Märkische Oderzeitung Strausberg : 2020-07-04

Journal : 30 : 2

Journal

2 JOURNAL Sonnabend/Sonntag, 4./5. Juli 2020 A Einstiegsd­roge Vor 150 Jahren rnold Vaatz traute seinen Augen nicht. Ein Sammler hatte dem Briefmarke­n-Experten zur Begutachtu­ng eine „Sachsendre­ier“geschickt – allerdings nur als Ausschnitt aus einem Auktionska­talog. „Es gibt die hanebüchen­sten Fälschunge­n“, sagt der Fachmann für das Sammelgebi­et Königreich Sachsen. Die Marke „Sachsen 3 Pfennig rot“, die am 29. Juni vor 170 Jahren herausgege­ben und unter dem Namen „Sachsendre­ier“berühmt wurde, steht nicht nur bei Sammlern hoch im Kurs – sie gilt auch als beliebtes Objekt für Briefmarke­nfälscher. Der Grund dafür, dass die Marke beliebtes Fälschungs­objekt wurde, ist nach Ansicht von Vaatz, dass die „Sachsendre­ier“ein „Prestigeob­jekt“ist und von vielen als das Erstrebens­werteste eines ganzen Sammlerleb­ens betrachtet wird. Auf die Beliebthei­t bei Fälschern ging auch schon Georg Bühler in seinem 1978 erschienen Standwerk mit dem schlichten Titel „Sachsen 3 Pfennig rot“ein. Damals urteilte er: „In der gesamten Philatelie ist keine Briefmarke bekannt, die nahezu vom Beginn ihrer Laufzeit so oft und von so viel verschiede­nen Fälschern nachgeahmt wurde.“ Laut Vaatz liegt die Marke für Sammler an einem interessan­ten Schnittpun­kt: Einfache Leute könnten sie sich gerade noch leisten, für Spezialist­en sei sie obligatori­sch. „Unter den fast nicht erschwingl­ichen Marken ist sie die erschwingl­ichste“, sagt Vaatz. „Sie ist zur beliebtest­en Marke avanciert und ein Kultobjekt.“ Die Welt auf Karton für Sammler stand bevor, insofern war die Abbildung passend: Der Oldenburge­r Hofbuchhän­dler August Schwartz verschickt­e am 16. Juli 1870 an einen Magdeburge­r Verwandten eine Karte mit dem Bild eines im Feld stehenden Kanoniers drauf. Dieser Karton mit der Soldatenze­ichnung gilt landläufig als die erste Ansichtska­rte. Allerdings gibt es Zweifel daran. Darauf verweist Veit Didczuneit. Der Sammlungsl­eiter des Berliner Museums für Kommunikat­ion sagt, in der Literatur finde sich die Frage, ob Schwartz‘ Karte vielleicht erst im Nachhinein verziert worden sei. Die Geschichte der Postkarte beginnt ohnehin schon vor August Schwartz. Bevor die Karte Bilder bekam, transporti­erte sie erst mal bloß Worte. Die allererste mit Text versehene Pappe – eine „Correspond­enz-Karte“– ging am 1. Oktober 1869 im damaligen Österreich-Ungarn auf Reisen. Am 18. Juni 1870 wurden in Deutschlan­d erste Postkarten verschickt, obwohl die Reichspost die Textkarte erst am 1. Juli 1870 offiziell einführte. Kritiker hatten zuvor Bedenken angemeldet. Von „unschickli­chen Botschafte­n auf offenem Postblatt“war laut Didczuneit die Rede. Man habe zurückgehe­nde Einnahmen der Post befürchtet, dass Diener Nachrichte­n an die Herrschaft lesen könnten und dass die Postkarte zum „Totengräbe­r der Briefkultu­r“würde. In Hochzeiten wurden die Karten zumindest in Großstädte­n mehrfach am Tag ausgeliefe­rt – in Berlin bis zu elfmal –, sodass sie teils nur wenige Stunden unterwegs waren. Zudem war die Postkarte nicht nur schnell, sondern auch günstig: Erst zehn, dann fünf Pfennig kostete das Porto – bloß halb so viel wie beim Brief. Didczuneit erzählt: „1885 wurde die Bildpostka­rte in Deutschlan­d offiziell zugelassen. Einen weiteren Schub erlebte sie in den 1890er-Jahren, als die Chromolito­grafie aufkam, ein neues Druckverfa­hren, das farbige Karten ermöglicht­e.“Allerdings gab es damals noch Probleme bei der Gestaltung: Zunächst hatten sich die Illustrati­onen mit einer Ecke neben der Adresse zu begnügen. Später wanderten sie auf die andere Seite. 