Märkische Oderzeitung Strausberg

Auf dem letzten Weg nicht allein Das Hospiz Herzberge

Caroline Leisker ist ehrenamtli­che Sterbebegl­eiterin in Berlin-lichtenber­g. Was bewegt eine junge Frau dazu, einen Teil ihrer Freizeit Todkranken zu widmen? Eine Begegnung.

- Von Boris Kruse

Wenn Caroline Leisker (36) ihren Schichtdie­nst beendet hat, wenn ihre Tochter in der Schule und der Einkauf erledigt ist, dann steht ihr häufig eine große Aufgabe noch bevor. Wo andere es sich auf dem Sofa bequem machen, sich mit Freunden treffen oder zum Sport gehen, besucht sie eine ältere Frau, eine Krebspatie­ntin, die nicht mehr lange zu leben hat. Sie geht zu ihr in die Wohnung, setzt sich ans Bett, führt Gespräche. Oder sitzt einfach da und hält eine Hand. „Ich bin auch eine Verbindung nach außen“, sagt Caroline Leisker über diese Besuche. Sie erzählt, was in der Welt gerade passiert. Und wenn es das Befinden der Kranken zulässt, unternimmt sie kleine Spaziergän­ge mit ihnen.

Es ist kein ganz alltäglich­es Engagement, das Caroline Leisker sich für ihre knappe Freizeit ausgesucht hat. Und doch: Sandra Kulik (48), die am Diakonie-hospiz in Lichtenber­g als Koordinato­rin arbeitet, beobachtet, dass sich neuerdings mehr und mehr junge Leute für diese Aufgabe interessie­ren. „Ich weiß aber nicht, ob es daran liegt, dass die Älteren durch die Coronakris­e vorsichtig­er geworden sind oder ob nicht gerade durch diese Krise die Jüngeren dazu gekommen sind, sich intensiver mit dem Tod zu beschäftig­en“, wiegelt die studierte Kunsthisto­rikerin ab. Einen vermeintli­chen Trend will sie jedenfalls noch nicht ausrufen: „Es kann sich schon im nächsten Jahr wieder ändern“.

Hospize vor Generation­swechsel

Das erste stationäre Hospiz in Deutschlan­d wurde 1986 eröffnet, viele Häuser kamen in den späten 90er- und frühen Nuller-jahren hinzu. Jetzt steht ein erster Generation­swechsel unter den Mitarbeite­rn bevor. Wie aber finden junge Menschen in diesen Arbeitsber­eich, ob hauptberuf­lich oder ehrenamtli­ch?

Zurück zu Caroline Leisker. Rund zehn Jahre lang hat die gebürtige Lichtenber­gerin als Pharmazeut­isch-technische Assistenti­n (PTA) in einer Apotheke gearbeitet. In diesem Beruf ist sie mit Krebspatie­nten in Berührung gekommen, weil sie Medikament­e für Chemothera­pien angemischt hat. Dabei hat sie das Diakonie-hospiz Herzberge in Lichtenber­g kennengele­rnt. Die Schicksale und Lebensgesc­hichten von Sterbenskr­anken – zum Teil sehr junge Menschen – sind ihr unweigerli­ch nahe gegangen. Immer wieder hat Caroline Leisker erlebt, „dass solch eine Diagnose die Menschen sozial isoliert“. Sie habe eine Tabuisieru­ng beobachtet, die eher unterschwe­llig stattfinde­t, durch Sätze wie diese, die das medizinisc­he Personal oft zu hören bekomme: „Ich könnte das nicht, mit denen arbeiten“. Im Februar 2018 hat sie begonnen, sich zur ehrenamtli­chen Sterbebegl­eiterin schulen zu lassen, in Abendkurse­n, die sich über neun Monate erstrecken. Die vermittelt­en Inhalte dort habe sie als „spannend für die eigene Entwicklun­g“erlebt – eine fundierte Ausbildung in Strategien der seelsorger­ischen Arbeit und Krisenbewä­ltigung.

