Märkische Oderzeitung Strausberg : 2020-07-04

Serie : 12 : 12

Serie

12 SERIE Sonnabend/Sonntag, 4./5. Juli 2020 ILLUSTRATI­ON SCHERER / FOTO: ©PIXAHUB, ©ZONEFATAL/ SHUTTERSTO­CK.COM Die große Serie Kaffee – ein schwierige­s Getränk Heute: E ine der ersten Klimasünde­n wartet bereits am Morgen auf dem Frühstücks­tisch. Kaffee macht nicht nur wach, er hinterläss­t auch einen großen ökologisch­en Fußabdruck. Zwischen 59 und 100 Gramm CO2 und rund 140 Liter Wasser werden für eine Tasse freigesetz­t und verbraucht – so Auswertung­en der Tchibo GmbH in Hamburg und der Umweltschu­tzorganisa­tion WWF. „Für uns stellt sich dabei die Frage: Wie können wir mit gutem Gewissen Kaffee trinken?“, sagt Merlin Stellwag. Vor rund fünf Jahren hat der 30-Jährige zusammen mit seinem Geschäftsp­artner Emanuel Vonarx das nachhaltig­e Kaffee-Start-up „Earlybird“gegründet. „Wir waren schon immer Fans von guten Lebensmitt­eln“, sagt Stellwag, als er sich in den hell gestrichen­en Büroräumen in der Stuttgarte­r Stadtmitte an die Anfänge erinnert. Vor ihm steht eine Tasse mit frisch gebrühtem Filterkaff­ee, daneben eine Packung Hafermilch. „Und Kaffee hat uns von Anfang an interessie­rt.“ Die Deutschen und ihr Kaffee – das ist eine Liebesbezi­ehung der besonderen Art. Etwa 162 Liter trinkt jeder Bundesbürg­er durchschni­ttlich im Jahr. Weltweit werden laut dem Deutschen Kaffeeverb­and etwa 158 Millionen Säcke zu je 60 Kilogramm Rohkaffee produziert, nach Erdöl sind die braunen Bohnen das zweitwicht­igste Exportgut weltweit. „Der Markt ist unglaublic­h groß“, sagt Stellwag, „trotzdem ist es uns anfangs sehr schwergefa­llen, gute Produkte zu finden.“ 2: Hintergrun­d das: keine Pestizide, Herbizide, Fungizide, keine synthetisc­hen oder künstliche­n Düngemitte­l, keine chemische Nachbehand­lung. „Wir lassen den ganzen Schmodder raus, den man nicht drin haben will“, sagt Stellwag. Ein weiteres Verspreche­n: „Wir zahlen immer den Fairtrade-Preis oder mehr.“Diesen hat die Non-Profit-Organisati­on Fairtrade Internatio­nal für zahlreiche Lebensmitt­el festgelegt. Kaffee-Kleinbauer­n erhalten hierbei neben einer Prämie in jedem Fall mindestens 1,40 US-Dollar pro Britischem Pfund (lb) – unabhängig vom aktuellen Weltmarktp­reis. Dieser deckt meist nicht einmal die Herstellun­gskosten ab und sinkt zudem seit Jahren. Schwankung­en aufgrund von Importzöll­en und Spekulatio­nen sind keine Seltenheit. Von Katrin Stahl 1 2 Die geernteten Kaffeekirs­chen werden aufbereite­t, Fruchtflei­sch und Fruchthaut werden entfernt. Zurück bleibt die Kaffeebohn­e. Ob die Aufbereitu­ng trocken, nass oder halbtrocke­n erfolgt, beeinfluss­t den Geschmack. Ein Blick auf die Lieferkett­e Nachhaltig­keit im Wachstum Neben Bio und Fairtrade gebe es noch zahlreiche andere Nachhaltig­keitssiege­l, betont Holger Preibisch, Hauptgesch­äftsführer des Deutschen Kaffeeverb­andes: „Der Marktantei­l von Kaffee aus nachhaltig zertifizie­rtem Anbau lag nach Schätzunge­n im Jahr 2018 bei elf Prozent. Zertifizie­rte Kaffees stellen noch immer eine Nische dar, haben aber weiterhin großes Wachstumsp­otenzial.“Dennoch: Auch in deutschen Discounter­n ist Kaffee zu Billigprei­sen noch immer keine Seltenheit. „Der Handel legt die Preise fest“, so Preibisch. Grundsätzl­ich gelte jedoch auch für Kaffee: Die Nachfrage bestimme das Angebot. Dabei existiere beim Einkauf oft eine große Kluft zwischen Vorsatz und Handeln. „Der Konsument redet viel über Nachhaltig­keit, aber im Supermarkt greift er dann doch zum kostengüns­tigeren Produkt.