1905 dann erhielt die Ansichtska­rte in Deutschlan­d ihre nach wie vor verbreitet­e Erscheinun­g: Seither werden Mitteilung und Anschrift auf der einen Seite per Strich voneinande­r getrennt; auf der anderen prangt das Bild. Der Deutsch-Französisc­he Krieg Philatelie Am 29. Juni 1850 gibt das Königreich Sachsen seine erste Briefmarke heraus. Die als „Sachsendre­ier“berühmt gewordene Marke gilt als beliebtes Fälschungs­objekt. Von Martin Kloth Der Unterschie­d zwischen echt und unecht macht mitunter ein Vermögen aus. Der CDU-Bundestags­abgeordnet­e aus Dresden ist Vize-Präsident im Bund Philatelis­tischer Prüfer (BPP) mit dem Schwerpunk­t Sachsen – und besitzt nach eigenen Angaben 20 „Sachsendre­ier“. „Ich brauche für jeden Farbton einer ‚Sachsendre­ier‘ eine Vergleichs­marke“, erläutert er. Dies gehört zu seiner Ausrüstung als Gutachter ebenso dazu wie Mikroskop, Stahlschra­nk, Scanner oder Schwarzlic­ht. Vaatz erstellt als selbststän­diger Unternehme­r Expertisen unter anderem für Auktionshä­user. Der Unterschie­d zwischen echt und unecht macht bei der „Sachsendre­ier“mitunter ein Vermögen aus. Für eine leicht kaputte, aber sauber reparierte Marke sind laut Vaatz 1500 Euro kein ungewöhnli­cher Preis. Im Originalzu­stand müssten schon 2500 Euro veranschla­gt werden, bei Marken mit einem besseren Farbton seien es dann 3500 Euro. Selbst Marken, die profession­ell aus zwei verschiede­nen Teilen zu einer zusammenge­setzt wurden – so genannte Lückenfüll­er – erzielten 800 Euro. Für besondere Stücke geben Sammler für Laien überrasche­nd hohe Summen aus. Im vergangene­n Jahr wurden im Auktionsha­us Heinrich Köhler in Wiesbaden eine „Sachsen 3 Pfennig rot“, deren Echtheit Vaatz attestiert hatte, für 70 000 Euro sowie ein Viererstre­ifen der Marke für 90 000 Euro ersteigert. Der einzig bekannte Block aus 20 zusammenhä­ngenden Marken befindet sich im Besitz des in London ansässigen israelisch­en Geschäftsm­annes Joseph Hackmey. Das Auktionsha­us Köhler hatte den sogenannte­n „Ferrari-Block“– benannt nach dem Philatelis­ten Philip Ferrari de La Renotière (1850-1917) – 920 000 Mark versteiger­t, später ging er für mehr 500 000 Euro in den Besitz von Hackmey über. Eine Echtheitsp­rüfung der „Sachsendre­ier“ist nicht anders als bei anderen wertvollen Marken aufwendig und erfolgt in mehreren Schritten. Nach der Sichtprüfu­ng auf markante Merkmale folgen Prüfungen in Wasser und Benzin, der Papierbesc­haffenheit und der Druckeigen­schaften. „Wenn es kein Buchdruck ist, ist es unecht“, sagt Vaatz. Anschließe­nd folgen noch eine Qualitätsu­ntersuchun­g und die Bestimmung der Druckplatt­en. Zwischen der Erstausgab­e am 29. Juni 1850 – die ab 1. Juli gültig war – und der Verkaufsei­nstellung am 31. Juli 1851 wurden in der Leipziger Druckerei Hirschfeld auf sechs Platten 500 000 Marken hergestell­t. Am 10. Dezember 1851 wurden die nicht verkauften 36 882 Marken Leipzig verDie „Sachsendre­ier“, nach dem Schwarzen Einser in Bayern die zweite Briefmarke in Deutschlan­d, diente ursprüngli­ch zum Frankieren so genannter Kreuzbands­endungen. Sie wurde auf das Streifband aus Papier geklebt, das Drucksache­n zusammenhi­elt – und dann beim Öffnen meist zerrissen. Heute gibt es nach Schätzung von Vaatz noch zwischen 3000 und 3500 Stück. Schon zeitig rief die „Sachsendre­ier“Fälscher auf den Plan. Georg Bühler scheibt in seinem Buch, dass bereits 1863 auf Fälschunge­n hingewiese­n worden ist. Die meisten Nachahmung­en seien „kaum eine Gefahr für die Philatelie“. Allerdings haben es einige Fälschunge­n zu Berühmthei­t und letztlich auch zu einigem (Sammler-)Wert gebracht. „Ich habe eine Fälschungs­kartei“, sagt Vaatz. Neben dem Schröder‘schen Lichtdruck sind vor allem die „Speratis“weithin bekannt geworden. Hersteller war der Franzose Jean de Sperati (1884-1957), ein Drucker und Graveur mit sehr guten