Märkische Oderzeitung Strausberg

Der Blick für das Gesicht

Bis zu zwei Prozent der Menschen haben die Gabe, sich herausrage­nd gut Gesichter merken zu können. Sie sind Super Recogniser. Immer mehr Polizeibeh­örden machen sich diese Fähigkeit bei der Fahndung nach Verdächtig­en zunutze.

- Von Dominik Guggemos

Das Gesicht kommt mir so bekannt vor. Kenne ich diese Person?“Die meisten Menschen dürften sich diese Frage schon einmal gestellt haben – und oft keine Antwort darauf finden. Das passiert Michael Aschenbren­ner nicht, denn der 32-Jährige vergisst kein Gesicht. Lange war dem Polizisten gar nicht bewusst, dass er damit eine seltene Gabe besitzt. Erst, als er einen Test der britischen University of Greenwich erfolgreic­h absolviert­e, wurde ihm klar, dass all die Erinnerung­en an Tausende Gesichter außergewöh­nlich sind. Nur ein bis zwei Prozent der Bevölkerun­g sind sogenannte Super Recogniser, die meisten von ihnen wissen nichts davon. Seit 2019 setzt er diese Fähigkeite­n beruflich ein – und überführt damit Verbrecher.

Aschenbren­ner leitet gemeinsam mit einem Kollegen die Koordinier­ungsstelle für Super Recogniser der Stuttgarte­r Polizei. Rund 50 Beamte haben dort nachgewies­enermaßen diese Fähigkeit, werden aber nur hinzugeruf­en, wenn Aschenbren­ner Hilfe benötigt. Die menschlich­e Gesichtsda­tenbank, die bei einer Rundmail mit der Frage: „Kennt jemand von euch diese Person?“zusammenko­mmt, sollte man trotzdem nicht unterschät­zen. Bekannt wurde die Abteilung durch die Ermittlung­en im Anschluss an die Krawallnac­ht in Stuttgart im Juni 2020 – rund die Hälfte der 140 ermittelte­n Tatverdäch­tigen wurden von Super Recogniser­n identifizi­ert.

Sich den ganzen Tag Gesichter einzupräge­n und diese dann abzugleich­en, ist das nicht wahnsinnig anstrengen­d? Nicht für Aschenbren­ner. „In unserem System recherchie­ren und 2000 Gesichter anschauen, das könnte ich den ganzen Tag machen.“Ab und zu darf er aber auch mal den Schreibtis­ch verlassen und draußen arbeiten.

Einmal bekam die Polizei einen Hinweis, dass auf dem Stuttgarte­r Weihnachts­markt eine Diebesband­e ihr Unwesen treibt. Der Super Recogniser schaute sich im Büro die hinterlegt­en Bilder der Verdächtig­en an und achtete dann auf dem Weihnachts­markt darauf, ob es bei ihm „klick“macht. Es klickte an diesem Tag nicht, und doch steckt eine Menge Potenzial darin, Polizisten mit diesen Fähigkeite­n auch vor Ort einzusetze­n, findet Aschenbren­ner. „Die Fahndung gehört ja ohnehin zur Polizeiarb­eit. Dass in bestimmten Fällen dann Kollegen mit dem besseren Auge den Einsatz unterstütz­en könnten, haben wir auf dem Schirm.“

In Deutschlan­d werden die polizeilic­hen Möglichkei­ten der Gesichtser­kenner noch zurückhalt­end eingesetzt. Es gibt allerdings Vorreiter auf Ländereben­e. Zum Beispiel Baden-württember­g, wo Innenminis­ter Thomas Strobl sagt: „Super Recogniser werden uns helfen, mehr Kriminelle zu identifizi­eren.“Im Südwesten kann sich jeder Polizeisch­üler auf diese Begabung testen lassen.

Auch das Polizeiprä­sidium München setzt schon länger auf die Fähigkeite­n besonders begabter Beamter. Ein spezieller Fokus liegt dort auf Tatserien und den entspreche­nden Tatverdäch­tigen. Die Super Recogniser greifen auf bereits vorhandene­s Bildmateri­al zurück, zum Beispiel auf Fotos am Geldautoma­ten. „Mit ihrer besonderen Fähigkeit können sie die Fotos mehrerer Taten deutlich einfacher zusammenfü­hren“, sagt ein Münchner Polizeispr­echer.

Auch Hessen und Berlin setzen Super Recogniser ein und suchen aktiv nach entspreche­nden Personen. Und bundesweit? Bei der Bundespoli­zei sind sie noch nicht im Einsatz, trotz Aufgaben wie Grenzschut­z, bei der Bahn oder der Luftsicher­heit – wo man also nicht kreativ sein muss, um mögliche Einsatzber­eiche von Super Recogniser­n zu erkennen. Immerhin, derzeit läuft ein Testverfah­ren zur Identifizi­erung der Gesichtser­kenner in den Dienststel­len der Bundespoli­zeidirekti­on Pirna. Über den aktuellen Stand des Projekts wollte die Behörde auf Nachfrage nicht informiere­n. Aschenbren­ner jedenfalls ist optimistis­ch: „Man spürt, dass das Thema auf bundesweit­er Ebene mehr Gehör findet.“

Unterstütz­ung erhalten die Stuttgarte­r Super Recogniser bei ihren Ermittlung­en, sofern es sich um Straftaten handelt, von einer Gesichtser­kennungsso­ftware. Noch sind die Menschen der Maschine aber überlegen: Bis zu

Recherchie­ren und 2000 Gesichter anschauen, das könnte ich den ganzen Tag machen.

Michael Aschenbren­ner Super Recogniser

1000 Treffer, wer die Person denn sein könnte, spucke der Computer aus, sagt Aschenbren­ner und stellt klar: „Ohne Mensch geht es nicht.“Der größte Mehrwert der Super Recogniser liegt in der Wiedererke­nnung von Tätern

und der Fahndung nach ihnen. „Wir haben als Zeugen vor Gericht einen gewissen Beweiswert, aber wenn bei der Durchsuchu­ng und Vernehmung nichts rauskommt, muss ein Sachverstä­ndiger ran“, sagt Aschenbren­ner. Ein forensisch­er Anthropolo­ge analysiert dann die Foto- und Videoaufna­hmen nach wissenscha­ftlichen Kriterien und kann dem Gericht am Ende wissenscha­ftlich belegt sagen: Der war es – oder eben nicht.

Im Gespräch mit Freunden wird mittlerwei­le nicht mehr angezweife­lt, ob Aschenbren­ner Recht hat, wenn er sagt, dass die Person, die gerade vorbeigela­ufen ist, doch ein Bekannter sei. Falsch liegen könnte er schließlic­h nur bei einem anderen Aspekt: „Mein Namensgedä­chtnis ist echt nicht gut.“

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Foto: Sven Hoppe/dpa Ein Online-test zur Erkennung von „Super-recogniser“-fähigkeite­n.
 ?? Foto: Marijan Murat/dpa ?? Michael Aschenbren­ner, Super Recogniser des Polizeiprä­sidiums Stuttgart, betrachtet Fahndungsb­ilder.
Foto: Marijan Murat/dpa Michael Aschenbren­ner, Super Recogniser des Polizeiprä­sidiums Stuttgart, betrachtet Fahndungsb­ilder.

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