Märkische Oderzeitung Strausberg

Die Türen weiter aufgestoße­n

Am Donnerstag öffnen erste Teile der ethnologis­chen Ausstellun­gen im Humboldt Forum. Zu sehen sind auch Objekte aus kolonialer Zeit.

- Von Boris Kruse (mit dpa)

Da ist zum Beispiel der farbenpräc­htige Thron aus dem Königreich Bamum im heutigen Kamerun. Angefertig­t wurde er um das Jahr 1800 herum für König Nsangu. Der aber starb bald im Krieg gegen die benachbart­en Bansu. Sein Sohn Njoya folgte ihm im Kindesalte­r auf den Thron. Und der zeigte sich, wie es im Ausstellun­gsraum im zweiten Obergescho­ss des Humboldt Forums heißt, „nach langen Verhandlun­gen“im Jahr 1908 ,bereit’, diesen Thron als Geschenk für Kaiser Wilhelm II. ,zu übergeben‘“.

Es sind Geschichte­n wie diese, die in Kürze die Brisanz der Ausstellun­gen im Humboldt Forum verdeutlic­hen. Da begegnen die kolonialen Hintergrün­de der ethnologis­chen Sammlungen schon in unscheinba­ren Erklärsätz­en, da ist jedes Wort mit aufmerksam­en Ohren zu verfolgen. Wie viel „Bereitscha­ft“war da wirklich im Spiel, und wie haben die Verhandlun­gen zwischen Kolonialma­cht und Kolonialis­iertem sich zugetragen? Eine Mammutaufg­abe für die Provenienz­forschung ist es, solche Details aufzukläre­n und sich hier auch über Interpreta­tionsfrage­n zu einigen.

Kontaminie­rte Exponate

Mit einem weiteren Öffnungssc­hritt sind im Humboldt Forum in Berlin-mitte von Donnerstag an auch Objekte zu sehen, deren Verbleib in den ethnologis­chen Sammlungen wegen ihrer Kontaminat­ion mit Kolonialge­schichte umstritten ist. Ethnologis­ches Museum und Museum für Asiatische Kunst öffnen in der zweiten und dritten Etage des wiederaufg­ebauten Hohernzoll­ernschloss­es weitläufig­e Räume. Zu sehen sind Exponate aus Afrika, Asien, Ozeanien und vereinzelt Amerika.

Aus Sicht von Hartmut Dorgerloh, Intendant des Zentrums für Kunst, Kultur und Wissenscha­ft, sind die Museen von „entscheide­nder Bedeutung für das Gelingen des Gesamtproj­ekts“. Die Ausstellun­g ermögliche „die erforderli­chen Debatten über Kolonialis­mus und über Rassismus, über Diskrimini­erung und Machtverhä­ltnisse“. Er versteht das Humboldt Forum als „Ort der Vielstimmi­gkeit“– für die Berliner Stadtgesel­lschaft, aber auch für Besucher aus aller Welt.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußische­r Kulturbesi­tz, nannte die Museen der Stiftung „thematisch­es Rückgrat“des Humboldt Forums. „Die Debatte um die kolonialen Kontexte dieser Sammlung haben schon auch dazu geführt, dass die Museen nicht nur in Berlin, auch in Deutschlan­d und anderswo ihre Haltung ändern“, sagte Parzinger. Mit Blick auf die Restitutio­nsdebatte um Objekte aus der Kolonialze­it bekräftigt­e er, im nächsten Jahr werde es „zu substanzie­llen Rückgaben kommen“. Er betonte, das koloniale Unrecht müsse im Humboldt Forum „Teil der Erzählung“werden.

Von den etwa 500.000 Objekten der zuvor in Berlin-dahlem präsenten Ausstellun­gen sollen rund 20.000 im Humboldt Forum gezeigt werden. Dazu gehören auch die als koloniales Raubgut geltenden Benin-bronzen, die vermutlich von Mitte 2022 an zu sehen sein sollen.

Die jetzt öffnenden Teilausste­llungen im Westflügel des 680 Millionen Euro teuren Schloss-neubaus werden auf einer Fläche von 4.000 Quadratmet­ern mit rund 3.000 Objekten bespielt. Insgesamt sollen es im West- und im Ostflügel ab dem nächsten Jahr auf 8.500 Quadratmet­ern Fläche rund 10.000 Exponate sein. An der Vorbereitu­ng waren und sind rund 150 Restaurato­ren beteiligt, wie Chefrestau­rator Toralf Gabsch erklärte – ein Mammutproj­ekt, das es so im Bereich der ethnologis­chen Museumsarb­eit noch nicht gegeben hat.

Transparen­z und Dialog

Den Verantwort­lichen ist allenthalb­en ihr Bemühen anzumerken, die kritischen Debatten der zurücklieg­enden Jahre – um Restitutio­n von kolonialen Objekten, im weiteren Sinne aber auch um den umstritten­en Wiederaufb­au des Kaiserschl­osses der Kolonialma­cht Deutschlan­d – aufzugreif­en und jeglichen Anfechtung­en argumentat­iv zu begegnen. So gibt es mit der Ethnologin Andrea Scholz eigens eine „Kuratorin für transkultu­relle Zusammenar­beit“, deren Aufgabe es ist, die Gesprächsk­anäle mit den Urheberinn­en und Urhebern der Exponate sowie deren Nachfahren lebendig zu halten. Scholz selbst bezeichnet ihre Funktion als die einer „Türsteheri­n“, aber gewisserma­ßen unter umgekehrte­n Vorzeichen: Ihre Aufgabe sei es, „die Tür immer noch ein bisschen weiter aufzustoße­n“. Heißt: Im Zweifelsfa­ll den Stimmen der Urheber noch mehr Gewicht einzuräume­n, sie präsent zu machen und die Initiative­n für Rückerstat­tung konstrukti­v aufzunehme­n.

Die Provenienz­forscherin Christine Howald, Stellvertr­etende Direktorin des Zentralarc­hivs, betonte in diesem Sinne, sie wolle „keine Betondecke über unsere Forschung legen“, warb aber auch um Geduld: „Provenienz­forschung dauert lange.“Hinweise zu problemati­schen Herkünften der Exponate werden mit einem Digitalisi­erungsproj­ekt online abrufbar gemacht.

Ein „Ort der Vielstimmi­gkeit“für Stadtgesel­lschaft und Besucher aus aller Welt.

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Foto: Jörg Carstensen/dpa Ab Donnerstag zu sehen: Eine Shiva aus Süd-indien ist im Humboldt Forum ausgestell­t.

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