Wech­sel an der Spit­ze

Sig­mar Ga­b­ri­el steht we­gen sei­ner Tä­tig­keit für Tön­nies in der Kri­tik. Er selbst fin­det: „Ich bin kein Po­li­ti­ker mehr.“

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Vorderseit­e - Pro Die­ter Kel­ler Kor­re­spon­dent Contra Ma­thi­as Pud­dig Kor­re­spon­dent

Pa­ris. Nach dem Rück­tritt der fran­zö­si­schen Re­gie­rung hat Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron Je­an Cas­tex zum neu­en Re­gie­rungs­chef er­nannt. Dies teil­te der Ely­sée-Pa­last am Frei­tag mit. Zu­vor hat­te die bis­he­ri­ge Re­gie­rung un­ter Pre­mier­mi­nis­ter Edouard Phil­ip­pe ih­ren Rück­tritt ein­ge­reicht. Nun wer­de der 55-jäh­ri­ge Cas­tex, der die Lo­cke­rung der Co­ro­na­vi­rus-Be­schrän­kun­gen ver­ant­wor­te­te, ei­ne neue Re­gie­rung bil­den.

Es gibt ein Le­ben nach der Po­li­tik.

Auch für ehe­ma­li­ge Par­tei­vor­sit­zen­de und Bun­des­mi­nis­ter. Dann müs­sen sie die Mög­lich­keit ha­ben, ih­ren Le­bens­un­ter­halt wei­ter zu ver­die­nen. Als ExFDP-Chef Phil­ipp Rös­ler aus dem Bun­des­tag aus­schied, war er 40. Al­so muss­te er sich ei­nen Job su­chen, und da wä­re es zu viel ver­langt ge­we­sen, nicht die prak­ti­schen Er­fah­run­gen zu nut­zen, die er in der Po­li­tik ge­macht hat­te. In Deutsch­land gibt es viel zu we­ni­ge Ma­na­ger und Po­li­ti­ker, die für ei­ni­ge Zeit ins an­de­re La­ger wech­seln und auch wie­der zu­rück. Ent­spre­chend ver­ste­hen bei­de häu­fig nicht die Mecha­nis­men und Zwän­ge, un­ter de­nen die an­de­re Sei­te agiert. Und im Bun­des­tag sit­zen viel zu we­nig nor­ma­le An­ge­stell­te, Ar­bei­ter oder Un­ter­neh­mer, da­für vie­le Be­am­te.

Der Knack­punkt ist nicht das Prin­zip, son­dern das Au­gen­maß – was der Ein­zel­ne dar­aus macht. Wer in der Öf­fent­lich­keit steht, hat sich das selbst ge­wählt, und er oder sie muss sich der Fra­ge stel­len, ob er sei­nen ei­ge­nen Maß­stä­ben ge­recht wird. Sig­mar Ga­b­ri­el war schon im­mer ein Bes­ser­wis­ser. Seit dem Aus­stieg aus der Po­li­tik ver­fasst er stän­dig lan­ge Ar­ti­kel für Me­di­en. Schon des­we­gen muss er sich selbst mehr fra­gen, ob er sei­ne Be­ra­ter­ver­trä­ge so aus­wählt, dass er noch in den Spie­gel schau­en kann. Und ob er da­mit der Par­tei scha­det, de­ren Vor­sit­zen­der er im­mer­hin sie­ben Jah­re lang war.

Ein wei­te­res Pro­blem ist, dass die Ver­diens­te in Spit­zen­po­si­tio­nen im­mer wei­ter aus­ein­an­der­lau­fen. Die Wirt­schaft zahlt viel bes­ser. Da zählt das An­se­hen in der Öf­fent­lich­keit we­ni­ger als der Er­folg fürs Un­ter­neh­men oder den Ver­band. Po­li­ti­ker da­ge­gen müs­sen sich auch noch stän­di­ge An­fein­dun­gen ge­fal­len las­sen.

Was ist bloß mit Sig­mar Ga­b­ri­el los?

Klar, sei­ne Tä­tig­keit für den Flei­schrie­sen Tön­nies ist nicht ver­bo­ten. Und ge­ne­rell spricht viel da­für, dass frü­he­re Po­li­ti­ker nach ih­rem po­li­ti­schen Le­ben ein Aus­kom­men fin­den. Nur kommt da­für eben nicht je­des Aus­kom­men in Fra­ge. Wenn es ir­gend­wie zwie­lich­tig er­scheint, soll­ten sie die Fin­ger da­von las­sen. Das ge­bie­tet der An­stand – und den hat Ga­b­ri­el schmerz­lich ver­mis­sen las­sen.

Denn er hät­te wis­sen müs­sen, dass die­ser Job ein schlech­tes Licht auf ihn wirft. Tön­nies stand schon vor der Pan­de­mie we­gen der Ar­beits­be­din­gun­gen in sei­nen Wer­ken in der Kri­tik. Als Wirt­schafts­mi­nis­ter hat­te Ga­b­ri­el die Skan­dal­fir­ma noch an­ge­pran­gert. Nun will er da­von nichts mehr wis­sen und be­ruft sich dar­auf, ein „Ex-Po­li­ti­ker“zu sein. Doch das lässt sich nicht so ein­fach tren­nen. Denn hät­te Ga­b­ri­el den Pos­ten auch be­kom­men, wenn er nicht zu­vor als Bun­des­mi­nis­ter, Vi­ze­kanz­ler und Par­tei­chef Er­fah­run­gen und Kon­tak­te ge­sam­melt hät­te? Das ist zu­min­dest frag­lich. Der Scha­den, den Ga­b­ri­el so an­rich­tet, ist enorm. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten woll­ten ei­gent­lich in die­sen Ta­gen fei­ern, dass sie die Grund­ren­te durch­be­kom­men ha­ben. Statt­des­sen müs­sen sie nun er­klä­ren, was ihr Ex-Vor­sit­zen­der so treibt. Doch Ga­b­ri­el rückt auch die Po­li­tik ins­ge­samt in ein schlech­tes Licht. Wer glaubt, dass „die da oben“oh­ne­hin nur an sich selbst und ih­ren Kon­to­stand den­ken und Po­si­tio­nen nur so lan­ge ver­tre­ten, wie es ih­nen op­por­tun er­scheint, wird sich durch den ehe­ma­li­gen Vi­ze­kanz­ler be­stä­tigt se­hen. Sig­mar Ga­b­ri­el hat das für 10 000 Eu­ro im Mo­nat in Kauf ge­nom­men. Dass es ihm of­fen­sicht­lich egal war, macht die gan­ze Sa­che so­gar noch är­ger­li­cher.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.