Lan­ges Aus für die Koh­le

Ge­set­ze Bun­des­tag und Bun­des­rat stim­men Aus­stieg bis 2038 zu.

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Vorderseit­e -

Ber­lin. Der Bun­des­tag hat am Frei­tag den schritt­wei­sen Koh­le­aus­stieg in Deutsch­land bis spä­tes­tens 2038 be­schlos­sen. Das Par­la­ment ver­ab­schie­de­te au­ßer­dem ein Ge­setz, das Hil­fen von 40 Mil­li­ar­den Eu­ro für die Koh­le­län­der vor­sieht. Nach dem Bun­des­tag hat am Frei­tag auch der Bun­des­rat über die zen­tra­len Ge­set­ze zum Koh­le­aus­stieg ent­schie­den. Die Struk­tur­hil­fen sol­len in den Koh­le­re­gio­nen, un­ter an­de­rem in Nord­rhein-West­fa­len, Sach­sen und Bran­den­burg beim Wirt­schafts­um­bau und In­fra­struk­tur­aus­bau hel­fen.

Die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten der Koh­le­län­der ha­ben den be­schlos­se­nen Koh­le­aus­stieg samt Struk­tur­hil­fen als his­to­ri­schen Schritt be­zeich­net und das Aus­stiegs­da­tum 2038 ver­tei­digt. Der jet­zi­ge Aus­stiegs­plan bil­de das Mach­ba­re ab, sag­te Sach­sen-An­halts Re­gie­rungs­chef Rei­ner Ha­seloff (CDU) am Frei­tag in Ber­lin. Es ge­he dar­um, ei­ne Volks­wirt­schaft am Le­ben zu er­hal­ten „und sich nicht ei­nen ei­ge­nen K.-o.-Schlag zu lie­fern“. Die Grü­nen im Bun­des­tag hat­ten das Aus­stiegs­da­tum am Frei­tag er­neut als zu spät kri­ti­siert, auch Um­welt­schüt­zer wie Gre­en­peace pro­tes­tier­ten.

Mi­nis­ter St­ein­bach warnt vor mög­li­chen Eng­päs­sen bei der Ener­gie­ver­sor­gung.

Ein frü­he­rer Aus­stieg aus der Koh­le­ver­stro­mung im Jahr 2030, 2032 oder 2034 sei im­mer noch denk­bar, wenn die Ver­sor­gungs­si­cher­heit ga­ran­tiert sei, er­gänz­te Nord­rhein-West­fa­lens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ar­min La­schet (CDU). Das kom­me vor al­lem dann in Be­tracht, wenn der Bau neu­er Strom­tras­sen schnel­ler vor­an­ge­he oder Spei­cher­mög­lich­kei­ten Strom aus erneuerbar­en Ener­gi­en wett­be­werbs­fä­hi­ger ma­chen.

Bran­den­burgs Mi­nis­ter­prä­si­dent Diet­mar Wo­id­ke (SPD) sag­te, dass Pla­nungs­ver­fah­ren deut­lich be­schleu­nigt wer­den müss­ten. „Wir bil­den mit un­se­rem Pla­nungs­recht in gro­ßen Tei­len nicht mehr die Dy­na­mik ab, die die­ses Land hat.“

Am Frei­tag stimm­ten Bun­des­tag und Bun­des­rat ei­nem Ge­set­zes­pa­ket zum schritt­wei­sen Aus­stieg aus der kli­ma­schäd­li­chen Braun­koh­le zu. Im Ge­gen­zug sol­len die be­trof­fe­nen Koh­le­län­der NRW, Bran­den­burg, Sach­sen und Sach­sen-An­halt in den nächs­ten Jahr­zehn­ten Struk­tur­hil­fen in Hö­he von ins­ge­samt 40 Mil­li­ar­den Eu­ro be­kom­men; die Bran­den­bur­ger Lau­sitz er­hält rund zehn Mil­li­ar­den Eu­ro Hil­fe vom Bund.

Da­mit soll die In­fra­struk­tur ver­bes­sert und neue Be­hör­den und For­schungs­ein­rich­tun­gen an­ge­sie­delt wer­den, um neue Jobs zu schaf­fen. Für die Kraft­werks­be­trei­ber sind Ent­schä­di­gun­gen von mehr als vier Mil­li­ar­den Eu­ro ein­ge­plant.

