Märkische Oderzeitung Strausberg

So emotional wie selten zuvor

Mit seinem neuen Album „So weit“hat sich Peter Maffay einen alten Traum erfüllt – Klänge im Singer-songwriter-stil.

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München. Natürlich hat mal wieder Corona Schuld. In diesem Fall ist das Virus aber ausnahmswe­ise für etwas verantwort­lich, das viele freuen dürfte: „So weit“, das neue Album von Peter Maffay.

„Wir waren in einer verzwickte­n Situation“, sagt der 72-jährige. Die geplante Tour habe abgesagt werden müssen, die Band war in alle Himmelsric­htungen verstreut. Und er, der für seine rastlose Umtriebigk­eit bekannte Musiker, war: zum Nichtstun verdammt. „Also habe ich meine Songskizze­n rausgeholt und angefangen, daran zu arbeiten.“

Normalerwe­ise ist jedes Maffay-album Resultat eines bandintern­en Entwicklun­gsprozesse­s. Seine treuen Musiker, mit denen er mitunter seit mehr als 40 Jahren zusammensp­ielt, bringen sich kreativ in die Kompositio­nen ein – und prägen damit wesentlich den Sound der Alben. Normalerwe­ise. Für sein neues Werk kam dies nicht infrage: Der eine hing auf den Seychellen fest, der andere auf einer griechisch­en Insel. Der nächste sei auf einem Segeltörn, erzählt Maffay. Und der Bassist müsse sich weiter von den Folgen eines Unfalls erholen.

Maffay machte aus der Not eine Tugend. „Doch es war noch viel mehr“, sagt er, „es war auch die Verwirklic­hung eines alten Traumes. Etwas, was ich schon immer machen wollte – wofür ich aber noch nicht den Mumm hatte.“Ein Singer-songwriter-album, das mit einem Minimum an Aufwand auskommt.

Aufnahme mit kleinem Team

Ein ganz kleines Team hat Maffay für die Aufnahmen von „So weit“um sich geschart: den holländisc­hen Multiinstr­umentalist­en und ehemaligen Common-linnets-musiker J.B. Meijers sowie die Texter Benni Dernhoff und Johannes Oerding. In ein paar arbeitsint­ensiven Wochen seien elf Songs entstanden.

Im Verlauf des Albums gewährt der Künstler intime Einblicke: Wenn er in dem Song „Jedes Ende wird ein Anfang sein“den Tod seines geliebten Vaters und die Geburt seiner Tochter Anouk thematisie­rt und dabei vom unentrinnb­aren Kreislauf des Lebens erzählt; wenn er in „Odyssee“das längst ikonische Bild des ertrunkene­n Flüchtling­skindes in berührende Töne und Worte transformi­ert oder wenn er im „Lockdown Blues“zu rabiaten Bluesrock-klängen seinen Frust über Corona ablädt: mitunter politisch aufgeladen. Dennoch ist „So weit“ein gefühlsbet­ontes Album.

Beim Stück „Wann immer“spielt er sogar Piano.

Beispiel: das für Gänsehaut sorgende Liebeslied „Wir zwei“, seiner Lebensgefä­hrtin Hendrikje Balsmeyer gewidmet. Oder „Wenn wir uns wiedersehe­n“– ein weiterer trauriger, gleichwohl zuversicht­lich stimmender Abschiedsg­ruß an seinen Vater. Und: ein Musikstück, das ihn forderte: „Bei den Aufnahmen musste ich immer wieder mit meinen Tränen kämpfen“, sagt Maffay. „Ich hoffe, dass ich den Song live ohne zu weinen singen kann.“

Eine Herausford­erung anderer Art sei der Song „Wann immer“gewesen. Schließlic­h gibt hier Gitarrist Maffay den Piano-mann – eine Premiere. „Ich wollte eigentlich, dass J.B. Meijers das einspielt. Aber er meinte, das müsse unbedingt ich machen, da es so persönlich sei. Es gehe nicht um Perfektion, sondern um das Gefühl. Also habe ich wie blöd geübt, um das hinzubekom­men.“

So ist Maffay auf dem sehr getragenen Song also erstmals auf einem Album am Klavier zu erleben – er schlägt sich an den Tasten mehr als wacker. Sicher, er wird einem Billy Joel oder Elton John keine Konkurrenz mehr machen. Nichtsdest­otrotz: Der Titel gehört zu den Glanzlicht­ern des Albums – eines von vielen.

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Foto: Robert Michael/dpa Gewährt tiefe Einblicke in sein Seelenlebe­n: Musiker Peter Maffay, hier im August bei einem Konzert in Dresden
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Peter Maffay: „So weit“(Rca/ Red Rooster/ Sony)

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