Das Schlupf­loch

Da Ga­le­ri­en zum Ein­zel­han­del zäh­len, dür­fen sie trotz Kul­tur-lock­down vor Pu­bli­kum aus­stel­len – doch nicht al­le Häu­ser pro­fi­tie­ren da­von.

Märkische Oderzeitung Strausberg - - KULTUR - Von Kat­ha­ri­na Schmidt

Seit An­fang No­vem­ber sind die Stät­ten der Kul­tur, des Ge­nus­ses und der Frei­zeit in ei­ner Zwangs­pau­se. Der so­ge­nann­te Lock­down Light er­laubt den Men­schen in die­sem Mo­nat nur das Ar­bei­ten und das Kau­fen. Das Kal­kül hin­ter dem Ver­bot soll sein: we­ni­ger Ge­mein­schaft be­deu­tet we­ni­ger In­fek­tio­nen mit dem Co­ro­na­vi­rus.

Doch hat das Re­gel­werk ei­ne Hin­ter­tür of­fen ge­las­sen. Zwar müs­sen Mu­se­en in Ber­lin und Bran­den­burg schlie­ßen, kom­mer­zi­el­le Ga­le­ri­en dür­fen wie­der­um wei­ter aus­stel­len. „Wir ha­ben das Glück zum Ein­zel­han­del zu zäh­len und wei­ter of­fen zu blei­ben“, er­klärt Fe­li­ci­tas von Wo­edt­ke von der Ber­li­ner Kö­nig Ga­le­rie. Dort sind im obe­ren Ge­schoss der ent­weih­ten St. Ag­nes-kir­che, de­ren spek­ta­ku­lä­ren Be­ton­bau die Ga­le­rie seit 2015 nutzt, ak­tu­ell die groß­for­ma­ti­gen Ar­bei­ten von Kat­ha­ri­na Grosse zu se­hen.

Wo die Gren­ze ver­läuft

Lieb­ha­bern zeit­ge­nös­si­scher Kunst bie­ten sich so­mit trotz Frei­zeit-lock­down Hun­der­te Mög­lich­kei­ten. In ei­ni­gen Häu­sern wird die­ses un­ver­hoff­te Aus­stel­lungs-mo­no­pol schon spür­bar. Frie­de­ri­ke Sehms­dorf, In­ha­be­rin der Pots­da­mer Ga­le­rie Kunst-kon­tor, freu­te sich über drei­stel­li­ge Be­suchs­zah­len bei der letz­ten Aus­stel­lungs­er­öff­nung am 8. No­vem­ber. In ih­rem Schau­raum in der Ber­ti­ni­stra­ße wer­den ak­tu­ell die ver­spiel­ten Ma­le­rei­en von Va­nes­sa von Wendt ge­zeigt. Doch bleibt auch Sehms­dorf rea­lis­tisch. Mehr Be­su­cher be­deu­te­ten nicht zwin­gend mehr Ver­käu­fe: „Ge­ra­de äl­te­re Men­schen, ha­ben ein grö­ße­res Be­dürf­nis zu re­den und wol­len sich über Kunst aus­tau­schen“, er­klärt die Ga­le­ris­tin.

Wo die Gren­ze der Lock­down-aus­nah­me ver­läuft, zeigt sich an der Ga­le­rie Kunst­flü­gel in Rangs­dorf. An­ge­bun­den an den Künst­ler-ver­ein Ge­dok, muss­te das Haus schlie­ßen, weil der Trä­ger ge­mein­nüt­zig ist. „Wir be­dau­ern das sehr“, sagt Jo­han­na Huth­ma­cher, seit Au­gust Pro­jekt­lei­te­rin des Bran­den­bur­ger Ver­bands. Zwar ha­be sie Ver­ständ­nis da­für, dass die Pan­de­mie ein­ge­dämmt wer­den müs­se, doch mu­te die Trenn­li­nie merk­wür­dig an. Ob kom­mer­zi­ell oder nicht, Ga­le­ri­en sei­en für die Aus­stel­le­rin­nen ei­ne Mög­lich­keit, Kon­tak­te zu Kunst­freun­den als po­ten­ti­el­le Käu­fer zu knüp­fen. Die Ausstellun­g „Ro­ter

Fa­den – Übers Le­ben“ha­ben sie am 1. No­vem­ber trotz­dem fei­er­lich er­öff­net, nur um sie am Mon­tag wie­der zu schlie­ßen.

