Ist das noch ak­tu­ell? Oder kann das weg?

DDR-Kunst Der zwei­te Teil des Aus­stel­lungs­pro­jek­tes „Al­le in die Kunst“schlägt ei­ne Brü­cke in die Ge­gen­wart.

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Kultur Regional -

Bees­kow. Völ­ker­freund­schaft, So­li­da­ri­tät, Frie­den – die­se Wor­te, die in ih­rer Schwe­re an den ideo­lo­gi­schen Pa­thos der DDR-Zeit er­in­nern, sam­meln sich un­ter dem nüch­ter­nen Über­be­griff Zu­sam­men­le­ben. Hier be­ginnt die zwei­te Aus­stel­lung des Kunst­pro­jekts „Al­le in die Kunst“des Kun­st­ar­chivs in der Ga­le­rie der Burg Bees­kow. Elf Kunst-Lai­en ku­ra­tier­ten in zwei Grup­pen je­weils ei­ne Schau. Der ers­te Teil „Le­ben in ei­nem Land, das es nicht mehr gibt“von Teil­neh­men­den über 60 Jah­ren be­fass­te sich ver­tieft mit den Fa­cet­ten des All­tags in der DDR. Das U60-Team wähl­te ei­nen an­de­ren An­satz: den Be­zug zum Heu­te.

Wel­che Men­schen zäh­len?

Groß­for­ma­ti­ge Ge­mäl­de von Man­fredt Kandt, Her­mann Hen­sel, Ger­hard Füs­ser, Heins-Karl Kum­mer und Man­fred Röß­ler so­wie Schwarz-Weiß-Fo­tos vom Ope­n­air-Kon­zert in Wei­ßen­see 1988 zei­gen Nä­he zwi­schen Men­schen un­ter­schied­li­cher Haut­far­ben und Her­künf­te. Gleich­zei­tig, dar­auf ver­weist auch der In­fo­text, sah die In­te­gra­ti­on aus­län­di­scher Ar­beits­kräf­te da­mals kei­nes­falls so ro­sig aus, wie es die bun­ten Bil­der zei­gen. Wer ge­hör­te zur Ge­sell­schaft, wer und war­um nicht? Und schon sind wir da, in der Ge­gen­wart: „Black li­ves mat­ter“– das Mot­to der jüngs­ten Groß­de­mos in Ber­lin, „Schwar­ze Le­ben zäh­len“– könn­te auch über dem Raum ste­hen. Oder „Si­che­rer Ha­fen“, das Mot­to für die Auf­nah­me Ge­flüch­te­ter aus dem Mit­tel­meer­raum.

„Uns war es von An­fang an sehr wich­tig, dass wir ak­tu­el­le The­men be­den­ken“, er­in­nert sich Lai­en­ku­ra­to­rin und Vi­a­d­ri­na-Stu­den­tin Sas­kia Hel­ler aus Frank­furt an den Wo­chen­end­work­shop im Früh­jahr, wo sie und ih­re Mit­strei­ten­den As­trid Epp aus Ber­lin, Ka­trin Hit­zig­grad aus Je­na, Lars Stren­ge aus Bees­kow, Se­bas­ti­an Böh­me aus Leip­zig und Ant­je Da­nie­low­ski aus Ham­burg aus Zehn­tau­sen­den Kunst­wer­ken Stü­cke aus­su­chen muss­ten. „Nach der ers­ten Sich­tung, die­ser Flut von Ein­drü­cken, ist uns auf­ge­fal­len: Da sind so vie­le ak­tu­el­le The­men da­bei.“

Die Ku­ra­tie­ren­den-Grup­pen ar­bei­ten völ­lig un­ter­schied­lich.

Wäh­rend die Äl­te­ren ge­mein­sam je­des Werk er­ör­ter­ten, stell­ten die Jün­ge­ren ei­nen de­mo­kra­ti­schen Grund­satz auf: Für je­den der vier The­men­räu­me trägt je­der ein Kunst­werk bei. Wer was aus­ge­wählt hat, ist mit In­for­ma­tio­nen zu Künst­ler, Jahr, Ti­tel und Her­kunft ver­merkt. Ei­ne gleich­be­rech­ti­gen­de Ver­ein­ba­rung: „Je­der ein­zel­ne war ver­ant­wort­lich für die Aus­wahl sei­ner Bil­der.“Grö­ße­re De­bat­ten gab es nur bei der Wahl der Ober­be­grif­fe, denn sie such­ten ge­mein­sam mit Pro­jekt­lei­ter und Fo­to­graf Mar­tin Ma­lesch­ka ideo­lo­gie­freie Wor­te der Ge­gen­wart.

Kei­ne der Frau­en sieht glück­lich oder er­füllt aus.

Eben­falls von An­fang an stand das The­ma im drit­ten Raum fest: die Frau in der Ge­sell­schaft. Ei­ne „Kr­an­fah­re­rin“(Sig­hard Gil­le, 1972), „Schwim­me­rin“(Chris­toph Meyer, 1987), Haus­frau (Jost Alex­an­der Braun, 1985), Blü­ten­we­sen (Horst Hus­sel), ver­las­se­ne Al­lein­er­zie­hen­de (Erich Ger­lach, 197576) und Wal­ter Wo­mack­as „Eri­ka St­ein­füh­rer III“(1981) schmü­cken den Raum. Kei­ne sieht glück­lich oder er­füllt aus. Es sind Frau­en, die viel leis­ten müs­sen – im Sport, der Ar­beit, in der Fa­mi­lie. Al­le dar­ge­stellt von männ­li­chen Künst­lern. Was neh­men wir mit, wenn wir heu­te noch im­mer für Gleich­be­rech­ti­gung strei­ten? Die Aus­wahl fragt Be­trach­ten­de, egal wel­chen Ge­schlechts: Wel­che Frau möch­te ich sein?

Un­ter „Land­schaft“tref­fen sich Ta­ge­bau, Pi­pe­lines, Um­welt­ver­schmut­zung und -schutz. Im „Ur­ba­nen Raum“sam­meln sich Bau­stel­len um die Tex­til­ar­beit „Ber­lin, Welt­stadt des Frie­dens“von Cor­ne­lia Jä­ger-Bren­del, die be­reits in der ers­ten Schau zu se­hen war. Was von all dem „soll blei­ben, was kann ver­ge­hen?“fragt der Ein­füh­rungs­text. Ers­te Er­kennt­nis nach die­sem künst­le­ri­schen Re­sü­mee des DDR-Le­bens: al­te The­men, neue Schwer­punk­te. Peg­gy Loh­se

In­fos: „Durch un­se­re Au­gen...“, bis 23. Au­gust auf Burg Bees­kow, diens­tags bis sonn­tags je­weils 10 bis 18 Uhr

Fo­to: Andre­as Hei­ne

An die mit­tel­al­ter­li­che Stadt­mau­er an­ge­baut: die Kleinst­häu­ser in Ky­ritz sind heu­te denk­mal­ge­recht sa­niert.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.