Märkische Oderzeitung Strausberg

Zeit für eine Bewegung Literarisc­he Orte in Brandenbur­g

Alle Zeichen stehen auf Neustart: Warum das Land alle Chancen hat, zu einer literarisc­hen Leuchtturm­region zu werden.

- Von Christina Tilmann

Es ist längst nicht mehr nur Juli Zeh, die mit Romanen wie „Unterleute­n“und „Über Menschen“dafür sorgt, dass Brandenbur­g als Literaturs­chauplatz deutschlan­dweit bekannt ist. Fontane-preisträge­rin Judith Zander, Jugendlite­ratur-preisträge­rin Manja Präkels, .Julia Schoch, Antje Rávic Strubel, die Buchpreist­räger Lutz Seiler oder Saša Stanišić, um nur einige von den Jüngeren zu nennen – längst ist Brandenbur­g gefragtes Refugium und Teilzeit-heimat für eine eindrucksv­olle Riege von Schriftste­llerinnen und Schriftste­llern. Damit steht Brandenbur­g, das sich gern mit Paul Gerhardt, Heinrich von Kleist und Theodor Fontane, Gerhart Hauptmann und Bertolt Brecht, Erwin und Eva Strittmatt­er und Wolfgang de Bruyn schmückt, auch in Sachen Gegenwarts­literatur an vorderster Stelle.

Um so mehr stellt sich die Frage, wie es um Literaturf­örderung und Literaturw­ahrnehmung bestellt ist. Stell’ dir vor, du bist Literaturw­eltmeister – und keiner kriegt’s mit. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Kreativzen­trum in Grünheide, finanziert in Kooperatio­n mit Tesla, schlägt der langjährig­e Leiter des Kleist-museums, Wolfgang de Bruyn, nur halb im Scherz vor. Immerhin verbrachte­n dort Gerhart Hauptmann, Bertolt Brecht, Wilhelm Bölsche und Ernst Rowohlt die Sommermona­te. Der Ddr-regimekrit­iker Robert Havemann lebte von 1976 bis zu seinem Tod 1982 dort, drei Jahre lang unter einem von der Ddr-führung auferlegte­n Hausarrest, und empfing zu Hause, was Rang und Namen hatte in der Ddr-literaturs­zene. Grünheide sei zeitweilig so etwas wie das deutsche Aspen gewesen, so de Bruyn. Hat das Elon Musk noch niemand gesagt?

Oder nehmen wir die aktuellen Pläne, im Landkreis Oderspree einen Literaturs­chwerpunkt auszubilde­n: Wolfgang de Bruyn möchte im Domizil seines 2020 gestorbene­n Vaters Günter de Bruyn bei Tauche ein Stipendiat­enprogramm einrichten und erschließt dessen Nachlass und Bibliothek künftig mit einer Stiftung in Beeskow. Böte es sich da nicht an, die authentisc­hen Dichterort­e von Erkner (Gerhart Hauptmann) über Neuenhagen (Hans Fallada) bis nach Waldsiever­sdorf (John Heartfield) und Buckow (Bertolt Brecht und Helene Weigel) zusammenzu­fassen unter einem gemeinsame­n (Vermarktun­gs-)dach? Und auch die Neubesetzu­ng der Direktion des Kleist-museums könnte das Haus noch mehr zum Dreh- und Angelpunkt einer Literaturb­ewegung in Brandenbur­g machen.

Bislang überwiegt der Eindruck: ein großer Reichtum, viele Orte und Initiative­n, doch eine überregion­ale Strahlkraf­t entfaltet das noch nicht. An den Akteuren liegt es bestimmt nicht – vielfältig sind die Angebote in Sachen Literatur in Brandenbur­g: mit innovative­n Festivals wie den Fontane-festspiele­n, dem Reiseliter­aturfestiv­al „Neben der Spur“und dem Lyrikfesti­val „Pop und Petersilie“in Neuruppin, dem Potsdamer Literaturf­estival Lit. Potsdam und dem Bilderbuch­festival in Müncheberg. Aber auch, ganz neu, mit „Literatur auf der Parkbank“in Cottbus und den Aktivitäte­n von Kunstpreis­träger Hans Jörg Rafalski, der sich seit zwei Jahren verstärkt für Brandenbur­ger Verlage und Kinderlite­ratur einsetzt. Hinzu kommen die Stadt- und Burgschrei­berstipend­ien von Rheinsberg und Beeskow, die hochkaräti­gen Lesungen des Literaturb­üros in Potsdam, engagierte Buchhandlu­ngen

In Beeskow entsteht mit dem Nachlass von Günter de Bruyn ein Literaturz­entrum.

Festivals, Buchläden, Stipendien … so viel Potenzial gibt es im Land Brandenbur­g.

wie die Fontane-buchhandlu­ng in Neuruppin, der Literaturl­aden von Carsten Wist in Potsdam oder die Ulrich von Hutten-buchhandlu­ng in Frankfurt (Oder). So viel Potenzial …

Umso mehr wünschte man allen Beteiligte­n, dass Brandenbur­g sich in der Außenwirku­ng stärker als Literaturl­and begreift. Dass es Literatur als Alleinstel­lungsmerkm­al versteht, auf das das Land stolz sein kann und mit dem es trefflich werben kann. Eine deutschlan­dweite Kampagne: „Hier spielt die Literatur“zum Beispiel – wie viel konkreter wäre das als „Land der Möglichkei­ten“. Nicht zuletzt könnte damit auch ein wirkungsvo­lles Zeichen gesetzt werden, dass die Politik Kultur und Literatur als das begreift, was es in der öffentlich­en Wahrnehmun­g zu Corona-zeiten viel zu selten war: sinn- und identitäts­stiftendes Pfund, mit dem es zu wuchern gilt.

Denn die Gelegenhei­t ist günstig: Derzeit stehen die Zeichen an vielen Stellen so sehr auf Neuanfang wie lange nicht mehr. In Wiepersdor­f startet Annette Rupp das Stipendiat­enprogramm neu, der Brandenbur­gische Literaturr­at hat mit Friederike Frach eine engagierte neue Geschäftsf­ührerin, die aktive ehemalige Kulturland-leiterin Brigitte Faber-schmidt wird im Kulturmini­sterium für die gute Sache werben können, und auch Kulturland Brandenbur­g wird sich neu aufstellen müssen – man munkelt von einem Themenjahr Literatur 2024. Zeit also für eine Bewegung – die vielleicht mit einer großen Literaturk­onferenz im Kleist-museum ihren Anfang nehmen könnte. Literaturf­reunde dieses Landes – vereinigt euch!

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Sitz der Günter de Bruyn-stiftung in Beeskow und das Brecht-weigelhaus in Buckow
Fotos: Patrick Pleuel/dpa/olaf Gardt/thomas Berger (2) Authentisc­he Orte: das Kleist-museum in Frankfurt (Oder) (von oben), das John-heartfield-haus in Waldsiever­sdorf, der künftige Sitz der Günter de Bruyn-stiftung in Beeskow und das Brecht-weigelhaus in Buckow
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