Märkische Oderzeitung Strausberg

Schmiersto­ff der Welt

Eine sehenswert­e „Tiefenbohr­ung“auf Arte zeigt, wie Erdöl seit Mitte des 19. Jahrhunder­ts zu einem der weltweit gefragtest­en Rohstoffe wurde.

- Von Joachim Heinz kna

Was der Us-amerikaner Edwin Laurentine Drake in Pennsylvan­ia zutage förderte, sollte den Lauf der Weltgeschi­chte ändern. Öl schießt am 27. August 1859 im kleinen Ort Titusville aus Drakes Bohrloch aus dem Boden. Um die Flüssigkei­t abzufüllen, lässt er Whiskeyfäs­ser mit einem Fassungsve­rmögen von 159 Litern heranrolle­n, englisch Barrel. Dieses Maß sollte bleiben – in einer ansonsten von Maßlosigke­it geprägten Branche. Der Sender Arte zeigt in „Öl. Macht.geschichte“, was seither geschah. Zu sehen sind die beiden glänzend recherchie­rten Teile der Dokumentat­ion von Andreas Sawall an einem Stück.

Der Ölboom begann mit einer Umweltkata­strophe. Das schwarze Gold aus den Tiefen der Erde sollte das Walfischöl ersetzen, das die Petroleuml­ampen zum Leuchten brachte. Vor 200 Jahren hatte der Mensch die Meeressäug­er deswegen praktisch ausgerotte­t. Nun aber stand ein neuer Rohstoff zur Verfügung – der darüber hinaus noch ganz andere Qualitäten offenbaren sollte.

Vom Auto bis zum Computer, vom Plastikspi­elzeug bis zur Kreditkart­e: Im Alltag schwimmt der Verbrauche­r förmlich in Öl oder den daraus gewonnenen Kunststoff­en. Manch einem verhalfen Förderung, Veredelung und Handel die Deutschen auf Kohle setzten. Der von den Deutschen entfesselt­e Zweite Weltkrieg lässt sich, das zumindest legt die Dokumentat­ion nahe, ebenfalls unter dem Aspekt der Ölversorgu­ng betrachten. Hitlers Truppen ging nach anfänglich­en Erfolgen buchstäbli­ch der Sprit aus.

Unterdesse­n buhlten Us-amerikaner wie Briten um die Gunst von Saudi-arabien, wo 1938 die ersten Erdölvorko­mmen entdeckt worden waren. Noch in den 1920er-jahren stand das Land vor dem Kollaps. Die Dynastie der Saud hatte zwar die Kontrolle über die heiligen Stätten des Islam, Mekka und Medina. Aber das Vermögen des ersten Königs Abd al-aziz ibn Saud (1875–1953) passte in die Satteltasc­he seines Kamels, wie Zeitgenoss­en spöttelten. Der Einstieg ins Erdöl-business brachte die Wende.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriege­s legten Us-präsident Franklin D. Roosevelt und ibn Saud die Grundlage für eine bis heute bestehende Partnersch­aft. Winston Churchill hatte das Nachsehen – wohl auch, weil er bei einem Treffen mit ibn Saud nicht auf Alkohol und Zigarren verzichten wollte. „Seine Religion mag ihm Rauchen und Trinken verbieten. In meiner Religion ist es jedoch ausdrückli­ch erlaubt“, beschied Großbritan­niens Premiermin­ister.

Am Ende des Ölbooms könnte, wie Sawall zeigt, eine weitaus größere Umweltkata­strophe als das Aussterben der Wale stehen. Die Folgen des Klimawande­ls sind längst spürbar. Schon 1973 mahnte die Us-regierung ihre Bürger zu einem ressourcen­schonender­en Leben. „Wir müssen unsere Liebesbezi­ehung zu großen Autos beenden.“Passiert ist seither herzlich wenig.

„Öl.macht.geschichte“, Arte, heute, 20.15 Uhr

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Foto: Zdf/mauritius images/mustafa Yilmiz/alamy Lizenz zum Gelddrucke­n: ein Öl-bohrturm in der Wüste

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