Erk­ner zwi­schen Krieg und Frie­den

Kriegs­en­de vor 75 Jah­ren Stra­te­gen woll­ten die Stadt zwi­schen Dä­me­ritz- und Fla­ken­see zu ei­ner der letz­ten Bas­tio­nen vor Ber­lin ma­chen. Ge­plant war ein Häu­ser­kampf, aus­ge­führt von über 100 Wi­der­stands­nes­tern. Es kam an­ders.

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Märkisches Echo -

Kurz nach der Ka­pi­tu­la­ti­on dau­ern auch im Som­mer 1945 in Erk­ner und vie­len Or­ten Deutsch­lands noch die Kriegs­wir­ren an. Ein be­herr­schen­des The­ma wa­ren die Flücht­lin­ge. Zu den vie­len aus­ge­bomb­ten Ber­li­nern, die un­ter­ge­bracht wer­den muss­ten, ka­men nun täg­lich Hun­der­te von Men­schen aus dem Os­ten. Auch sie muss­ten ir­gend­wo über­nach­ten. Da­zu wur­den Be­woh­ner gan­zer Stra­ßen­zü­ge Erk­ners aus­quar­tiert, um Platz für so­wje­ti­sche Of­fi­zie­re zu schaf­fen.

Orts­kom­man­dant Mich­ail Sa­nin kon­trol­lier­te und or­ga­ni­sier­te seit April zu­sam­men mit ei­ner kom­mis­sa­risch ein­ge­setz­ten Ver­wal­tung das zi­vi­le Le­ben in Erk­ner. Er hat­te al­le männ­li­chen Ein­woh­ner ab 14 Jah­re und vie­le Frau­en zu täg­li­cher Ar­beit ver­pflich­tet. Um­ge­setzt wur­de die­ser Be­fehl von ei­nem Ar­beits­amt, das in ei­ner Ba­ra­cke im Rat­haus­park un­ter­ge­bracht war. Dort er­hielt man die Ar­beits­kar­te, auf der ge­leis­te­te Ar­beit at­tes­tiert wur­de. Und dies war wie­der­um Vor­aus­set­zung für den Emp­fang ei­ner Le­bens­mit­tel­kar­te. Die Schu­len wa­ren von April bis En­de Sep­tem­ber ge­schlos­sen. Die Be­völ­ke­rung hat­te Mü­he, Es­sen fürs täg­li­che Über­le­ben auf­zu­trei­ben. Die Zeit des Or­ga­ni­sie­rens ging wei­ter. Le­bens­mit­tel wur­den er­tauscht, für hor­ren­de Prei­se ge­kauft, er­hams­tert oder, wenn nö­tig und mög­lich, sti­bitzt.

Letz­te Kriegs­ta­ge – Aus­stel­lung

Zum 75. Jah­res­tag des Kriegs­en­des hat­te die Stadt Erk­ner zwei Ver­an­stal­tun­gen ge­plant. Gleich­zei­tig hät­te in die­sen Ta­gen auch ei­ne kom­pak­te Aus­stel­lung an die Er­eig­nis­se der letz­ten Ta­ge des Zwei­ten Welt­krie­ges in Erk­ner er­in­nern sol­len. Die zehn­köp­fi­ge Ar­beits­grup­pe Stadt­ge­schich­te und Orts­chro­nist Frank Retzlaff hat­ten die­se Zeit schon aus An­lass des 70. Ju­bi­lä­ums des Welt­kriegs­en­des mit­tels un­zäh­li­ger Zeit­zeu­gen­be­rich­te er­forscht und an­schau­lich dar­ge­stellt. Dass die Aus­stel­lung ge­zeigt wird, ver­hin­der­te die Co­ro­na-Kri­se. Wie der Schritt von den von letz­ten Kriegs- zu den ers­ten Frie­dens­wo­chen ver­lief, hat Frank Retzlaff für die MOZ zu­sam­men­ge­fasst. Heu­te: Teil zwei.

