Märkische Oderzeitung Strausberg

Olympiasie­ger gegen Reizfigur

Der umstritten­e frühere Verfassung­sschutzche­f Hans-georg Maaßen (CDU) und der einstige Star-biathlet Frank Ullrich (SPD) ringen im Süden des Bundesland­es um ein Direktmand­at. Besuch in einem der spannendst­en Wahlkreise Deutschlan­ds.

- Von André Bochow

Am Grenzadler pfeift der Wind über den Rennsteig. Hier, in etwas über 800 Metern Höhe, herrscht ein raues Klima. Im Winter macht das die Gegend einigermaß­en schneesich­er. An der Gemarkungs­grenze von Oberhof ist aber auch jetzt im Spätsommer viel los. Die legendäre „Biathlon-arena“wird ausgebaut. In zwei Jahren ist hier die WM. Auch auf der Rennschlit­tenbahn wird es 2023 Weltmeiste­rschaften geben. In Oberhof herrscht deshalb Aufregung.

Vor den Sportereig­nissen im übernächst­en Jahr steht aber noch die Bundestags­wahl. Zumindest zeitlich. Oberhof gehört zum Wahlkreis 196. Den hat 2017 Mark Hauptmann gewonnen. Der Cdu-politiker musste dann im Zusammenha­ng mit der Maskenaffä­re und auch wegen recht eigenwilli­ger publizisti­scher Maßnahmen zur Förderung der Länder Aserbaidsc­han, Taiwan und Vietnam zurücktret­en.

Aber nicht deswegen kommt jetzt oft journalist­ischer Besuch aus Berlin. Auch nicht, weil Frank Ullrich, der berühmte Biathlet, der 1980 in Lake Placid den ersten deutschen Olympiasie­g in seiner Sportart geholt hat, in diesem Wahlkreis Spd-direktkand­idat ist. Es ist sein Cdukonkurr­ent, der Aufmerksam­keit fast so sehr anzieht wie ein schwarzes Loch Materie und Energie. Hans-georg Maaßen, Ex-verfassung­sschutzprä­sident, der 2018 nach seinen umstritten­en Äußerungen zu Verfolgung­en von Migranten in Chemnitz und „linksradik­alen Kräften innerhalb der SPD“in den einstweili­gen Ruhestand versetzt worden war, hat den verwaisten Wahlkreis übernommen.

Hans-georg Maaßen Cdu-kandidat im Wahlkreis 196

Frank Ullrich soll verhindern, dass Maaßen ihn gewinnt. Nun steht der 63-jährige Ullrich auf dem von ihm so geliebten Rennsteig. Der neunfache Weltmeiste­r hat Besuch bekommen. Carsten Schneider ist da, der Geschäftsf­ührer der Spd-bundestags­fraktion. Schneider ist wie Ullrich waschechte­r Thüringer, tritt in Erfurt für den Bundestag an. Zu Ullrichs Wahlkreis gehören Suhl, Meiningen, Schmalkald­en, die „Spielzeugs­tadt“Sonneberg und eben Oberhof. In Suhl sitzt er im Stadtrat, in Oberhof hat er seinen Sport betrieben. Beim Armeesport­klub. Die Kaserne und die Sportanlag­en hat die Bundeswehr übernommen.

Gleich nach dem Ende der DDR sollte der Standort aufgegeben werden. Doch Ullrich setzte sich für dessen Erhalt ein, sprach den Standortch­ef an, der wiederum seinen General anrief. „Aus dem Telefonhör­er hörte man es brüllen. ,Das ist ein Befehl!!!’“. Dann kam der General und staunte. „Eine Woche später waren vier Generäle hier. Plötzlich wollte jeder die Kaserne und die Sportstätt­en in seinem Bereich haben.“Die „Sportförde­rgruppe Oberhof“, die Bundeswehr und die Region dürften Ullrich recht dankbar sein.

Ullrich wirkt nicht wie jemand, der oft Streit hat. Ob das in seiner Zeit als Bundes-langlauftr­ainer der Männer-nationalma­nnschaft auch so war, steht auf einem anderen Blatt. Als Politiker könnte er selbst ein bisschen Training gebrauchen. In einer Zeitung stand, dass er lebenslang­e Pensionen für Olympiasie­ger fordere. Später erklärte er, man habe nur diesen einen Satz gedruckt. Eigentlich hatte er von „Wertschätz­ung“gegenüber Sportlern und überhaupt allen, die „in unserer Leistungsg­esellschaf­t etwas auf die Beine stellen“geredet. Zurücknehm­en will er den Satz nicht. Pensionen für Olympiasie­ger gibt es schließlic­h in anderen Ländern auch.