Dem Pots­da­mer Kunst­ver­ein ist es hin­ge­gen ge­lun­gen, ein Schlupf­loch zu fin­den, er­läu­tert der zwei­te Vor­sit­zen­de Tho­mas Kum­lehn. Durch ei­ne Ko­ope­ra­ti­on mit der be­nach­bar­ten Ga­le­rie Gu­te Stu­be sind Pe­ter Rohns „Kü­chen­rol­len­bil­der“der Öf­fent­lich­keit zu­gäng­lich. Ei­gent­lich ist der Bran­den­bur­ger Künst­ler für sei­ne fi­gu­ra­ti­ven Ma­le­rei­en be­kannt. Doch hat er das Kü­chen­rol­len­pa­pier, das er zum Säu­bern sei­ner Pin­sel nutzt, als Bild­trä­ger er­kannt. Die Re­sul­ta­te sind geo­me­tri­sche Farb­kom­po­si­tio­nen auf dem per­fo­rier­ten Zell­stoff.

Tho­mas Kum­lehn hat we­nig Ver­ständ­nis für die Kul­tur­pau­se: „Bei den Be­schlüs­sen ma­chen sich Pau­scha­li­sie­rung und feh­len­de Dif­fe­ren­zie­rung be­merk­bar.“Die Ber­li­ner Ga­le­ris­tin Hel­le Cop­pi stimmt zu: „Die Mu­se­en ha­ben sich sehr be­müht, die Hy­gie­ne­re­geln ein­zu­hal­ten.“Ab dem 21. No­vem­ber stellt sie die Haupt­stadt-im­pres­sio­nen der 2017 ver­stor­be­nen Künst­le­rin El­len Fuhr aus. Hel­le Cop­pi gibt je­doch zu be­den­ken, dass die Si­tua­ti­on der Mu­se­en ei­ne an­de­re ist: „Als selbst­stän­di­ge Un­ter­neh­men im Ein­zel­han­del müs­sen wir oh­ne För­der- und Fi­nan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten aus­kom­men.“Ga­le­rist Gerd Har­ry Lyb­ke teilt die An­sicht: „Wir sind ei­ne In­sti­tu­ti­on, die pri­vat­wirt­schaft­lich mit ho­hen Ri­si­ken ar­bei­ten“. Das Ber­li­ner Haus sei­ner Ga­le­rie Ei­gen + Art in der Au­gust­stra­ße zeigt die ver­schlun­ge­nen Men­schen­bild­nis­se der Mos­kau­er Künst­le­rin Kris­ti­na Schuldt. Zwar sei­en fünf der sie­ben aus­ge­stell­ten Ar­bei­ten schon ver­kauft, doch sind sie noch bis 12. De­zem­ber zu se­hen.

In Pots­dam ko­ope­rie­ren der Kunst­ver­ein und die be­nach­bar­te Ga­le­rie mit­ein­an­der.

Trom­pe l’oeil-skulp­tu­ren

Ein Spiel mit der Wirk­lich­keit sind die Fo­toskulp­tu­ren von Lies Ma­cu­lan. Ga­le­rist Mar­cus De­sch­ler be­schreibt ih­re Ar­bei­ten auf Alu­mi­ni­um­plat­ten als Trom­pe-l’oeil: „Sie wir­ken un­glaub­lich echt und spie­len Rea­li­tät vor.“Erst bei nä­he­rer Be­trach­tung könn­ten die Ge­gen­stän­de, dar­un­ter ein Stück der Ber­li­ner Mau­er, als Druck iden­ti­fi­ziert wer­den.

Seit zwei Wo­chen be­ob­ach­tet die Ga­le­rie De­sch­ler be­sorgt ei­nen Rück­gang der sonst zwei- bis drei­stel­li­gen Be­suchs­zah­len. „Man hat das Ge­fühl, dass sich die Leu­te nicht si­cher sind, ob Ga­le­ri­en noch ge­öff­net ha­ben“, ver­mu­tet Mit­ar­bei­te­rin An­ja Mos­beck. Hin­zu kommt, dass man sich in Ber­lin an­ders als in Pots­dam ge­gen Hun­der­te an­de­re be­haup­ten müs­se. Was für Ga­le­ris­ten ein Pro­blem ist, wird dem Kunst­freund zum Ge­winn: Ein Streif­zug durch die Ga­le­ri­en der Re­gi­on macht den Kul­tur-lock­down et­was er­träg­li­cher.

Fo­to: Ga­le­rie Kunst-kon­tor

Va­nes­sa von Wendt: „Mein Gar­ten“ Kris­ti­na Schuldt: Mu­se

Fo­to: Jens Zie­he/ga­le­rie Kö­nig

Kat­ha­ri­na Grosse: „At 30 Paces She Could Split A Play­ing Card“im Aus­stel­lungs­raum der Kö­nig Ga­le­rie

Fo­to: Uwe Wal­ter/ga­le­rie Ei­gen + Art

Fo­to: Ga­le­rie Hel­le Cop­pi

El­len Fuhr: „Sei­fen­bla­se und Spiel“

Pe­ter Rohn: „16/1“, Öl­far­be auf Zell­stoff, 2016 Di­rekt­scan: Tho­mas Ma­tau­schek

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