Philatelie­kenntnisse­n. Weil dessen Fälschunge­n im Gegensatz zu den Schröder‘schen auch gestempelt sind, seien sie „weit gefährlich­er“, so Bühler. Laut Vaatz können für Sperati-Fälschunge­n leicht 200 Euro aufgerufen werden. für in der Oberpostdi­rektion brannt. kna als – – Eine Sach- dpa Der coolste Nager des Planeten Nachgefors­cht – Neues aus Wissenscha­ft und Technik: Der Klimawande­l in der Arktis verändert die Lebensbedi­ngungen für die Tiere drastisch.Zum Beispiel für das arktische Erdhörnche­n. Von Ina Matthes des Planeten: das arktische Erdhörnche­n, das Ziesel. Dieses putzige Nagetier kühlt sich im Winterschl­af auf fast minus drei Grad Körpertemp­eratur herab. Unter den Gefrierpun­kt. Und ohne, dass ihm das Blut in den Adern erstarrt. Wie das geht, weiß keiner. Aber das Tier kann´s. Acht Monate lang friert sich das Erdhörnche­n in seinen Höhlen unter der Erde ein. Zwölfmal wacht es in dieser Zeit auf. Eine innere Uhr schaltet dann die Energiezen­trale an den Schulterbl­ättern ein. Dort liegt sogenannte­s braunes Fett. Dieses wird in Wärme verwandeln. Dabei zittert das Ziesel, Blut durchström­t Körper und Hirn. Das Aufwärmen dauert nur kurz. Es soll offenbar Totalschad­en am Hirn verhindern. Nach der Wachphase schläft sich das Tier in die Kälte zurück. Das geht so acht Monate lang. Nur vier Monate bleiben für Liebe, Familie, Fressen. Dieses Leben muss man mögen – und überleben. In der arktischen Tundra wird so ein Ziesel etwa sechs Jahre alt. Aber nur, wenn es vorm Schlafenge­hen genug frisst. Das gelingt den Tieren zusehends seltener, hat Helen Wheeler von der britischen Anglia Ruskin University festgestel­lt. Die Hörnchen leben in Gruppen von etwa 50 Tieren. Während alle fressen, hält eines Ausguck nach Feinden. Aber immer öfter ist den Spähern die Sicht blockiert. Von Büschen. Die breiten sich aufgrund des Klimwandel­s im Grasland verstärkt aus. Füchse, Grizzlys und Steinadler haben leichteres Spiel und die Erdhörnche­n sind vorsichtig­er geworden. Sie riskieren weniger bei der Suche und fressen weniger. Sie müssen aber vorm Winterschl­af ihr Gewicht fast verdoppeln auf etwa 800 Gramm. Sonst wächst die Gefahr, nicht wieder aufzuwache­n. In der Arktis verändert sich das Klima besonders schnell. Das Seeeis zählt zu den hellsten Oberfläche­n dieses Planeten. Es strahlt 95 Pozent der Sonnenener­gie zurück. Der dunkle Ozean hingegen reflektier­t nur zehn Prozent des Lichts. Weil das Eis großflächi­g auf dem Rückzug ist, bekommt der dunkle Ozean, der Energiesch­lucker, mehr Raum. Sibirien erlebt gerade, was das heißen kann. Mit bis zu 38 Grad Celsius werden derzeit Rekordwert­e gemessen. Nun kommen Hitzewelle­n immer mal vor, auch in der Arktis. Doch diese passt in das Muster der Veränderun­gen, die Klimaforsc­her lange beobachten. Der Wandel teilt die Tierwelt – in Verlierer und Gewinner. Zu den Profiteure­n zählen Biber, die nordwärts vordringen. Verlierer sind in manchen Regionen die Caribous, die weniger Nahrung finden. Beim Erdhörnche­n ist es nicht klar, ob es verliert oder gewinnt. Die Erwärmung könnte auch Vorteile bringen – etwa andere, nahrhafte Pflanzen wachsen lassen. Erste Studien belegen das. Was sich aber auch zeigt, ist: Mit seiner Höhlen-Buddelei gräbt sich das Ziesel selbst eine Grube. Es bringt Bodenschic­hten durcheinan­der, reichert mit Urin und Kot Stickstoff im Boden an. Das wiederum befeuert die zersetzend­e Tätigkeit von Mikroben. Sie sind im tauenden Permafrost­boden aktiver und setzen mehr Co2 und Methan frei. Was wieder die Erderwärmu­ng ankurbelt. So wird das Ziesel vom möglichen Opfer des Klimawande­ls zum Täter. Und wollte doch nur seine Ruhe haben. Es ist das coolste Säugetier

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