sucht sich nach ei­nem Plan ge­sund zu er­näh­ren. „Da passt auch mei­ne Frau Ka­ro­li­na auf.“Sie ar­bei­tet – wie pas­send – in ei­nem Fit­ness-Stu­dio.

„Ich bin jetzt in ei­nem Al­ter, in dem ich mich auch um mei­ne Fa­mi­lie und um mich küm­mern muss.“Drei­mal in der Wo­che Trai­ning, fast je­des Wo­che­n­en­de ein Spiel mit lan­gen Fahr­ten zum Bei­spiel nach Ros­tock, Greifs­wald oder Sten­dal, der Job in See­low und nun auch die Fuß­bal­l­aka­de­mie in sei­ner Hei­mat­stadt, wo er die U-10-Ki­cker be­treut, for­der­ten ei­ne Men­ge Kraft von dem Ener­gie­bün­del. Zu­dem hat er ein Haus ge­kauft, das nun­mehr Stück für Stück aus- und um­ge­baut wird. „Es gab Zei­ten, in de­nen war ich öf­ter in See­low als zu Hau­se in Kostrzyn.“

Al­ler­dings, die Töp­pen ganz an den Na­gel zu hän­gen, das ist nichts für ihn. Und so trai­niert er schon seit ei­ni­ger Zeit wie­der beim TS Ce­lu­lo­za Kostrzyn nad Odrą. Der Club spielt in der 5. pol­ni­schen Li­ga. Die­se ist, da es im Nach­bar­land ein et­was an­de­res Sys­tem gibt, ver­gleich­bar mit der hie­si­gen Lan­des­li­ga. Und schon hat sich Jan­kow­ski neue sport­li­che Zie­le ge­steckt, denn vor dem jüngs­ten Mann­schafts­trai­ning sag­te er: „Jungs, wir ha­ben ei­ne Chan­ce, um den Auf­stieg mit­zu­spie­len.“Zwei­feln dar­an, dass die­ses Ziel tat­säch­lich um­ge­setzt wird, hat kaum je­mand.

Dass er einst nach See­low kam, war wie ein Er­geb­nis der deutsch-pol­ni­schen Freund­schaft: Rys­zard Skałba, da­ma­li­ger Bür­ger­meis­ter von Kostrzyn und gro­ßer Fuß­ball­fan, stell­te Jörg Schrö­der, zu je­ner Zeit Chef­trai­ner der Vic­to­ria, den 22-Jäh­ri­gen vor. „Ich er­in­ne­re mich gut. Sein Lauf­stil war un­ge­wöhn­lich, aber als er im Pro­be­trai­ning die Bäl­le rei­hen­wei­se in den rech­ten und lin­ken Drei­an­gel ver­senk­te, ha­be ich kurz ent­schlos­sen ge­sagt: Der bleibt hier. Wir hat­ten viel Freu­de an Bas­tis Spiel­wei­se und vor al­lem an den un­zäh­li­gen To­ren, die er für den Ver­ein ge­schos­sen hat“, schwärmt Schrö­der.

Wie fast je­der Fuß­bal­ler hat­te auch Se­bas­ti­an Jan­kow­ski den Traum, Pro­fi zu wer­den. Er stand auch ein­mal kurz vor ei­ner Ver­trags­un­ter­zeich­nung beim Zweit­li­ga­ver­ein Za­głę­bie Dąbrow­skie. Doch dar­aus wur­de nichts. Der Grund: Vik­to­ria. Die Toch­ter kam mit­ten in den Ver­trags­ver­hand­lun­gen zur Welt. Sei­ne Fa­mi­lie brauch­te ihn und plötz­lich war Fuß­ball Ne­ben­sa­che. Heu­te sagt er: „Es war rich­tig so, das Sport-Stu­di­um zu ab­sol­vie­ren, beim SV Vic­to­ria See­low und letzt­lich zu Hau­se zu blei­ben.“Sei­ne Toch­ter ist in­zwi­schen 14 und als Links­fuß, wie der Va­ter, so­gar schon in die pol­ni­sche Nach­wuchs­na­tio­nal­mann­schaft be­ru­fen wor­den.

Und wie ist es um den Lieb­lings­ver­ein und ein heim­li­ches Idol be­stellt? Bei letz­te­rem ist es kei­ne gro­ße Über­ra­schung: „Ro­bert Le­wan­dow­ski – ein Pro­fi durch und durch.“Jan­kow­ski er­zählt mit Be­geis­te­rung, wie er den Stür­mer des FC Bay­ern in des­sen Haus in der Nä­he von Mün­chen per­sön­lich ken­nen­ge­lernt hat. Sein Lieb­lings­ver­ein kommt in­des aus Ita­li­en: As­so­cia­zio­ne Cal­cio Mi­lan, kurz AC Mai­land. „Im nächs­ten Jahr wer­de ich 40 und der Ge­burts­tag wird im Sta­dio Gi­u­sep­pe Meaz­za, ehe­mals San Si­ro ge­fei­ert“, freut er sich schon heu­te.

Auf ei­ne letz­te Fra­ge gibt er dann noch ei­ne kla­re Ant­wort. Was, wenn Vic­to­ria See­low noch ein­mal um Hil­fe ruft? Se­bas­ti­an Jan­kow­ski lacht und sagt: „Nein“.

Viel­leicht gibt es noch ein Ab­schieds­spiel oder ir­gend­ei­ne Über­ra­schung.

Ro­te Kar­te nach Wort­ge­fecht mit Schimpf­wor­ten auf Pol­nisch und auf Deutsch.

Fo­tos: Ed­gar Nem­schok

Im­mer der An­trei­ber: Zwei Jah­re am­tier­te Se­bas­ti­an Jan­kow­ski als Spie­ler­trai­ner bei Vic­to­ria See­low. Ar­tis­tisch beim Gie­bel­see-Cup: Zu dem Hal­len­tur­nier in Pe­ters­ha­gen kam er be­son­ders gern, weil sein Freund Jörg Jan­kow­sky der Gast­ge­ber war. Hier fühlt er sich wohl: Jan­kow­ski im Re­stau­rant Ar­ti­san in sei­ner Hei­mat­stadt Kostryn.

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