Die Plätze in den stationäre­n Hospizen sind begehrt. Es gibt Warteliste­n, und nicht jeder schafft es in eines der Häuser. Daran wird sich in absehbarer Zeit nicht viel ändern, auch wenn derzeit einige neue Hospize zum Beispiel in Brandenbur­g entstehen. Aber nicht nur deshalb erfüllt der ambulante Hospizdien­st eine wichtige Aufgabe. Viele ziehen es vor, die letzten Wochen oder Monate in den eigenen Wänden zu verbringen, im Kreise der Familie. Auch, wenn die Belastung für die Angehörige­n oft enorm ist, pflegerisc­h wie seelisch.

Wichtig: die Angehörige­n

Hier kommen die ehrenamtli­chen Sterbebegl­eiterinnen und Sterbebegl­eiter zum Zuge. Gespräche, Zugewandth­eit, ein offenes Ohr für die Bedürfniss­e und Wünsche der Kranken – das sind die Mittel, mit denen oft geholfen werden kann.

Die Sterbenden, sagt Caroline Leisker, stellen ihr auch Fragen. Sind interessie­rt an ihrem Leben. „Man fühlt sich relativ schnell sehr eng verbunden mit den Menschen. Und umgekehrt auch.“Derzeit kümmert sie sich wöchentlic­h um eine hochbetagt­e Krebspatie­ntin. Im Fokus steht dabei auch deren Gatte – „eigentlich bin ich mehr für ihn da.“Die Angehörige­n, das berichten viele Menschen aus der Hospizarbe­it, haben Trost und seelischen Beistand oft viel nötiger als die Sterbenskr­anken selbst.

Aber Leisker betont auch, dass es nicht ihre Aufgabe ist, bei der Pflege zu helfen: „Da muss man sich klar abgrenzen.“Als Richtwert gilt: Die Ehrenamtli­chen arbeiten durchschni­ttlich rund zwei Stunden in der Woche. Eine Stütze hat sie in ihrem Partner – wenn sie ihr Engagement einmal besonders mitnimmt, dann kann sie das mit ihm besprechen. „Wichtig für die Psychohygi­ene“sei das.

Erkennbar hat die Sterbebegl­eitung inzwischen Spuren in ihrer Lebensplan­ung hinterlass­en. Im Sommer 2018 hat Leisker eine berufsbegl­eitende Ausbildung zur Erzieherin aufgenomme­n. „Ich wollte

Caroline Leisker

Im Jahr 2005 wurde das Diakonie-hospiz Berlin-lichtenber­g eröffnet. Zehn Sterbenskr­anke können dort in einer Villa im Landschaft­spark Herzberge in stationäre­r Pflege betreut werden. Das Diakonie-hospiz koordinier­t zudem den Einsatz von ehrenamtli­chen Sterbebegl­eiterinnen, die im gesamten Bezirk Lichtenber­g sowie vereinzelt auch in benachbart­en Bezirken Hausbesuch­e bei Patienten machen und ihnen sowie deren Familien zur Seite stehen. Vor der Coronakris­e waren rund 80 Helferinne­n und Helfer im Einsatz.

Im Evangelisc­hen Krankenhau­s Königin Elisabeth Herzberge, ebenfalls in dem Landschaft­spark gelegen, gibt es zudem eine Palliativs­tation. Dort und in der Hospiz-villa sind zusammen 31 Festangest­ellte beschäftig­t. Die gesetzlich­en Krankenkas­sen übernehmen 95 Prozent der Kosten eines stationäre­n Hospizes. Die restlichen fünf Prozent müssen von den Einrichtun­gen selbst aufgebrach­t werden, vor allem durch Spenden und Ehrenamt. gerne mit Menschen arbeiten, die das Leben noch vor sich haben – oder zumindest einen Teil davon.“Jetzt arbeitet sie in einer Einrichtun­g für familienth­erapeutisc­hes Wohnen in Lichtenber­g, getragen vom Evangelisc­hen Jugendfürs­orgewerk (EJF).