Am 19. April 1945 wur­den beim letz­ten Bom­ben­an­griff auf Erk­ner acht Häu­ser mit elf Woh­nun­gen zer­stört. Seit die­sem Tag wa­ren die so­wje­ti­schen Trup­pen so schnell vor­wärts ge­kom­men, so dass ihr Er­schei­nen vor Erk­ner un­mit­tel­bar be­vor­stand. Die Stadt hät­te we­gen ih­rer La­ge am Über­gang durch die Se­en­ket­te von der Dah­me bis zum Sti­en­itz­see ei­ne wich­ti­ge Rol­le in der Ver­tei­di­gung spie­len sol­len. Ge­plant war, den Eng­pass zwi­schen Dä­me­rit­zund Fla­ken­see mit der Spren­gung der Fla­ken­fließ­brü­cken ab­zu­rie­geln. Durch rund 100 ge­plan­te Wi­der­stands- und MG-Nes­ter, vor al­lem in den Rui­nen in Erk­ners Zen­trum, soll­ten die so­wje­ti­schen Pan­zer in die­ser Sack­gas­se ge­bun­den wer­den. Kon­zen­trier­ter Ar­til­le­rie­be­schuss hät­te dann – oh­ne Rück­sicht auf Be­woh­ner

oder Ge­bäu­de – auf den Pan­zer­stau schie­ßen und die Flie­ßque­rung ver­hin­dern sol­len.

Haupt­mann A. Bau­mert hat­te den Ab­wehr­kampf in den Rui­nen Erk­ners lei­ten sol­len. Wie im ers­ten Teil der Do­ku­men­ta­ti­on ge­schil­dert, gibt es star­ke In­di­zi­en da­für, dass er mit ei­ner Grup­pe maß­geb­lich da­zu bei­trug, das sinn­lo­se Ge­fecht zu ver­hin­dern, um Men­schen­le­ben zu ver­scho­nen. Die Spren­gung von Brü­cken konn­ten Bau­mert und sein Mit­strei­ter nicht ver­hin­dern. Am 21. April 1945 soll in Erk­ner um 6.30

Uhr mit dem Stichwort „Kol­berg“die Spreng­be­reit­schaft an den Brü­cken aus­ge­löst wor­den sein.

Brü­cken wer­den ge­sprengt

Im Lau­fe des Vor­mit­tags wur­den in Erk­ner der Fla­ken­steg, die Löck­nitz­brü­cke und die Stra­ßen­brü­cke übers Fla­ken­fließ ge­sprengt. Die Ei­sen­bahn­brü­cke wur­de le­dig­lich be­schä­digt. Doch vor­her zo­gen noch an die­sem Tag, dem 21. April, Flücht­lings­strö­me und Mi­li­tär­kon­vois durch den Ort. Selbst letz­te­re sol­len meist in ei­nem er­bärm­li­chen Zu­stand ge­we­sen sein, wie Zeit­zeu­gen aus Fried­richs­ha­gen be­rich­te­ten. Dar­un­ter wa­ren wohl auch Ein­hei­ten, die ei­gent­lich in Erk­ner auf­ge­fan­gen und ein­ge­setzt wer­den soll­ten. Doch da­zu kam es nicht. Auch der Ein­satz von Ber­li­ner Volks­sturm­leu­ten wur­de ver­hin­dert. Der lo­ka­le Volks­sturm, be­ste­hend aus je ei­ner Kom­pa­nie aus Erk­ner, Wol­ters­dorf und Sie­vers­la­ke (Spree­au) war schon nach Hau­se ge­gan­gen. Waf­fen und Mu­ni­ti­on ent­waff­ne­ter Kräf­te wur­den in ei­nem Bun­ker an der heu­ti­gen Thäl­mann-/ Ecke Karl-Tietz-Stra­ße ge­sam­melt. Man­cher­orts in der Um­ge­bung von Erk­ner kam es al­ler­dings trotz­dem zu dra­ma­ti­schen Ab­wehr­kämp­fen, an de­nen un­ter an­de­rem An­ge­hö­ri­ge der Waf­fen-SS be­tei­ligt wa­ren.

