Märkische Oderzeitung Strausberg

„Da ist mehr möglich“

Bildung muss Kinder sozial Abgehängte­r erreichen, fordert der ehemalige Generalsek­retär der Caritas, Georg Cremer.

- Guido Bohsem

Berlin. Der Ex-generalsek­retär der Caritas, Georg Cremer, will das Sozialyste­m entwickeln. Er fordert bessere Zugänge.

Herr Cremer, im Wahlkampf wird nicht viel über soziale Ungleichhe­it und Benachteil­igung diskutiert.

Natürlich dominieren im Bundestags­wahlkampf Themen der Mitte und in der sozialpoli­tischen Debatte dominiert eigentlich immer der Aspekt der Umverteilu­ng.

Wenn man Ihr neues Buch „Sozial ist, was stark macht“liest, würden Sie aber etwas anderes empfehlen ...

Ich bin in keiner Weise gegen einen umverteile­nden Sozialstaa­t. Wir haben eine Marktwirts­chaft und diese Marktwirts­chaft erzeugt Ungleichhe­it, damit diese Ungleichhe­it nicht zu groß wird, brauchen wir ein System der Umverteilu­ng. Geld allein aber kann Gerechtigk­eit nicht erzwingen.

Was hilft stattdesse­n?

Ich setze auf einen Befähigung­sansatz. Was also ist erforderli­ch, damit alle Menschen ihre Potenziale

entfalten können und Handlungso­ptionen für ein gelingende­s Leben entwickeln? Wenn wir dem Zufall der Geburt entgegenwi­rken wollen, dann kann das eben nicht alleine mit Umverteilu­ng geschehen, sondern dazu braucht es ein besser verzahntes Bildungs- und Sozialsyst­em.

Sie berufen sich auf ein Konzept des Nobelpreis­trägers Amartya Sen ...

Der Befähigung­sansatz ist überwiegen­d für Entwicklun­gsländer genutzt worden. Aber er kann auch in Deutschlan­d produktiv genutzt werden, den Diskurs über soziale Gerechtigk­eit zu erweitern. Es geht nicht allein um Chancenger­echtigkeit. In einem engen Verständni­s bedeutet das ja letztlich nur, dass der Zugang zu Ausbildung­smöglichke­iten oder Jobs nach Leistung erfolgt.

Die Frage ist aber, wie Menschen überhaupt in die Lage kommen, etwas leisten zu können. Tut das Sozial- und Bildungssy­stem das Mögliche, dass auch Kinder aus armen und benachteil­igten Familien ihre Fähigkeite­n entfalten können? Der internatio­nale

Vergleich zeigt: Da ist mehr möglich.

Was passiert bei den Schulen?

Keine Partei kann es sich leisten, das Gymnasium anzutasten. Man könnte aber die nicht-gymnasiale­n Schulforme­n deutlich besser ausstatten: mit Personal, mit mehr Förderunte­rricht, Unterricht in Kleingrupp­en, einer engeren Verzahnung mit der Sozialarbe­it, kleinere Klassen. Dann würde die nicht-gymnasiale Schulform attraktiv, vielleicht sogar für Eltern aus dem bildungsbü­rgerlichen Milieu. Das setzt natürlich voraus, dass die bürgerlich­e Mitte akzeptiert, dass Kinder aus benachteil­igten Milieus mehr Ressourcen erhalten als ihre eigenen Kinder.

Wie sollen Menschen sich im Sozialsyst­em zurechtfin­den?

Der Sozialstaa­t ist komplex, vielfältig­e Zuständigk­eiten erschweren die Orientieru­ng. Es gibt Kooperatio­nsblockade­n. Sie abzubauen, wäre eine dringende Reformaufg­abe nach der Bundestags­wahl.

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