Glück in der kleins­ten Hüt­te

Le­ben im Denk­mal Die Kleinst­häu­ser in Ky­ritz wa­ren lan­ge ein Schand­fleck für die Stadt. Nun sind es be­hag­li­che Fe­ri­en­quar­tie­re ge­wor­den. Von Chris­ti­na Tilmann

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Kultur Regional -

Frü­her muss das hier die Höl­le ge­we­sen sein: Bis zu zehn Per­so­nen leb­ten auf engs­tem Raum, ein of­fe­nes Feu­er, Rauch und zu­gi­ge Räu­me, durch­zie­hen­de Hand­wer­ker, Ta­ge­löh­ner, ar­mes Volk. Bu­den­häu­ser hei­ßen die­se ein­ge­schos­si­gen Mi­ni­häus­chen, die sich mit ih­rer Rück­sei­te an die Stadt­mau­er an­leh­nen, ein­fa­che Fach­werk­bau­wei­se, ein Raum nur, zwi­schen zwan­zig und drei­ßig Qua­drat­me­tern Wohn­flä­che.

Die schma­le kopf­st­ein­ge­pflas­ter­te We­ber­stra­ße war da­mals si­cher nicht die prä­sen­ta­bels­te Ecke von Ky­ritz, auch wenn das Fran­zis­ka­ner­klos­ter ganz um die Ecke lag. Noch in den Acht­zi­gern war das hier eher ei­ne No-GoA­rea, die schma­le Gas­se hieß im Volks­mund „He­xen­gas­se“, als Frau sei man hier nicht gern abends al­lein durch­ge­gan­gen, er­zählt Andre­as Hei­ne, der als ge­lern­ter Gas­tro­nom sei­ner da­ma­li­gen Freun­din in ih­re Hei­mat­stadt folg­te und heu­te als Ho­te­lier die Häu­schen ver­mark­tet. Bis in die Acht­zi­ger sei­en sie noch be­wohnt ge­we­sen, dann aber zu­neh­mend ver­fal­len, am En­de wuch­sen die Bäu­me aus dem Dach.

Heu­te ist das kaum mehr vor­stell­bar: Die frisch sa­nier­ten Häu­schen sind Schmuck­stü­cke ge­wor­den, denk­mal­ge­recht sa­niert vom Witt­s­to­cker Ar­chi­tek­ten­bü­ro Kan­nen­berg & Kan­nen­berg, und da­für 2019 auch mit dem Bran­den­bur­gi­schen Denk­mal­preis aus­ge­zeich­net. Drei Häu­ser wa­ren 2018 fer­tig, drei wei­te­re sind im ver­gan­ge­nen Jahr hin­zu­ge­kom­men. Heu­te wer­den sie als Fe­ri­en­quar­tie­re für In­di­vi­du­al­tou­ris­ten ge­nutzt, ger­ne auch als Un­ter­kunft für Film­teams oder an­de­re Kul­tur­ver­an­stal­ter. „Wir ha­ben vie­le Gäs­te, die aus his­to­ri­schem In­ter­es­se kom­men und we­gen des Denk­mal­werts“, er­zählt Andre­as Hei­ne. Es gä­be so­gar ei­nen Gast, der sich vor­ge­nom­men ha­be, in je­dem Haus ein­mal zu über­nach­ten.

So his­to­risch die Um­ge­bung, so mo­dern ist die Idee. Die Re­duk­ti­on auf das We­sent­li­che, das Los­wer­den von Bal­last, der Rück­zug vor Lu­xus, das folgt ei­nem Trend, der sich in Auf­räum-Rat­ge­bern à la Ma­rie Kon­do und Mi­ni­mal-Ein­rich­tung ma­ni­fes­tiert. Al­les, was man zum Le­ben braucht, und kei­nen Qua­drat­me­ter zu viel – da­mit be­die­nen auch die­se Bu­den­häu­ser

ei­nen welt­wei­ten Trend in Rich­tung Kon­zen­tra­ti­on. Ti­ny Hou­ses, Kleinst­häu­ser, ent­ste­hen in um­ge­bau­ten Schä­fer- oder Wohn­wa­gen, als Wo­chen­end­haus im Grü­nen oder Stu­den­ten­quar­tier auf en­gem Raum. Wo­bei da­bei nicht nur die seit der Fi­nanz­kri­se ab 2007 vor al­lem in den

USA be­gehr­te Mög­lich­keit kos­ten­güns­ti­gen Woh­nens ei­ne Rol­le spielt, son­dern auch die Ent­schei­dung für ein nach­hal­ti­ge­res Woh­nen und Le­ben.

Öko­lo­gisch kor­rekt sind auch die Kleinst­häu­ser in Ky­ritz und grei­fen da­bei auf al­te Bau­tech­ni­ken zu­rück: Die Lehm­wän­de spei­chern Wär­me und Käl­te, neh­men Feuch­tig­keit auf und sor­gen für ein gu­tes Raum­kli­ma, Fuß­bo­den und Wän­de wer­den mit Um­luft­hei­zung wahl­wei­se er­wärmt oder ge­kühlt. Hier war viel prak­ti­scher Ver­stand am Werk: Ein­bau­schrän­ke und Kü­chen­zei­len sor­gen für platz­spa­ren­de Stau­mög­lich­kei­ten und fun­gie­ren gleich­zei­tig als Raum­tei­ler, den Bo­den bil­det po­lier­ter Guß­asphalt, die Bet­ten sind auf die Ga­le­rie im of­fe­nen Dach ver­bannt und per Hüh­ner­lei­ter zu er­rei­chen. Licht­bän­der ober­halb des his­to­ri­schen Mau­er­werks im Klos­ter­for­mat sor­gen für in­di­rek­te Be­leuch­tung, ein Aus­tritt er­mög­licht den Blick in den Ge­mein­schafts­gar­ten hin­ter den Häu­sern, wo man in ei­nem Schup­pen das Fahr­rad oder grö­ße­re Ge­päck­stü­cke un­ter­stel­len kann – so viel Stau­raum ist dann doch nicht. Nur für das Pro­blem, dass neu­gie­ri­ge Pas­san­ten stän­dig zum eben­er­di­gen Fens­ter hin­ein­se­hen, hat Andre­as Hei­ne noch kei­ne Lö­sung ge­fun­den. Vor den Bli­cken kann man sich im Ein­raum-Woh­nen schlecht ver­ber­gen.

Der welt­wei­te Trend geht zur Re­duk­ti­on.

In­fos:

www.land­ho­tel-hei­ne.de

Fo­to: Andre­as Hei­ne

Platz­spa­ren an­ge­sagt: Mit 23 Qua­drat­me­tern bie­tet das Kleins­te der Häu­ser Wohn­lich­keit für zwei Per­so­nen.

Fo­to: Peg­gy Loh­se/(c) VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Aus­schnitt aus Nor­bert Wa­gen­bretts „Bau­ar­bei­ter und Bau­ar­bei­te­rin“(1984).

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