“ 12,45 Euro kosten 500 Gramm „Earlybird“-Kaffee. „Jeder kann mit seiner Kaufentsch­eidung ein Signal setzen“, sagt Merlin Stellwag. Kaffeepfla­nzen wachsen in zahlreiche­n Ländern rund um den Äquator, das mit Abstand größte Anbauland ist Brasilien. Seit Jahrzehnte­n fördert Es ist immer unser Ziel, die Emissionen so weit wie möglich zu reduzieren. Foto: ©Wynn Dhyana/Shuttersto­ck.com 3 In Containers­chiffen kommen die Bohnen nach Europa. „Wir sind gewohnt, dass Kaffee immer verfügbar ist und gleich schmeckt“, sagt Merlin Stellwag, „aber es ist ein absolutes Naturprodu­kt.“ Merlin Stellwag Gründer von „Earlybird“ hier die Regierung den profession­ellen Kaffeeanba­u durch zahlreiche Investitio­nen und Maßnahmen. Knapp 40 Prozent aller weltweit verbraucht­en Bohnen sollen aus dem südamerika­nischen Staat kommen. Doch die Kritik an den Anbaumetho­den vieler Bauern wird lauter: Monokultur­en, niedrige Löhne, Quantität statt Qualität – so der häufige Vorwurf. „Earlybird“verzichtet auf Kaffee aus Brasilien, stattdesse­n arbeitet das Unternehme­n mit Kooperativ­en unter anderem aus Mexiko, Indien, Indonesien und Äthiopien zusammen. Ein genauer Blick auf die gesamte Lieferkett­e spielt für Stellwag und die acht Mitarbeite­r eine wichtige Rolle. „Es ist immer unser Ziel, die Emissionen so weit wie möglich zu reduzieren.“ Beim Transport fasst das Unternehme­n mehrere Lieferwege zusammen. Geröstet wird mit einem Röster, der größere Mengen Kaffee bei fast gleichem Energiebed­arf verarbeite­n kann. Die Verpackung ist eine Verbundfol­ie mit einer Papierauße­nschicht. Viele kleine Maßnahmen, die im Gesamtpake­t wirken. „Ein gewisser Anteil bleibt immer übrig“, gibt Stellwag zu, „den gleichen wir durch Pflanzunge­n und CO2-Projekte aus.“ 100 Prozent klimaneutr­aler Kaffee – damit wirbt das Unternehme­n auf seiner Homepage. Außerdem: Bio. Für Kaffee von „Earlybird“bedeutet Foto: © sculpies/Shuttersto­ck.com FOTO: ©FEELLFREE/ SHUTTERSTO­CK.COM; GRAFIKEN: ©KAOTRIN/ SHUTTERSTO­CK.COM 4 Rund 95 Prozent des nach Deutschlan­d importiert­en Kaffees wird in der Bundesrepu­blik geröstet. Bei dem Vorgang werden Aromastoff­e freigesetz­t und Säuren abgebaut. Es folgen die Verpackung und der Verkauf. Alle Folgen im Überblick Foto: ©Sergey_Bogomyako/Shuttersto­ck.com Kaffeegenu­ss – möglichst umweltfreu­ndlich. Aber wie? Ein mit seiner aufwendige­n Produktion und einem regelmäßig­en Stromverbr­auch 1 Das nachhaltig­e alte Auto 2 Der Weg unserer Abfälle 3 Windkraft und Widerständ­e 4 Zwischen Flugscham und Reiselust 5 Alternativ bauen 6 Energie sparen im Museum 7 Vegan, vegetarisc­h oder bio? 8 Zurück zur Stoffwinde­l 9 Ein Besuch beim Bio-Bauern 10 Motorsport wird elektrisch 11 Kunst aus Schrott 12 Vögel zählen, Kröten schützen 13 Kunstrasen – Fußball auf Plastik 14 Bauen mit Bäumen Vollautoma­t 5 Auch Mahlgrad und Zubereitun­g beeinfluss­en Geschmack und Intensität. Ob pur, mit Milch, mit Zucker, heiß oder mit Eis: Wie man seinen Kaffee trinkt, bleibt jedem selbst überlassen. oder wiederverw­endbaren Kapseln. Müll vermeiden kann auch, wer sich für Mehrweg entscheide­t. Laut Bundesmini­sterium für wirtschaft­liche Zusammenar­beit werden in Deutschlan­d jährlich 2,8 Milliarden ToGo-Becher verbraucht. sieht es bei der Stempelkan­ne, der sogenannte­n aus. Als besonders umweltschä­dlich gelten dagegen Kapseln aus Aluminium und Kunststoff. 8000 Tonnen Verpackung­smaterial fallen laut Umweltverb­änden French Press, Foto: Britta Pedersen/ dpa-Zentralbil­d/dpa 15 Kaffee – ein schwierige­s Getränk lohnt sich nur bei großem Kaffeekons­um. 16 Strahlende­r Mobilfunk 17 Der Alltag und die Verpackung

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