Sie­ger er­rei­chen Erk­ner

Am 21. April er­schie­nen ge­gen 11 Uhr die „ers­ten Rus­sen“in Erk­ner. Der spä­te­re kom­mis­sa­ri­sche Bür­ger­meis­ter Wil­helm Krä­ge­nau be­rich­te­te 1965 über die­sen Tag: „Am 21. April 1945 um die elf­te St­un­de hör­ten wir von Ho­hen­bin­de das star­ke Ket­ten­ge­räusch von her­an­na­hen­den Pan­zern. Un­se­re Be­frei­er wa­ren da. Kurz vor Ein­gang des Wal­des zum Kur­park hielt die Pan­zer­spit­ze. Für uns war die Zeit ge­kom­men. Vor­aus­se­hend schwenk­ten wir in 20 Me­ter Ent­fer­nung den mit ei­nem Stock be­fes­tig­ten wei­ßen Kopf­kis­sen­be­zug als Fah­ne be­nut­zend. So­fort sprang ei­ne Pan­zer­be­sat­zung ab.“

„Ob dies wirk­lich so pro­blem­los ab­lief, lässt sich nicht mehr prü­fen“, schrei­ben Frank Retzlaff und die Ar­beits­grup­pe Stadt­ge­schich­te zur Schil­de­rung des Bür­ger­meis­ters. Trotz der fast kampf­lo­sen Be­set­zung Erk­ners durch die Ro­te Ar­mee wur­den nach die­sen letz­ten Kriegs­ta­gen 110 To­te ge­zählt. Vie­le von ih­nen ka­men durch Sui­zid, aber auch in­fol­ge klei­ne­rer Ge­fech­te oder will­kür­li­cher Über­grif­fe zu To­de. Ab dem 2. Mai schwie­gen die Waf­fen in Ber­lin. Noch dau­er­te es bis zum end­gül­ti­gen En­de des Krie­ges und der NS-Dik­ta­tur mit der Ka­pi­tu­la­ti­on in der Nacht vom 8. zum 9. Mai über zwei Wo­chen.

Fo­tos (4): Stadt­ar­chiv Erk­ner

Be­reit zur Ver­tei­di­gung: Ei­ne Char­lot­ten­bur­ger Volks­stur­mein­heit wur­de am 21. April bei Erk­ner auf­ge­rie­ben. Die Auf­nah­me zeigt un­be­kann­te An­ge­hö­ri­ge des Volks­sturms im Früh­jahr 1945.

Ge­sprengt von der deut­schen Ver­tei­di­gung: Nach sei­ner Zer­stö­rung am 21. April 1945 lag der Fla­ken­steg im Was­ser, so wie hier auf dem Fo­to zu se­hen. Die Auf­nah­me wur­de al­ler­dings erst beim Wie­der­auf­bau 1946 ge­macht. Links im Was­ser ist ein Ge­rüst zu se­hen.

Durch Bom­ben zer­stör­tes Erk­ner: Fried­rich­stra­ße 50-54, Ecke Hüb­ner-, heu­te Fürs­ten­wal­der Stra­ße. Die Häu­ser links im Bild sind heu­te noch er­hal­ten, sie ge­hö­ren den Fa­mi­li­en Rösch­ke und Rin­tisch.

Fo­to: Kers­tin Ewald

Erk­ner 75 Jah­re spä­ter: Ein ähn­li­cher, aber kür­ze­rer Ab­schnitt der Fried­rich­stra­ße. Blick nach Nor­den hin zu den Fa­mi­li­en­häu­sern Rösch­ke und Rin­tisch.

So­wje­ti­scher Orts­kom­man­dant im Som­mer nach Kriegs­en­de: Mich­ail N. Sa­nin

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