In Ge­sich­tern Ge­schich­ten le­sen

Neu­har­den­berg I Ab heu­te ist die Aus­stel­lung zum Bran­den­bur­gi­schen Kunst­preis zu se­hen. In 85 Po­si­tio­nen ent­steht ein Span­nungs­bo­gen zwi­schen Mensch, Na­tur und Abs­trak­ti­on. Von Chris­ti­na Tilmann

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Kultur - Red

Es ist al­les et­was an­ders mit dem Bran­den­bur­gi­schen Kunst­preis in die­sem Jahr. Die Aus­stel­lung in Neu­har­den­berg ist ab heu­te zu be­sich­ti­gen, oh­ne Er­öff­nungs­ze­re­mo­nie, oh­ne Re­den – nur rund drei­ßig Per­so­nen dür­fen gleich­zei­tig in die Aus­stel­lungs­hal­le. Die Preis­ver­lei­hung am 2. Au­gust fin­det dann in ge­schlos­se­nem Rah­men, nur für die Künst­le­rin­nen und Künst­ler, statt. Doch Aus­stel­lung und Park la­den gleich­wohl zum Aus­flug ein – zu­mal die Stif­tung Schloss Neu­har­den­berg am glei­chen Wo­che­n­en­de ihr Som­mer­pro­gramm „Ins Freie“star­tet (s. Ar­ti­kel un­ten).

Wer aber die Aus­stel­lungs­hal­le be­tritt, sieht: Es ist al­les wie im­mer. Nein, viel­leicht so­gar schö­ner. Hell und luf­tig ge­hängt, trotz­dem 85 Künst­ler­per­sön­lich­kei­ten in den Räu­men un­ter­zu­brin­gen wa­ren, und die Fo­to­gra­fie er­neut in das Foy­er des Ver­an­stal­tungs­ge­bäu­des quer über den Hof ver­bannt ist. Auf den ers­ten Blick ist es ein star­ker Auf­tritt für die Skulp­tur, mit viel Fi­gür­li­chem. Da kau­ert sich Hei­ke Ad­ners jun­ge Frau ele­gisch auf ein Po­dest („Schö­ner Mor­gen“). Mi­kos Mei­ni­gers ab­stra­hie­ren­de, an Gi­a­co­met­ti er­in­nern­de Ei­sen­skulp­tu­ren ste­cken ge­ra­de mal den Kopf über die Was­ser­ober­flä­che („Die Men­schen und das Meer“). Ernst Pe­tras’ an ei­ne Dor­nen­kro­ne er­in­nern­de Stahl-Plas­tik be­grüßt den Be­su­cher. Und als Blick­fang thro­nen die stol­zen Frau­en- und Män­ner­tor­si von Kunst­preis­trä­ge­rin Mar­gue­ri­te Blu­me-Cár­de­nas im Raum.

Ein Schiff geht auf Rei­se

Ins­ge­samt gibt es auf­fäl­lig viel Na­tur, nicht nur bei den Fo­to­gra­fi­en von Kunst­preis­trä­ger In­gar Krauss. Viel Was­ser auch, wie es sich für ei­ne Som­mer­aus­stel­lung ge­hört, mit Anett Mün­nichs Ober­flä­chen-Mus­tern („Zwi­schen den Was­sern“), Lutz Boltz’ sur­re­al ver­frem­de­ten Was­ser­trop­fen, Han­ne­lo­re Teutsch schickt in ih­rem „Bei­trag zur deut­schen My­tho­lo­gie“ein Schiff auf die Rei­se, und Hei­ke Cy­bul­ski lässt ei­nen See un­end­lich blau­en. Wei­te­re Schwer­punk­te: Tie­re – fröh­lich tan­zen­de Fer­kel bei Knuth Seim, ein wuch­ti­ger Lö­we aus Pap­pel­holz bei Jörg Engelhardt und Pfer­de im Wald bei Fred Hü­ning. Über­haupt, Wald: auch das ein häu­fi­ges The­ma, et­wa bei Liz Miel­ds-Kra­toch­wils ne­on­leuch­ten­dem Baum aus Ple­xi­glas.

Bran­den­burg macht sei­nem Na­men als Land der Se­en und der wei­ten Ho­ri­zon­te, der Na­tur und auch der ver­las­se­nen Ge­höf­te al­le Eh­re, in­spi­rie­rend für Künst­le­rin­nen und Künst­ler. Die Aus­wahl hält ei­ne gu­te Ba­lan­ce zwi­schen Abs­trak­ti­on und Kon­kre­ti­on, viel zar­te Gra­fik, ne­ben Kunst­preis­trä­ge­rin Doris Kirsch et­wa mit Ar­bei­ten von An­ne Mun­do, Fe­lix Bax­mann, Chris­ti­ne Geisz­ler oder Dietrich Ja­cobs mit sei­nen „Par­ti­tu­ren“aus Draht und Bie­nen­wachs. Und hu­mor­vol­le Set­zun­gen wie Ma­ren Stracks In­stal­la­ti­on „3. Rang rechts, Rei­he 2, Platz 6-8“, die ei­ne Man­do­li­ne zu klap­pern­der Kon­zert­be­stuh­lung auf­spie­len lässt.

Und doch spielt auch die Ge­schich­te mäch­tig hin­ein, mit Kunst­preis­trä­ger Jo­han­nes Hei­sig, der ne­ben sei­nem Por­trät von Vol­ker Braun auch dunk­le Ge­stal­ten mit Deutsch­land­flag­ge auf­mar­schie­ren lässt. Auch An­ge­la Fr­ü­bings zar­te Aqua­rel­le aus Küs­trin er­zäh­len von Zer­stö­rung,

Und El­ke Brä­mers Schwarz­weiß­por­träts äl­te­rer Da­men las­sen Ge­schich­te in Ge­sich­tern le­sen.

Mit die ein­drück­lichs­te Spu­ren­su­che stammt von La­ris­sa Ro­sa Lack­ner, Trä­ge­rin des Nach­wuchs­för­der­prei­ses

Preis­trä­ger 2020 sind Jo­han­nes Hei­sig, Mar­gue­ri­te Blu­me-Cár­de­nas, Doris Kirsch und In­gar Krauss. Der Eh­ren­preis des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten des Lan­des Bran­den­burg geht an Man­fred Butz­mann, der För­der­preis an La­ris­sa Ro­sa Lack­ner. Die Aus­stel­lung ist bis 30. Au­gust je­weils Di bis So von 12 bis 18 Uhr ge­öff­net.

des Mi­nis­te­ri­ums für Wis­sen­schaft und Kul­tur. Sie be­gibt sich in ih­rer Mul­ti­me­dia-In­stal­la­ti­on „Hei­de“auf Spu­ren ei­ner jun­gen Frau, von der sie nur Fo­tos kennt, in die Ucker­mark. Dort hat die­se Hei­de, de­ren schma­les, schö­nes Ge­sicht wir im­mer wie­der se­hen, in ei­ner LPG ge­ar­bei­tet, of­fen­sicht­lich zwangs­ver­setzt in die frem­de Um­ge­bung. Zeit­zeu­gen er­zäh­len, dass sie Ei­gen­bröt­le­rin blieb, Dis­tanz hielt, aber aus Pflan­zen und Fund­stü­cken „schö­ne Din­ge“ge­macht ha­be. Das Rät­sel die­ser Exis­tenz löst sich nicht auf. Doch die Ah­nung ei­nes selbst­be­stimm­ten Le­bens und in­ne­rer Frei­heit ver­mit­telt sich aus den Bruch­stü­cken der Er­in­ne­run­gen.

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