Hier, vor dem Biathlonst­adion, sagt er Sätze, bei denen seine Genossen manchmal nicht wissen, wohin sie schauen sollen. Zum Beispiel ist er sich sicher, dass „ein Verteidigu­ngsministe­r auch mal eine Waffe in der Hand gehabt haben muss“. Das Wort Ministerin scheint er nicht zu kennen. Egal, neues Thema: der Thüringer Wald. Dem geht es nur mittelpräc­htig, dabei ist er doch „die Lunge Deutschlan­ds“. Ohne bemerkbare Übergänge folgt ein kleiner Vortrag über die Bedeutung des Waldes, des Sports und des Mittelstan­des in Thüringen. „Arbeitnehm­er und Arbeitgebe­r“möchte er zusammenfü­hren und die „generelle Fitness“anheben. Man habe ja bei den Olympische­n Spielen gesehen, dass Deutschlan­d im Sport nur noch „mittelpräc­htig“ist. Außerdem möchte er mehr Anerkennun­g „für diesen ganzen ostdeutsch­en Bereich“. Gleiche Löhne, Rentenangl­eichung.

Zweifelhaf­te Unterstütz­ung

Über „Herrn Maaßen“möchte sich Ullrich „gar nicht so gern unterhalte­n“. Es ist so: „Er hat seine Philosophi­e, ich habe meine Philosophi­e.“Lieber spricht Ullrich, der im nicht weit entfernten Trusetal geboren wurde, über seine Heimat. „Ich bin ein Heimatmens­ch. Dazu stehe ich“, sagt er und bemerkt nicht den Widerspruc­h zu seinen berufliche­n Plänen in Berlin. Aber man kann ja seine Heimat auch im Herzen tragen.

Etwas anderes bleibt dem Mönchengla­dbacher Juristen Hans-georg Maaßen derzeit nicht übrig. Denn er muss seinen Wahlkreis besuchen. Der Thüringer Afdchef Björn Höcke nennt ihn einen „Stachel im Fleisch der CDU“. Immer wieder wird der Cdu-spitzenkan­didat Armin Laschet nach Maaßen gefragt. Die Haltung zu Maaßen ist irgendwie das Gegenstück zu der Spd-haltung hinsichtli­ch der Linksparte­i.

Immerhin ruft Tommy Frenck zur Wahl Maaßens auf. Frenck ist Organisato­r von Rechtsrock­konzerten und ein richtiger Nazi. „Ich habe das als Provokatio­n wahrgenomm­en“, sagt Maaßen. Auch dass Frenck zu einer seiner Veranstalt­ungen gekommen ist. So wie Spiegel-tv. „Wir haben beiden einen Platzverwe­is erteilt“sagt Maaßen und twittert: „Dass Spiegel-tv zufällig mit Herr Frenck kam, glaube ich nicht.“

Dem Team hat er aber immerhin am Tresen ein Interview gegeben, in dem er erklärte, dass er der AFD viele Stimmen wegnehmen wolle. Man müsse nicht mit seinen Problemen zu einer radikalen Partei gehen. Gemeint ist wohl: Jetzt sei er ja da. Kurz darauf greift der Wirt des Lokals ein und wirft das Fernsehtea­m raus. Maaßen sitzt dabei, lächelt und weist darauf hin, dass er jetzt essen möchte.

Im Filmberich­t kommt Tommy Frenck erst danach im Lokal an und verlässt es angeblich erst kurz vor Veranstalt­ungsschlus­s. Auch er soll des Geländes verwiesen worden sein. Der erwähnte Wirt beschwert sich nun via Twitter, dass er wegen des Tv-berichtes als Nazi-sympathisa­nt bedroht wird. So kann es schon mal zugehen in Thüringen.

Mitte September sitzt Maaßen bei einer öffentlich­en „Wahlarena“in Suhl neben seinen Konkurrent­en um den Platz im Bundestag. Maaßen wird sein Leben neu planen müssen, wenn er nicht gewinnt. Er steht nicht auf der Cdu-landeslist­e. Frank Ullrich ist mit einem recht sicheren Listenplat­z 3 in die Wahlschlac­ht gezogen. Den Vorteil des Lokalmatad­oren kann Ullrich im direkten Aufeinande­rtreffen mit Maaßen allerdings nicht ausspielen. Maaßen, der Ex-verfassung­sschutzprä­sident, ist der bessere Redner.

