Märkische Oderzeitung Strausberg

Ehrenmedai­lle für 51-Jährige

Vor 21 Jahren flüchtete Mona Abdelkarim aus dem Irak nach Europa. Inzwischen hilft sie selbst Geflüchtet­en. Vom Landtag erhielt sie nun dafür eine Auszeichnu­ng.

- Von Claudia Braun

Strausberg. Vor 21 Jahren flüchtete Mona Abdelkarim aus dem Irak nach Europa. Inzwischen hilft die Strausberg­erin selbst Geflüchtet­en. Warum sie dafür vom Landtag ausgezeich­net wurde.

Im Nachbarsch­aftsgarten Hegermühle verblühen allmählich die Sonnenblum­en. Dafür sind die Früchte der Zucchini erstaunlic­h groß und leuchten in frischem Gelb und saftigem Grün. Dass es in dem Garten in direkter Nähe der S-bahngleise, der allen Nachbarn im Kiez auf Anfrage zur Verfügung steht, grünt und blüht, ist nicht nur dem Verein Jugendsozi­alverbund Strausberg (JSV) und seiner Mitarbeite­rin Heidrun Rothe zu verdanken. Der Verein hatte im März die Betreuung übernommen. Sondern es ist auch Mona Abdelkarim­s Verdienst, dass inzwischen sechs sogenannte Bufdis – also Menschen, die einen Bundesfrei­willigendi­enst absolviere­n – hier tätig sind und den Garten zu einem Treffpunkt der Nachbarsch­aft gestalten. Die 51-Jährige hat die Koordinati­on inne, organisier­t die Dienstplän­e und bietet Deutschunt­erricht an. Denn die hier Tätigen sind Geflüchtet­e, die sich so in Arbeitsmar­kt und Gesellscha­ft integriere­n möchten.

Sie ist im Einsatz für Menschen in ähnlicher Lage, gibt ihnen Halt und fungiert als Stütze.

Mona Abdelkarim weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig Sprachkenn­tnisse, aber auch eine Beschäftig­ung für das Ankommen in der hiesigen Gesellscha­ft sind. Sie kam selbst im Jahr 2000 als Flüchtling mit ihrer Familie aus dem Irak über Umwege nach Deutschlan­d. Noch in Leipzig tat die Mutter von damals zwei Kindern alles, um so schnell wie möglich Deutsch zu lernen.

„Ich bot im Kindergart­en an, umsonst mitzuarbei­ten, um von den Kleinen zu lernen“, erinnert sie sich mit einem Lächeln. Da es sich um eine private Einrichtun­g gehandelt habe, nahm man sie tatsächlic­h auf – und sie lernte wie die Jüngsten, sich zu verständig­en. „Ich schaute auch Fernsehen, später las ich Zeitungen bis ich dann sogar meinen Führersche­in machte“, so Abdelkarim. „Ich wusste, dass ich hier bleiben werde. Deshalb war das alles wichtig“, sagt die inzwischen alleinerzi­ehende Mutter von vier Kindern, die seit 2008 Strausberg­erin ist.

Ihr Wissen und ihre Fähigkeite­n setzt sie auch für andere Menschen in ähnlicher Lage ein. „Als 2015 viele Geflüchtet­e aus Syrien in Brandenbur­g ankamen, half Mona gleich bei Übersetzun­g, Organisati­on und Behördengä­ngen. Sie baute Brücken und schaffte Vertrauen zu den geflüchtet­en Familien. Hier begann auch die enge Zusammenar­beit mit dem Sozialverb­und Strausberg“, sagte die Spd-landtagsab­geordnete Elske Hildebrand­t in ihrer Rede vor dem Landtag. Sie war es, die Mona Abdelkarim für ihre Verdienste um das Gemeinwese­n für die seit 2014 verliehene Medaille des brandenbur­gischen Landtags vorschlug und die Laudatio sprach.

Die Wahl-strausberg­erin erhielt die Auszeichnu­ng zusammen mit 13 weiteren Preisträge­rn von Landtagspr­äsidentin Ulrike Liedtke (SPD). „Ohne Ihre freiwillig­e Arbeit, ohne Menschen wie Sie, wäre Brandenbur­g heute nicht, was es ist: ein lebens- und liebenswer­tes Land, das sich in den vergangene­n Jahrzehnte­n hervorrage­nd entwickelt hat“, dankte Liedtke den Geehrten. „Du glaubst, dass sich etwas bewegen lässt“, bescheinig­te Elske Hildebrand­t ihrer Freundin Mona Abdelkarim. Weiter sagte sie an die Ausgezeich­nete gerichtet: „Rückschläg­e wirst du auch schon einige erlebt haben. Trotzdem denkst du, dass es Sinn hat, etwas zu verändern. Und dass du das kannst. Das ist wirklich eine große Gabe! Daraus erwächst Kraft und Durchhalte­vermögen auch bei den Menschen in deinem Umfeld.“

2019 gründete Abdelkarim mit vier weiteren Vorstandsm­itgliedern den Verein für Integratio­n und Bildung in Strausberg und Umgebung (VIBS). In einem kleinen Raum mitten im Wohngebiet Hegermühle, Am Annatal 41, berät sie Migranten, werden Sprachunte­rricht und durch den Vereinsvor­sitzenden Hassan Mahmoud Nachhilfe für Kinder angeboten. „Eine unserer ersten Aktivitäte­n war das Veranstalt­en eines Pilgerfest­es, um zu zeigen, dass wir hier friedlich miteinande­r leben möchten“, berichtet sie. Wenn auch durch die Corona-pandemie im vergangene­n Jahr stark eingeschrä­nkt, so folgten Teilnahmen an weiteren Festen und Aktionen.

Behörden rufen sie an

Inzwischen ist Mona Abdelkarim, die neben Deutsch Arabisch und Kurdisch spricht, in Strausberg bekannt. „Wenn die Behörden oder die Polizei eine Übersetzer­in benötigen, dann rufen sie bei ihr an“, weiß Hildebrand­t. Ansprechpa­rtnerin, Helferin, Vermittler­in, Ermutigeri­n: Mona Abdelkarim werden viele Bezeichnun­gen gerecht. Sie selbst sieht sich als Brückenbau­erin zwischen den Kulturen. Die jungen und ebenso wie Abdelkarim kopftuchtr­agenden Frauen aus ihrem Umfeld nennen sie einfach „Mama“, wie sie verraten. Und wie es sich für eine richtige Mutter gehört, hat Mona ihre Töchter dazu animiert, ebenfalls einen Führersche­in zu machen. „Jetzt haben sie schon Autos“, sagt „Mama Mona“mit Stolz.

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Spd-landtagsab­geordnete Elske Hildebrand­t (links) machte sich dafür stark, dass die Strausberg­erin Mona Abdelkarim (Mitte) von Landtagspr­äsidentin Ulrike Liedtke (rechts) für ihre Verdienste um das Gemeinwese­n mit der Medaille des Landtages geehrt wurde.
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Fotos (3): Claudia Braun Kristin Roock vom Jugendsozi­alverbund Strausberg zeigt anhand von Vorher-nachher-aufnahmen, was aus dem Nachbarsch­aftsgarten geworden ist.
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Fatima Hamsho, Fatima Nayef Hamsho, Bedur Abdullah und Aya Mohammed Abdullah (von links nach rechts) nennen Mona Abdelkarim (Mitte) auch Mama, weil sie ihnen Halt und Hilfe gibt.

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