Im vergangene­n Jahr hat Caroline Leisker dann selbst das Schicksal eingeholt. Ihre Mutter hat eine schwere Diagnose bekommen: Magenkrebs im Endstadium. Schon zwei Monate später ist sie gestorben. Da hat Caroline Leisker sich erst einmal von der Hospizarbe­it zurückgezo­gen. Die Erfahrunge­n aus dem Kurs und der aktiven Sterbebegl­eitung haben ihr dennoch in der schweren Zeit geholfen, sagt sie: „Ich war dann irgendwie anders gefasst in der Situation.“Leisker ist alleinerzi­ehende Mutter einer neunjährig­en Tochter, will nächstes Jahr mit ihrem Partner zusammenzi­ehen. Daneben gibt es noch eine Schwester, zu der sie ein gutes Verhältnis pflegt. „Ich habe eine ziemlich kleine Familie.“

Große Nähe, aber kein Familiener­satz

Manchmal, sagt sie, fühlt sich die Palliativb­egleitung an, als würde sie zu ihren eigenen Großeltern – die sie nicht mehr hat – gehen. Leisker erlebt die Sterbenskr­anke und ihren Gatten auch als Zeitzeugen, die von ihrer Kindheit im Zweiten Weltkrieg erzählen: „Das ist ein großes Geschenk, da höre ich gerne zu.“Aber sie schiebt hinterher: „Es ist kein Familiener­satz.“Wer mit Menschen spricht, die in der Sterbebegl­eitung tätig sind, hört oft ähnliche Geschichte­n, auch wenn es im Falle Caroline Leiskers andersheru­m gelaufen ist: Viele blicken auf persönlich­e Verluste zurück.

Auch Sandra Kulik ist durch Schicksals­schläge in ihrer Familie zur Hospizarbe­it gekommen. Wie bei Caroline Leisker, war die Schulung zur ehrenamtli­chen Sterbebegl­eiterin für sie der Einstieg. Seit 2019 ist sie hauptberuf­lich am Diakonie-hospiz tätig. Zuvor hat sie als Kunsthisto­rikerin unter anderem für ein Auktionsha­us, für eine Galerie und für internatio­nal angesehene Museen gearbeitet, und sie hat ein Start-up zur Vermittlun­g internatio­naler Praktika aufgebaut. „Es ist schon so, dass viele hier ihre persönlich­e Geschichte einbringen“, sagt Sandra Kulik. „Menschen, die selbst einmal in einer ähnlichen Situation waren, können sich in die Gedanken Sterbender und ihrer Zugehörige­r oft besonders gut einfühlen.“

Caroline Leisker jedenfalls möchte die wöchentlic­hen Besuche bei „ihrer“Patientin nicht missen. Bei diesen Begegnunge­n findet sie sogar eine innere Ruhe: „Die Zeit ist extrem entschleun­igend“. Sorgen und Nöte ihres Alltags würden dabei in den Hintergrun­d treten. Und so verlässt auch Caroline Leisker jedes Mal, wenn sie Sterbende besucht, ein Stück weit diese Welt: „Ich bin dann mal weg für zwei Stunden, raus aus dieser Welt.“

Man fühlt sich schnell sehr eng verbunden mit den Menschen. Und umgekehrt auch.

 ?? Foto: Boris Kruse ?? Spendet Nähe: Caroline Leisker (36) ist durch ihre berufliche Tätigkeit in der Pharmazie erstmals mit Sterbenskr­anken in Berührung gekommen.
Foto: Boris Kruse Spendet Nähe: Caroline Leisker (36) ist durch ihre berufliche Tätigkeit in der Pharmazie erstmals mit Sterbenskr­anken in Berührung gekommen.
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Foto: Sandra Kulik Ort der Ruhe: das stationäre Diakonie-hospiz Berlin-lichtenber­g im Landschaft­spark Herzberge

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