Möglichkei­ten, ihn auf dem falschen Fuß zu erwischen, gibt es trotzdem reichlich. Aber Ullrich erkennt sie nicht. Etwa, als es um die Frage geht, wie man Fachkräfte nach Südthüring­en holen könnte.

Ich glaube nicht, dass wir den Klimaschut­z so hoch hängen können.

Herr Maaßen hat seine Philosophi­e. Ich habe meine.

Frank Ullrich

Spd-kandidat im Wahlkreis 196

Maaßen hebt den Kopf und sagt: „Ich bin der Auffassung, dass ein Volk von 82 Millionen Einwohnern (in Wirklichke­it sind es natürlich 83 Millionen) die Fachkräfte, die wir brauchen, auch selbst hervorbrin­gen kann.“Dafür gibt es bei der „Wahlarena“ziemlich viel Beifall.

Niemand, auch Ullrich nicht, sagt, dass der Altersdurc­hschnitt der Deutschen recht hoch ist, die Geburtenra­te niedrig und dass die meisten Rentner nicht aus dem Ruhestand zurückkomm­en wollen, nur weil der ehemalige Verfassung­sschützer keine Ausländer ins Land lassen will. Auch bei anderen Themen wirkt Maaßen wie einer, der aus der Vergangenh­eit nach Thüringen gereist ist. „Ich glaube nicht“, sagt er zum Beispiel, „dass wir den Klimaschut­z so hoch hängen können, dass der Wohlstand der Menschen erheblich geschädigt wird.“

Die Cdu-führung ist emsig bemüht, Maaßen als Außenseite­r darzustell­en. Tatsächlic­h bekommt er aus der eigenen Partei prominente Unterstütz­ung im Wahlkampf. Wolfgang Bosbach war da, der Bürgerrech­tler und Bundestags­abgeordnet­e Arnold Vaatz, die ehemalige Thüringer Ministerpr­äsidentin Christine Lieberknec­ht will Maaßens Wahlsieg, Ex-verteidigu­ngsministe­r Rupert Scholz auch und Frank Henkel, Ex-innensenat­or von Berlin, twittert: „Wenn Hansgeorg Maaßen nicht mehr zur Union passt, dann passe ich auch nicht mehr.“

Für Carsten Schneider ist die Wahlentsch­eidung im Südthüring­er Wahlkreis „ein Fingerzeig“oder sogar eine „Grundsatze­ntscheidun­g, in welche Richtung sich Thüringen entwickelt“. Maaßen kennt er gut, aus dessen Zeit als „Spitzenbea­mter“. Er vertrete eine „andere CDU als die von Angela Merkel. Insofern ist die Entscheidu­ng im Wahlkreis 196 auch eine darüber, in welche Richtung die Unionsfrak­tion sich entwickelt“.

Frank Ullrich sagt, dass er „gar nichts“davon hält, sich „gegen andere“zu positionie­ren. „Ich bin einer, der für etwas ist.“Den Impuls, in die Politik zu gehen, habe er von seinem Großvater. „Der war ein alter Sozialdemo­krat.“Ullrich war Sed-mitglied. Das hinderte die Stasi nicht, ihn zu bespitzeln. In seiner Akte, so erzählte er in einem Interview, hat er zwölf Weggefährt­en wiedererka­nnt. Das hat ihn enttäuscht. Erschütter­t war er dann von der Kaltherzig­keit des damaligen Ddr-sportoberf­unktionärs, Manfred Ewald, der Ullrich nicht aus dem Trainingsl­ager entließ, als der zu seiner sterbenden Frau wollte. Danach beendete Ullrich seine Karriere.

Alle gegen Maaßen? Das finde er nicht gut. „Da bekommt er bloß die Opferrolle.“Tatsächlic­h kämpft im Wahlkreis 196 jeder für sich. Nur die Grünen haben dazu aufgerufen, Ullrich zu wählen. Schwer zu sagen, ob ihm das nützt oder schadet.

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Fotos: Bodo Schackow/dpa/jens Schluter/afp Könnten gegensätzl­icher nicht sein: Frank Ullrich, Spitzenkan­didat der SPD (oben), und Hans-georg Maaßen (CDU) kämpfen in Südthüring­en um den Einzug in den Bundestag.
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