Es sei ein his­to­ri­scher Tag, der über Deutsch­land hin­aus wir­ke, weil Deutsch­land ernst ma­che mit dem Kli­ma­schutz, kom­men­tier­te Bran­den­burgs Mi­nis­ter­prä­si­dent Wo­id­ke die Be­schlüs­se. Die Koh­le­re­gio­nen, in de­nen die Koh­le­för­de­rung zwi­schen 2040 und 2050 aus­ge­lau­fen wä­re, be­kä­men jetzt die Chan­ce neue Struk­tu­ren auf­zu­bau­en, sag­te Sach­sens Re­gie­rungs­chef Mi­cha­el Kret­sch­mer (CDU). Durch den Auf­bau neu­er For­schungs­ein­rich­tun­gen, et­wa zur Was­ser­stoff­tech­no­lo­gie, wür­den nicht nur die Koh­le­re­gio­nen ge­stärkt, son­dern Deutsch­land pro­fi­tie­re ins­ge­samt.

Die Wirt­schaft in der Lau­sitz for­dert nun die schnel­le Um­set­zung der Hil­fen für die Re­gi­on. „Mit der über­fäl­li­gen Ver­ab­schie­dung der bei­den Ge­set­ze kön­nen die Men­schen, die Un­ter­neh­men und die In­sti­tu­tio­nen der Re­gi­on jetzt end­lich den lan­gen Pro­zess der Struk­tur­ent­wick­lung (...) an­ge­hen“, er­klär­te der Ge­schäfts­füh­rer der Wirt­schafts­in­itia­ti­ve Lau­sitz, Klaus Aha, am Frei­tag. Die Un­ter­neh­mens­ver­bän­de Ber­lin-Bran­den­burg und der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund Ber­lin-Bran­den­burg be­ton­ten, nun hät­ten Bür­ger und Un­ter­neh­men Si­cher­heit. Die IHK Cott­bus ver­lang­te, dass Bran­den­burg die ge­plan­ten Struk­tur­pro­jek­te kon­kret um­setzt. Der Be­trei­ber Le­ag kün­dig­te für Sep­tem­ber ein Kon­zept zum ge­re­gel­ten Koh­le­aus­stieg an.

Bran­den­burgs SPD-Land­tags­frak­ti­ons­chef Erik Stohn be­ton­te, zum ge­plan­ten Aus­stieg 2038 ge­hör­ten auch Si­cher­heit der Ener­gie­ver­sor­gung, Ab­si­che­rung von Ar­beits­plät­zen, Ab­fe­dern so­zia­ler Här­ten und neue Per­spek­ti­ven für die Lau­sitz. CDU-Frak­ti­ons­chef Jan Red­mann for­der­te ei­ne zü­gi­ge Um­set­zung der Struk­tur­stär­kung, vor al­lem In­ves­ti­tio­nen in In­fra­struk­tur. Links­frak­ti­ons­che­fin Kath­rin Dan­nen­berg kri­ti­sier­te, die Fi­nan­zie­rung für Fahr­rad­we­ge und Was­ser­ma­nage­ment sei ge­setz­lich ge­stri­chen.

Der Grü­nen-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Cle­mens Ros­tock zeig­te sich ent­täuscht vom Ge­setz zum Koh­le­aus­stieg, ei­ne Er­hö­hung der Aus­bau­zie­le von Öko-Ener­gi­en feh­le. „Auf Lan­des­ebe­ne wol­len wir jetzt un­ver­züg­lich den Braun­koh­len­plan

für den Ta­ge­bau Wel­zow Süd II auf­he­ben.“Die Um­welt­or­ga­ni­sa­ti­on Fri­days for Fu­ture Pots­dam kri­ti­sier­te, der Aus­stieg 2038 sei „viel zu spät“.

Bran­den­burgs Wirt­schafts­mi­nis­ter Jörg St­ein­bach (SPD) hat vor mög­li­chen Eng­päs­sen bei der Ener­gie­ver­sor­gung ge­warnt und zü­gi­ge In­ves­ti­tio­nen in Al­ter­na­ti­ven ge­for­dert. „Schluss­end­lich wer­den die ers­ten Blö­cke in Jänsch­wal­de 2025 in die Si­cher­heits­be­reit­schaft ge­hen“, sag­te St­ein­bach am Frei­tag im RBB-In­fo­ra­dio. Oh­ne dass dort bis da­hin ein Er­satz in­stal­liert sei, ge­be es Pro­gno­sen, die für ganz Deutsch­land von ei­ner Lü­cke zwi­schen Be­darf und An­ge­bot aus­gin­gen. „Hier muss ganz schnell et­was auch in die In­ves­ti­tio­nen rein­ge­hen.“dpa

Fo­to: Patrick Pleul/zb

Schwe­res Ge­rät: Ein Ei­mer­ket­ten­bag­ger steht im Braun­koh­le­ta­ge­bau Jänsch­wal­de (Spree-Nei­ße). Das Braun­koh­le­kraft­werk Jänsch­wal­de soll bis En­de 2028 vom Netz ge­hen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.