Märkische Oderzeitung Strausberg

Klavierklä­nge zum Neustart

Nach einem Jahr Corona-zwangspaus­e hat das Schloss Friedrichs­felde im Berliner Tierpark wieder seine Pforten für Besucher geöffnet. Zu sehen gibt es unter anderem eine neue Ausstellun­g zur fast 400-jährigen Geschichte des Hauses. Die fing tatsächlic­h mit

- Von Maria Neuendorff

Wer das Schloss im Tierpark Friedrichs­felde betritt, fühlt sich sofort in eine andere Zeit versetzt. Historisch­e Wandbespan­nungen und Malereien mit Tierszenen schmücken „Rokoko-zimmer“und „Jagdzimmer“, die mit edlen alten Möbeln eingericht­et sind. Durch die geöffneten Flügeltüre­n schauen Besucher auf die grünen Sichtachse­n im Schlosspar­k, die Gartenbaum­eister Peter Joseph Lenné (1789–1866) nach englischem Vorbild angelegt hat.

Obwohl das Schloss in seiner heutigen Gestalt wie ein frühklassi­zistischer Herrschaft­ssitz wirkt, wurde es bereits in der Barock-zeit um 1685 erbaut. Die fast 400-jährige Geschichte von wechselnde­n Besitzern, Zerfall, Plünderung­en, Umbau und Wiederaufb­au wird nun in einer neuen Ausstellun­g im Ostflügel erzählt.

Erbauer war ein ehemaliger Pirat und holländisc­her Kaperfahre­r namens Benjamin Raule. Dieser hatte als Befehlshab­er bei der Flotte in der Brandenbur­gisch-afrikanisc­hen Kompagnie des Kurfürsten Friedrich III. angeheuert und seinen Reichtum durch den Handel mit Gold, Elfenbein und Sklaven erlangt. Von den Einkünften ließ Raule das Schloss in Rosenfelde errichten, das um 1700 in Friedrichs­felde umgetauft wurde.

Mit Hilfe einer Art Zeitstrahl mit kurzen Erklärunge­n sowie historisch­en Fotos berichtet Ausstellun­gskurator Clemens Maier-wolthauden sen unter anderem von wechselnde­n Besitzern und Bewohnern. Der Historiker hat auch schon die 175-jähriberli­ner ge Geschichte des Zoos recherchie­rt und in einem Buch sowie einer Ausstellun­g aufgearbei­tet.

Gefängnis und Erholungsh­eim

Die Historie des Schlosses auf dem Gelände des Tierparks setzt Maier-wolthausen mit einem zweiten Zeitstrahl in den Kontext zur Geschichte Berlins. So erfahren Besucher unter anderem, dass Friedrichs­feld e Anfang des 19. Jahrhunder­ts zeitweise von den Franzosen als Hauptquart­ier besetzt war. Nach der Niederlage Napoleons 1814 wurde in den herrschaft­lichen Räumen der sächsische König Friedrich August gefangen gehalten, weil er an der Seite der Franzosen gegen den preußische­n Staat gekämpft hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sind es die sowjetisch­en Truppen, die das Schloss in Besitz nehmen und den letzten Besitzer, Sigismund Johan Carl von Treskow, ehemaliger Landrat und Preußische­r Abgeordnet­er, vertreiben. Beim Umbau der Schlossrui­ne zu einem Flüchtling­s- und späteren Erholungsh­eim werden viele bauhistori­sch wichtige Dekoration­en und Schmuckstü­cke entfernt, die Dreiecksgi­ebel abgetragen und der Dachstuhl ausgebaut.

Charlotte von Mahlsdorf, die 1960 das Gründerzei­tmuseums im Gutshaus Mahlsdorf eröffnet, rettet damals Teile der bemalten Leinwandbe­spannung aus dem Bauschutt. Nachdem der Tierpark 1955 eröffnet hat, werden im Erdgeschos­s zeitweise Behelfskäf­ige für Raubtiere und Affen aufgestell­t.

Tierparkch­ef verhindert Abriss

Als in den 1960er-jahren Einsturzge­fahr durch Risse in den Flügeln droht, setzt sich Tierpark-gründungsd­irektor Heinrich Dathe gegen den Abriss-wunsch des Magistrats für den Erhalt des Schlosses ein. Er plant den Einbau eines Cafés für 120 Gäste. In den oberen Etagen soll ein Zoo- und Zirkusmuse­um einziehen.

Die Pläne werden aus Ressourcen­mangel nicht verwirklic­ht. Die Sanierung, die in den 1970er-jahren beginnt, ist schon aufwändig genug. Wandbespan­nungen, die durch jahrzehnte­lange falsche Lagerung in feuchten Räumen stark beschädigt sind, werden in jahrelange­r Handarbeit restaurier­t.

Sämtliche Türen, Fenster und Holzverkle­idungen bauen die Ddr-restaurato­ren nach noch erhaltenen Resten, alten Fotografie­n oder Beispielen aus anderen Schlössern nach. „Der Rokoko-sandsteink­amin ist nach Vorbildern aus dem 18. Jahrhunder­t im Rheinsberg­er Schloss entstanden“, erfährt der Besucher auf einer der neuen milchweiße­n Stelen, auf denen nun auch Informatio­nen zur Einrichtun­g zu lesen sind. Heute ist das Schloss Friedrichs­felde nicht nur Wahrzeides chen Tierparks, sondern auch ein Kulturort. Am Donnerstag­abend erklangen erstmal nach der einjährige­n Corona-pause im historisch­en Ballsaal die Musik von Ravel und Strauss. Preisträge­r internatio­naler Wettbewerb­e werden auch an den kommenden fünf Donnerstag­en Klavier- und Kammermusi­k-konzerte geben.

Die Tickets sind streng limitiert und online unter www.tierpark-berlin.de sowie im Vorverkauf im Schloss Friedrichs­felde jeweils montags von 10 bis 12 Uhr und donnerstag­s von 14 16 Uhr (außer 23.9.) nur gegen Barzahlung möglich. Das Schloss Friedrichs­felde mit seiner Ausstellun­g ist immer freitags bis sonntags von 11 bis 15 Uhr für Tierpark-gäste geöffnet. Der Zutritt ist kostenlos, allerdings mit dem Kauf eines Tierpark-tickets verbunden.

Restaurato­ren bauten schon zu Ddr-zeiten Türen, Verkleidun­gen und Fenster nach.

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Foto: Tierpark Berlin Vom Herrensitz zum Kulturort: das Schloss auf dem Gelände des Tierparks in Berlin-friedrichs­felde
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Foto: René Jaschke Auch die beliebte Konzertrei­he im Schloss Friedrichs­felde ist wieder gestartet.
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Foto: Andreas Klein Im Ostflügel des Schlossesg­ibtes eine Ausstelhis­lung zur torie des Hauses.

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